Das Archiv der Flucht in der Vermittlungsarbeit Berliner Bibliotheken

Um das Archiv der Flucht bekannt zu machen, haben die Verantwortlichen Kontakt zu Bibliotheken gesucht: Ein Bericht aus Berliner Bibliotheken.
"Archiv der Flucht" in der Bibliothek: Bei einem Playtest beschäftigten sich Schüler mit den Interviews und gestalteten eine Klangcollage.
Ein sogenannter Playtest fand im August 2021 an der Stadtbibliothek Pankow statt. Die Schülerinnen und Schüler näherten sich den Aussagen von interviewten Menschen aus dem Archiv der Flucht über die Gestaltung einer eigenen Klangcollage. Copyright: CC-BY mediale pfade. Foto: Jason Krüger

 

Welche Formen des Erinnerns braucht es in heutigen Einwanderungsgesellschaften? Das Oral-History-Projekt »Archiv der Flucht« des Hauses der Kulturen der Welt Berlin (HKW) betrachtet die Erinnerungen nach Deutschland migrierter Menschen als integralen Bestandteil deutscher Nachkriegsgeschichte und bewahrt sie vor dem Vergessen und Verdrängen. Bibliotheken helfen, diese Fluchterzählungen zu vermitteln.

Auf der Suche nach Möglichkeiten, das Archiv der Flucht über die Bildungsarbeit am Haus der Kulturen der Welt Berlin (HKW) bekannt zu machen, haben die Verantwortlichen auf Empfehlung der Kulturstiftung des Bundes früh Kontakt zu Bibliotheken gesucht. Dabei sollten die vom Verein für Medienbildung mediale pfade entwickelten Bildungsansätze als Ausgangsmaterial von Workshops dienen, die in verschiedenen Bibliotheken und im HKW durchgeführt werden können.

Die Konzeptionswerkstatt, zu der mediale pfade im Juli 2021 Expertinnen und Experten aus der Praxis eingeladen hatte, brachte neben einer gemeinsamen kritischen Überprüfung der ersten Konzeptionsideen auch Austausch und Vernetzung mit den Entwicklerinnen und Entwicklern des Workshops. Mit ihnen wurde die Durchführung von Playtests an beiden Stadtbibliotheken verabredet.

Im August 2021 fand an der Stadtbibliothek Pankow ein zweitägiger Playtest zum Workshop-Format »Hörzeug*innen: Erinnerung an Nicht-Orte« statt. Die Schülerinnen und Schüler näherten sich den Aussagen von interviewten Menschen aus dem Archiv der Flucht über die Gestaltung einer eigenen Klangcollage, für die sie mit portablen Audiogeräten vorher selbst Geräusche aufgenommen hatten. Außerdem wurden in der Bibliothek Fotos zur Gestaltung der Startseite der neuen Bildungsplattform »Politische Bildung zum Archiv der Flucht« aufgenommen, die dort immer noch zu sehen sind.1

Im September 2021 folgte ein Playtest an der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg zum Workshop-Format »Ankunft und Ankommen – ein guter Ort«. Die Schülerinnen und Schüler programmierten mit CoSpaces ihren idealen Ort und das Highlight war, am Ende mit der VR-Brille den eigenen gestalteten Ankunftsort zu besuchen. Außerdem wurden zeitgleich mit den Thementagen im HKW die PC-Arbeitsplätze in der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg mit der Webseite des Archivs bespielt.

Veranstaltung von Workshops

Die Kooperationsvereinbarungen, die im September 2021 mit beiden Stadtbibliotheken geschlossen wurden, sahen die Durchführung je eines »Multiplikator*innen-Workshops« für Mitarbeitende des VÖBB sowie Publikums-Workshops vor, die im Tandem mit mediale pfade durchgeführt werden sollten, um Mitarbeitende zu befähigen, Workshops später auch allein anbieten zu können.

Die »Multiplikator*innen-Workshops« , die im Oktober und November 2021 zunächst an der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg und dann an der Stadtbibliothek Pankow unter Leitung von mediale pfade stattfanden, waren nicht nur eine Gelegenheit für Mitarbeitende des VÖBB sowie Kooperationspartnerinnen und -partner der Bibliotheken, die erarbeiteten Bildungsmaterialien und Workshop-Formate kennenzulernen und auszuprobieren, sondern auch, um sich zu vernetzen und gemeinsame Veranstaltungen zu planen. So entstanden beispielsweise der Kontakt und die Idee zur Kooperation mit der Erinnerungsstätte Marienfelde, die die Möglichkeit bot, im Rahmen von Workshops zum Archiv der Flucht auch mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen vor Ort ins Gespräch zu kommen.

 
»Der Krieg in der Ukraine, das Schicksal vieler geflüchteter Frauen sowie Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bestätigen auf erschütternde Weise die hohe Aktualität der über das Archiv der Flucht vermittelten Themen.«

 

Was die Publikums-Workshops betraf, so gestaltete sich die Akquise der eigentlichen Zielgruppe (junge Menschen zwischen 13 und 21 Jahren) und die zeitnahe Gewinnung von Schulklassen für die Workshop-Angebote schwieriger als gedacht (Auswirkungen der Pandemie, kurzer Planungsvorlauf und anderes). Trotzdem konnte ein Workshop zum Thema »Her-Story« mit großem Erfolg in Marienfelde umgesetzt werden. Daher wurden die Bildungsangebote auch an andere Zielgruppen angepasst und die Thematik Flucht und Migration mit anderen Kontexten verknüpft.

