Verbrechen der Gestapo digital sichtbar machen

Hannover.  Wo befanden sich Orte des Gestapoterrors im heutigen Niedersachsen? Welche Gebäude nutzte die politische Polizei während des Nationalsozialismus? Wo waren die Dienstsitze, wo die Haftstätten der Geheimen Staatspolizei? Welche Bedeutung hatten Verkehrsmittel und -wege, Fernmeldewesen und Post für die damalige Standortwahl?

Antworten auf diese Fragen soll das Projekt »Orte des Gestapoterrors im heutigen Niedersachsen« geben, das die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und die TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften gemeinsam durchführen werden. Gefördert wird das Projekt vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Standorte und Infrastruktur flächendeckend untersuchen

Die Gestapo war eines der wichtigsten Terrorinstrumente des nationalsozialistischen Staates. Sie verfolgte unter anderem politische Gegnerinnen und Gegner, setzte den staatlichen Antisemitismus und Rassismus durch und erhielt die Kriegswirtschaft aufrecht. »Die Gestapo war mit besonderer Macht ausgestattet: Sie konnte eigenmächtig Strafen verhängen und vollstrecken, sie folterte Verdächtige und tötete Gefangene«, betont Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Der Gestapo gelang es wie in vielen anderen Regionen auch im Bereich des heutigen Landes Niedersachsen, ihre Unterlagen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend zu vernichten. Insbesondere Nachkriegsermittlungen und Parallelüberlieferungen ermöglichen jedoch die Rekonstruktion der Tätigkeit der Gestapo.

Im Mittelpunkt des Forschungsprojektes stehen die Orte des Gestapoterrors im Bereich des heutigen Landes Niedersachsen. Die damaligen Dienstsitze und Haftstätten sollen erstmals flächendeckend als grundlegende Faktoren der Gestapotätigkeit untersucht werden. »Standorte und Infrastruktur der Gestapo sind neue Untersuchungsfelder. Bisher hatte die Forschung vor allem Personal, Aufgaben und Organisation der Gestapo im Blick«, erläutert  Janine Doerry. Als Mitarbeiterin der Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht e. V. aus Osnabrück hat sie die Antragsteller beraten.

Geschichtliches Erbe digital zugänglich machen

Anhand von Standorten und Infrastruktur soll nicht nur die Tätigkeit der Gestapo erforscht, sondern auch das Wissen über deren Verbrechen und die spätere Erinnerung daran digital zugänglich gemacht werden. Als kulturelles Erbe Niedersachsens werden dabei insbesondere Gedenkstättensammlungen, themenspezifische Archivbestände und Baudenkmale erschlossen und erforscht. Die während der NS-Zeit mehrfach wechselnden Standorte der Gestapo und die heutigen Erinnerungsorte sollen in einer vierdimensionalen digitalen Landkarte – mit orts- und zeitbezogenen Daten – dargestellt werden. Die Forschungsergebnisse werden auf der Webseite des Projektes öffentlich zugänglich gemacht.

»Wir als TIB sind für die digitale Erschließung und Aufbereitung der Daten zuständig und werden dafür sorgen, dass sie frei zugänglich sind und damit beispielsweise für die Bildungsarbeit oder für weitere Forschung verwendet werden können«, erklärt Prof. Ina Blümel vom Open Science Lab (OSL) der TIB, wo das Projekt angesiedelt ist. Die TIB greift beim Aufbau auf ihre Erfahrungen aus aktuellen Projekten wie GESAH und VIVO zurück. Das Projekt ist Teil des neuen Open-GLAM-Schwerpunkts des OSL. GLAM steht für »Galleries, Libraries, Archives, Museums«, also kulturelle Institutionen und Gedächtnisorganisationen, die unter dem Begriff »Open GLAM« ihre Werke öffentlich frei zugänglich machen. Das Projekt wird im Oktober zeitgleich mit der ebenfalls gerade bewilligten Nationalen Forschungsdateninfrastruktur zu materiellen und immateriellen Kulturgütern (NFDI4Culture) starten.

Daten zum Gestapoterror miteinander vernetzen

»Die im Projekt entwickelte digitale Landkarte bezieht neben den neuen Forschungsergebnissen auch Informationen zu digitalen Objekten ein, die bereits an anderer Stelle existieren«, so Prof. Blümel. Insbesondere sollen Datensätze zu historischen Stätten, Institutionen und Ereignissen verlinkt werden, die in frei zugänglichen Datenbanken wie dem Digitalen Denkmalatlas Niedersachsen, Wikidata, Wikimedia Commons, Pelagios Commons und Open Street Map hinterlegt sind. Hinzu kommen außerdem Objekte und Beschreibungen auf den Webseiten der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und einzelne niedersächsische Erinnerungsorte, beispielsweise die Verortung der ehemaligen Gestapo-Dienstsitze im Stadtraum Braunschweigs.

Die Plattform soll darüber hinaus auch in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit genutzt werden. »Jenseits des Klassenzimmers können hier neben den klassischen Lernmethoden auch lokale Gedenkorte einbezogen werden. Im Rahmen des von der TIB koordinierten Kultur-Hackathons ‚Coding da Vinci‘ im Oktober 2020 finden hierzu gezielte Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrerinnen und Lehrer, Mitarbeitende von Gedenkstätten sowie andere Vermittlungspersonen statt«, sagt Lambert Heller, Leiter des OSL.

»Citizen Science«: Engagierte Bürgerinnen und Bürger gesucht

Nach dem erfolgreichen Aufbau der geplanten Plattform sind dann die Bürgerinnen und Bürger gefragt: Als angemeldete Nutzerinnen und Nutzer können sie kontinuierlich weitere Informationen in die Plattform einpflegen. Das ist Partizipation im Sinne von »Citizen Science« – oder Bürgerwissenschaft –, wo Laien die Möglichkeit haben, sich in wissenschaftliche Projekte einzubringen.

Das Projekt »Stiftung niedersächsische Gedenkstätten – Orte des Gestapoterrors im heutigen Niedersachsen« hat eine Laufzeit von zwei Jahren, startet offiziell im Oktober 2020 und wird mit gut 250 000 Euro gefördert.

red. / 14.9.20

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