Was haben Bibliotheken mit dem Klimawandel zu tun? Können sie überhaupt irgendeinen positiven Einfluss darauf nehmen? Die Antwort lautet: JA – und sie können es nicht nur – sie sollten es auch! Der folgende Beitrag beschreibt zunächst die wichtige Rolle der Bibliotheken zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, fokussiert dann auf das Agendaziel 13 »Bekämpfung des Klimawandels«, zeigt anhand einer kleinen Auswahl konkreter »SDG Stories« nachahmenswerte Beispiele aus verschiedenen Ländern und zeigt schließlich, wie internationale Bibliotheksverbände das Engagement für Klimaschutz konkret angehen. Im Folgenden werden entsprechende Entwicklungen im deutschsprachigen Raum anhand von ausgewählten Good-Practice-Beispielen vorgestellt. Eine Zusammenstellung von Initiativen zum Ideen-Sammeln, Mitmachangeboten und Förderprogrammen benennt zahlreiche Möglichkeiten für Bibliotheken, selbst aktiv zu werden. Das Fazit lautet: Es bleibt viel zu tun!
Internationale Initiativen
Abgesehen von Initiativen einzelner Bibliotheken greifen Bibliotheksverbände weltweit das Thema Klimaschutz aktiv auf.
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Der Schweizer Verband Bibliosuisse wirbt in seinem »Werkzeugkasten« aktiv für die Agenda 2030 als »Chance für Bibliotheken« und benennt zum Klimaschutz Möglichkeiten und konkrete Beispiele für bibliothekarisches Engagement.
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Die American Library Association (ALA) unterstützt finanziell Bibliotheksprogramme zur Bewältigung der Klimakrise.
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Der Australische Bibliotheks- und Informationsverband hat sich selbst das Ziel gesetzt, bis 2030 CO2-neutral zu werden.
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EBLIDA, das Europäische Büro der Bibliotheks-, Informations- und Dokumentationsverbände, hat eine Matrix zur Agenda 2030 veröffentlicht, so auch zu Ziel 13. Sie führt EU-Programme auf, die für Bibliotheken relevant sein könnten, Bibliotheksstandards und Best Practices, Möglichkeiten zur Bibliotheksförderung, wichtigste Eurostat-Indikatoren sowie Bibliotheksindikatoren zur Bewertung von Bibliotheksleistungen und deren Übereinstimmung mit SDG-Indikatoren.
Dieser Blick über den Tellerrand auf beispielgebende Praxisprojekte des Auslands mag Lust darauf machen, sich auch jenseits unserer Landesgrenzen umzusehen und Anregungen für eigene Projekte zu sammeln.
Entwicklungen im deutschsprachigen Raum
In den letzten vier Jahren haben sich Saatgutbibliotheken und die Bibliothek der Dinge vor allem in ÖBs zu einem Markenzeichen entwickelt. Darüber hinaus werden zunehmend klimarelevante Veranstaltungen in Bibliotheken durchgeführt.
Dennoch zeichnet sich eine Tendenz ab, dass viele Bibliotheken noch einen Schritt weiter gehen möchten – nicht mehr nur im Außen wirken, sondern auch den Blick nach innen wagen – sich nicht mehr mit Allgemeinplätzen beruhigen, dass Bibliotheken ja sowieso nachhaltig seien aufgrund des Sharingprinzips, sondern sich einer mutigen Bestandsaufnahme ihrer Betriebsökologie unterziehen, um in einem weiteren Schritt an der systematischen Verbesserung ihrer eigenen Klimabilanz und einer Verringerung des eigenen ökologischen Fußabdrucks zu arbeiten. Quantitative Messwerte, Bilanzen, die Analyse der Fuß- und Handabdrücke der eigenen Institution, Leitfäden, Checklisten, Normen, Umweltmanagementsysteme, Zertifikate, Leitbilder, Klimaanpassungsmaßnahmen und strategische Analysen in den Nachhaltigkeits-AGs bekommen eine zunehmende Bedeutung.
Ausgewählte Good-Practice-Beispiele
In einem deutschlandweiten Pilotprojekt unterstützte die Kulturstiftung des Bundes verschiedene Kultureinrichtungen, unter anderem auch die Stadtbibliothek Berlin-Pankow und die Stadtbücherei Norderstedt bei der Erstellung der eigenen Klimabilanz. Die Dokumentation zu dem Projekt mit den Auswertungen, Erfahrungsberichten, Handlungsempfehlungen und Arbeitsmaterialien ist mit Sicherheit sehr interessant für alle, die sich näher für das Thema Klimabilanzierung interessieren.