An der Stadtbibliothek Pankow sind beispielsweise Veranstaltungen mit dem Frauenzentrum zum Thema »Frauen auf der Flucht« und mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern des Begegnungscafés im Stadtteilzentrums in Planung. Auch der zu Beginn des nächsten Schuljahres neu entstehende
Makerspace für Jugendliche mit den Schwerpunkten Coding, Robotik und Nachhaltigkeit bietet Verknüpfungsmöglichkeiten mit dem Archiv, zum Beispiel um Fluchtursachen aufgrund des Klimawandels zu thematisieren. Auch in der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg sollen weiter Workshops in Kooperation mit der Erinnerungsstätte Marienfelde und »Hürdenspringer Tempelhof-Schöneberg«  stattfinden.

Positive Erfahrungen

Die Erfahrungen mit den von mediale pfade entwickelten Bildungsmaterialien und Workshop-Formaten lassen sich wie folgt zusammenfassen: Ein Vorteil ist, dass die Bildungsmaterialien als freie Open Educational Resources (OER) entwickelt und veröffentlicht sind, sodass sie flexibel auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe und Lernsituation angepasst werden können. Eigene Konzepte und Ideen können eingestellt und für andere nutzbar gemacht werden. Die gute Aufbereitung mit ausführlichen Beschreibungen und Ablaufplänen erleichtert die Durchführung eigener Workshops. Eine Einarbeitung in den Themenkomplex und eine vorherige Durchsicht der Materialien sind aber unabdingbar. Das Videomaterial ist in Kapitelsequenzen mit Überschriften gegliedert und sehr gut durchsuchbar, es liegen Transkripte vor.

Der Krieg in der Ukraine, das Schicksal vieler geflüchteter Frauen sowie Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen (Oral History) bestätigen auf erschütternde Weise die hohe Aktualität der über das Archiv der Flucht vermittelten Themen. Die Workshop-Formate, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert sind, Informationen zu recherchieren und Fakten zu prüfen, lassen sich durch die digitalen bibliothekarischen Angebote des VÖBB (statista, Munzinger, Brockhaus) ergänzen.

Hürden und Hindernisse

Als schwierig bei der Bewerbung der Workshops erwies sich die Fülle des auf der Bildungsplattform präsentierten Materials. Interessierte waren mit der Angebotsauswahl und den umfangreichen Beschreibungen der Formate oft überfordert. Es empfiehlt sich daher, dass Veranstalter/-innen eine Vorauswahl treffen und Vorschläge zu passenden Angeboten unterbreiten. Eine (zeit-)intensive Vorbereitung ist notwendig.

 
»Eigene Konzepte und Ideen können eingestellt und für andere nutzbar gemacht werden. Die gute Aufbereitung mit ausführlichen Beschreibungen und Ablaufplänen erleichtert die Durchführung eigener Workshops.«

 

Auch der zeitliche Umfang vieler Workshops sowie die Frage, ob die erforderliche Technik (zum Beispiel VR-Brille) und Kenntnisse (zum Beispiel Mozilla Hubs) immer zur Verfügung stehen, stellten Hindernisse dar. Schwierig sind auch Fragen nach der Zumutbarkeit bestimmter Themen (zum Beispiel Genitalverstümmelung) und der Alterseinstufung der Zielgruppe. Die Videointerviews sind nicht FSK-geprüft. Hier könnten zusätzliche Vor- und Nachbereitungsmaterialien unterstützen. Wünschenswert wären auch Handlungsempfehlungen zu Themen wie »Triggern von Traumata«. 

In der Arbeit mit dem Archiv ergeben sich viele Chancen und Anknüpfungspunkte zur Weiterentwicklung, sei es, über Vertreterinnen und Vertreter der Schul- und Bildungspolitik, die Arbeit mit dem Archiv der Flucht im Schulcurriculum zu verankern, stärker mit Beauftragten für Partizipation, Integration und geflüchtete Menschen sowie mit Selbstorganisationen für Migrantinnen und Migranten zusammenzuarbeiten und andere Bildungseinrichtungen wie Volkshochschulen, Medienzentren oder lokale Museen und Archive in die Kooperation einzubeziehen.

Über die Möglichkeiten der Nutzung des Archivs der Flucht in Wissenschaftlichen Bibliotheken berichtet Matthias Harbeck: https://b-u-b.de/detail/moeglichkeiten-der-nutzung-des-archivs-der-flucht-in-wissenschaftlichen-bibliotheken

1 https://archivderflucht-bildung.org/de/

Internetseite des digitalen Gedächtnisorts »Archiv der Flucht« mit allen Filmen und Gesprächen: https://archivderflucht.hkw.de

Freie Bildungsmaterialien und Workshoptools zum »Archiv der Flucht«: https://archivderflucht-bildung.org/de

medialepfade.org – Verein für Medienbildung: https://medialepfade.org

Förderung von Workshops mit Kindern und Jugendlichen zum »Archiv der Flucht« ist auch über das Programm »Total Digital!« für Projekte zur digitalen Leseförderung des Deutschen Bibliotheksverbands möglich: https://lesen-und-digitale-medien.de

Bei Fragen kontaktieren Sie gerne Kathrin Hartmann: hartmann@bibliotheksverband.de, Tel.: 030/644989915

Maria Naczynski ist Mitarbeiterin der Bezirkszentralbibliothek im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg und dort hauptverantwortlich zuständig für die Erwachsenenkoordination und Grüne Bibliothek. Sie ist außerdem Mitarbeiterin in der Fachgruppe Digitale Erwachsenenbildung im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB).

 

Johanna Thurau ist die stv. Leiterin der Janusz-Korczak-Bibliothek in Berlin-Pankow und dort verantwortlich für Out­reach, Kooperationsmanagement und Projektarbeit. Sie ist Mit-Koordinatorin der Pankower AG Diversity und arbeitet in der Fachgruppe Inklusive Angebote des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) mit.

 

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