„Diskussionsmacher*innen sind sexy!“ | #werkstattplus

‚Extrem gut diskutieren’ war der Titel einer Diskussionsrunde zur Debattenkultur im Öffentlichen Raum, initiiert vom BIB, Frankfurter Buchmesse und Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Eine Diskussionsrunde, die den bibliothekarischen Verbänden, dem Buchhandel aber auch viele anderen Partner Aufgaben mit auf den Weg gegeben hat. Aufgaben, die aufbauen auf Themen, die ohnehin bereits virulent durch Kongress und Bibliotheken waberten, Aufgaben, die man als Verband auch gerne übernimmt.

Souverän moderiert von Katja Böhne (Leitung Marketing und Kommunikation der Frankfurter Buchmesse) begann eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft:
Böhne registriert eine ‚rhetorische Hilflosigkeit der Bürgerschaft’. Viele, die im zivilen Ungehorsam demonstrierend – für der gegen was auch immer – unterwegs seien, fühlen sich nicht ernst genommen. Karla Kolumnas ehemals belustigend wirkender Ruf „Sensationen, Sensationen…“ lasse einem schon lange nicht mehr lächeln, ergänzte Alexander Skipis (Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins). Verstärkend, so Skipis weiter, seien da die Implikationen aus den dysfunktionalen Demokratien in und außerhalb von Europa – politische Systeme brennen, die Zivilgesellschaft müsse wach werden und sich gegen die ständigen Skandalisierungen von Nichtigkeiten, die Emotionalisierungen und v.a. den Verkürzungen komplexer Inhalte verbunden mit dem immer wieder auftauchenden Hass wehren.

Philip Husemann (Initiative Offene Gesellschaft, Berlin) stimmte dem zu, er würde auch oft bei seinem diskursiven Leitmedium Twitter die Türe kurz nach dem Öffnen wieder zuschlagen – so heftig und so laut schalle es ihm da entgegen. Man müsse – darauf konnten sich alle einigen – die analoge Ohnmacht aufbrechen, und alle würden sich oftmals Nina Georges (PEN-Zentrum, Berlin) Oma Annelie als Wächterin im digitalen Raum wünschen, die mahnend ruft: „Nun wollen wir aber mal nicht ausfallend werden!“– und alle, alle hören.

Diese rhetorisch gekonnte Lösung ist nicht in die Praxis umsetzbar, also konzentriert man sich auf Projekte, die niedrigschwellig und nicht paternalistisch, nicht ‚von oben herab’ aktivieren und ansprechen. Was also tun?

  • Gemeinsam mit PEN, Deutschem Schriftstellerverband, Kulturrat und Börsenverein initiieren die bibliothekarischen Verbände gemeinsam einen lauten Appell an die Politik: Die Hamburger Erklärung wird aufgegriffen, denn „Wer nach der Grundschulzeit nicht sinnentnehmend lesen kann, wird es in den weiterführenden Schulen nicht lernen.“ Das gälte es immer wieder und immer wieder in die Politik auf Landes- und Bundesebene zu tragen.
  • Über den Börsenverein wird eine Initiative erarbeitet, in Buchhandlungen verstärkt Diskussionsformate anzubieten – auch mit Autor*innen. Hier werden über Börsenverein und Bibliotheksverbände Allianzen gebildet, um vor Ort direkt in kooperative Formate zu starten.
  • Gemeinsam mit Philip Husemann, der den Tag der Offenen Gesellschaft am 15. Juni 2019 initiiert, werden Bibliotheken, Buchhandlungen und andere Initiativen – wir wollen auf jeden Fall den Städte- und Gemeindebund und den Deutschen Städtetag gewinnen, hier mitzumachen – „Tische raus“ stellen, raus auf die Straßen und die öffentlichen Plätze, um den öffentlichen Raum zurückzuerobern, um einander zuzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen. Diese Aktion wird gerade zwischen den neu zusammen gekommenen Partnern abgestimmt.

Miteinander ins Gespräch kommen, miteinander kommunizieren und zuhören war auch Thema des Hands-on Lab mit Mandy Fischer, Redakteurin der Chemnitzer Freien Presse. Ziel des Workshops, der von der Lektoratskooperation und vom BIB initiiert wurde, war gemeinsame Formate mit Praktiker*innen aus Bibliotheken zu entwickeln. Nach Inputs zu ‚Deutschland spricht’ – der Aktion von tagesschau.de und vielen weiteren nationalen und regionalen Medien wie Spiegel und Zeit, zu ‚Werkstatt Demokratie’ der Süddeutschen Zeitung und zu der Initiative ‚Miteinander reden’ von der Bundeszentrale für politische Bildung – berichtete Mandy Fischer anschaulich von dem Format der Chemnitzer Freien Presse. „Chemnitz diskutiert“ wurde nach den Vorfällen im Herbst 2018 initiiert, als die Stadtgesellschaft „wie parallelisiert, bewegungslos und still“ nicht reagierte, und sich Wut, Frust und Hilflosigkeit in Demonstrationen und Auseinandersetzungen entluden.

Mit „Chemnitz diskutiert“ wurde ein Format gegründet, in dem unterschiedliche Menschen (Leserbriefschreiber aber auch sich für eine Teilnahme bewerbende Personen) gezielt zusammengebracht worden sind.

Auf dem Bibliothekartag wurde basierend auf all diese Ideen in einem World Cafe gemeinsam Überlegungen angestellt, wie solche und ähnliche Events von (kommunalen) Bibliotheken umgesetzt werden können: Welche Partner*innen, welche Formate, welche Inhalte und Themen biete ich als ‚Demokratie-Cafe‘ an, wen lade ich ein, wie bekomme ich heterogene Diskutant*innen und welche Spielregeln gelten.

Zurück zur Podiumsdiskussion, zurück zu den Tischen, die wir auf die Straßen und in die Parks stellen, zurück zum Tag der offenen Gesellschaft: Diskussionsmacher*innen sind sexy!, so Nina George.

Wir finden das auch. Wir machen die Diskussionen und wir unterstützen Bibliotheken und Buchhandlungen vor Ort. Die Inputs aus dem Hands-on-Lab fließen in kleine Moderationshandreichungen und Formatbeschreibungenein, die praktische Tipps zur Realisierung in der Kommune bilden. Mehr Infos dazu im Juni-Heft von BuB.

Also: Tische putzen, Flächen klären und den 15.06.reservieren wenn es heißt: Tische raus am Tag der offenen Gesellschaft.

Tom Becker, BIB für #werkstattplus #lbm19 #bibstories

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