An der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden wurde im Frühjahr 2021 eine interne AG Nachhaltigkeit gegründet. Diese hat in einem internen Leitbild die Nachhaltigkeitsverantwortung der SLUB in allen drei Bereichen des Dreisäulenmodells (sozial, ökologisch, ökonomisch) festgeschrieben und sich vorgenommen, »jeden Tag nachhaltiger [zu] werden«. Dies soll auch anhand von Evaluationen und Kennzahlen überprüft und darüber berichtet werden. Trotz der noch jungen Gründung der Nachhaltigkeits-AG konnten an der SLUB schon sehr weitgehende Maßnahmen umgesetzt werden: Im SLUB TextLab wurde im Rahmen des Konzepts des Embodied Writing im Frühjahr 2021 ein Gemeinschaftsgarten eingerichtet. Seit August 2021 wurden in der Bibliothek die papierintensiven Drucker und Kopierer abgeschafft und es stehen stattdessen nur noch Scanner zur Verfügung. Ein Fair-o-mat wurde angeschafft, der in Zusammenarbeit mit einem Eine-Welt-Laden mit fair gehandelten Snacks bestückt wird. Geplant sind bereits eine Zertifizierung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) als »Fahrradfreundlicher Arbeitgeber«, eine Garten-Sprechstunde und motivierende Sprüche zum Benutzen der Treppen statt des Fahrstuhls als Energiesparmaßnahme ( Die Angaben beziehen sich auf ein persönliches Telefonat mit Jens Ilg am 10. März 2022.).
Am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin wird im Sommersemester ein Seminar stattfinden mit dem Ziel, die Gemeinwohlbilanzierung, die eigentlich für Unternehmen entwickelt wurde, auch für Bibliotheken anzupassen.
Initiativen zum Ideen-Sammeln und Förderprogramme
Libraries4Future
Eine weltweite Initiative mit Ursprung in Deutschland, bei der sich sowohl Bibliotheken als auch bibliotheksnahe Institutionen und Bibliotheksbeschäftigte mit ihrer Unterschrift zu Klima- und Ressourcenschutz verpflichten.
Austausch und Fortbildungsangebote:
- Der dbv startete am 30. März 2022 eine sechsteilige Online-Seminarreihe zum Thema »Bibliotheken und Nachhaltigkeit«.
- Das Ideen-Café Grüne Bibliothek, organisiert vom Netzwerk Grüne Bibliothek, lädt etwa drei bis vier Mal im Jahr zu unterschiedlichen Nachhaltigkeitsthemen – mit Input, Austausch und Vernetzung. Am 15. Juni wird das Thema »Bibliotheken und Gärten« sein.
- Regelmäßige Fortbildungsangebote zu den Themen »Agenda 2030« und »Nachhaltigkeit in Bibliotheken« haben sich bspw. an den Weiterbildungszentren der FU Berlin und am ZBIW der TH Köln etabliert.25
Förderprogramme:
- Die Kulturstiftung des Bundes (KSB) lädt mit dem Programm »Zero« Kultureinrichtungen verschiedener Sparten zur Mitwirkung an einer bundesweiten Nachhaltigkeitsinitiative in drei Modulen (Projektförderung, Fortbildung, regionale Netzwerktreffen) ein. Antragsschluss ist der 1. Juli 2022. Bis dahin bietet die KSB monatliche Online-Beratungen für potenzielle Antragsteller an.
- Das Vorhaben Culture4Climate ist eine bundesweite Klima- und Nachhaltigkeitsinitiative für den Kulturbereich. Träger sind das Netzwerk Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur (2N2K), die Kulturpolitische Gesellschaft (KuPoGe) und das Öko-Institut.
Der aktuelle Bericht des Weltklimarates (IPCC) zeigt auf, dass das Ausmaß und die Folgen des Klimawandels noch größer sind als bislang angenommen und dass wir auf allen Ebenen keine Zeit vergeuden sollten, unsere Anstrengungen zu verstärken. Auch im Bibliotheksbereich kann hier noch viel getan werden:
- Verstärkte Kooperationen der Bibliotheksverbände, Fachstellen und weiterer Nachhaltigkeitsakteure zum Aufsetzen von Förderprogrammen, Portalen, orientierenden Leitfäden und einem Workflow für eine Klimabilanzierung und Zertifizierung von Bibliotheken
- Entwicklung einer Datenbank, die Veranstaltungen in Bibliotheken – digital und vor Ort – insbesondere zu SDG-Themen, sichtbar macht
- Ausweitung der Vernetzung zwischen Bibliotheksakteuren national und international, Herausbildung regionaler Bibliotheksbündnisse und regionale Vernetzung mit anderen Klima-Akteuren auf Augenhöhe
- Erstellung von Informationsmaterialien für Politiker aller Ebenen, die den Beitrag der Bibliotheken zu Klimaneutralität und der Agenda 2030 werbewirksam veranschaulichen
- Einbindung des Themas »Klimawandel« sowie der Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 in Ausbildung und Studium sowie in Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen
Fazit
Es gibt also viel zu tun. Das ist mit Einzelinitiativen allein nicht zu schaffen – doch auch hier weist die Agenda 2030 mit Ziel 17 »Partnerschaften für die Erreichung der Ziele« den Weg, denn (vor allem) gemeinsam sind wir stark!