Was will denn der Opa hier?

Der Anblick eines Nutzers im Seniorenalter löst in einer Öffentlichen Bibliothek keine Irritationen aus. Hier ist man für alle da, und die Diskussion, was Bibliotheken für die zunehmende Zahl an älteren und alten Menschen tun können, wird seit Jahren mit konkreten Ergebnissen geführt. Wenn sich aber ein alter Mensch in einer wissenschaftlichen Bibliothek einer Universität unter die jüngeren Nutzer mischt, ertappt man sich als Bibliotheksmitarbeiter vielleicht selbst bei dem Gedanken: Was will denn der Opa hier? Der demografische Wandel und die damit verbundenen Herausforderungen an die Gesellschaft gehen jedoch auch an den wissenschaftlichen Bibliotheken nicht vorbei. Es ist Zeit, sich Gedanken zu machen, welche Bedürfnisse Senioren gegenüber wissenschaftlichen Bibliotheken haben und wie die Bibliotheken darauf reagieren sollten. Die folgenden Ausführungen können erste Anregungen sein, die ausführlicher unter dem Titel »Welche Rolle sollen und wollen Wissenschaftliche Bibliotheken bei der Informationsversorgung von Senioren spielen?« nachgelesen werden können.[1]

Das lebenslange Lernen ist ein Konzept, mit dem den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft begegnet werden kann und in das sich Bibliotheken einbringen können und sollen. Beim Lernen im Alter geht es um nachberufliche Bildung, bei der notwendigerweise andere Ziele verfolgt werden als bei beruflicher Weiterbildung. Für den Einzelnen ist lebenslanges Lernen die Voraussetzung für eine hohe Lebensqualität im Alter. Dazu gehört nicht nur der Erhalt der Gesundheit oder der Umgang mit Krankheit. Da auch außerhalb der Berufswelt ständig Veränderungen stattfinden, ist lebenslanges Lernen eine wichtige Voraussetzung für ein lange selbstbestimmtes Leben, für die fortgesetzte gesellschaftliche Teilhabe und Demokratiefähigkeit, für den Umgang mit neuen Entwicklungen und für ein Engagement in der Zivilgesellschaft.

Nicht nur für den Einzelnen ist der Erhalt und die Nutzung dieser Fähigkeiten von großem Interesse, auch für eine alternde Gesellschaft muss dies ein zentrales Anliegen sein. Die stärkere Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements älterer Menschen ist ein wichtiger Ansatz. Viele Weiterbildungszentren von Universitäten reagieren mit speziellen Studienangeboten für Senioren auf diesen Bedarf. Das »Berliner Modell: Ausbildung für nachberufliche Tätigkeiten« (BANA)[2] der Technischen Universität Berlin ist nur ein Beispiel. Seniorenstudenten im BANA haben mir in Interviews Auskunft über ihre Bibliothekbenutzung gegeben. Auf diesen Aussagen basieren meine Ausführungen.[3]

Intuitive, Profis und Kombinierer

BANA-Studenten sind aufgefordert, für ihr Studium einen Artikel und/oder eine Abschlussarbeit zu verfassen, worin sie sich mit einem Thema ihrer Studienrichtung auseinandersetzen. Um herauszufinden, wie die Recherche für diese Aufgabe vonstatten geht, welche Rolle wissenschaftliche Bibliotheken dabei spielen und welche Bedürfnisse gegenüber den Bibliotheken davon abgeleitet werden können, habe ich fünf BANA-Studentinnen und drei BANA-Studenten im Alter von 66 bis 69 Jahren interviewt.

Die Auswertung der Interviews ergab, dass es drei Recherchestrategien mit jeweils unterschiedlichen Bedürfnissen gegenüber Bibliotheken gibt. Die erste Gruppe, zu der zwei der Interviewten gehören, habe ich die »Intuitiven« genannt. Sie verlassen sich auf ihr »logisches Denken«, ihre »Lebenserfahrung« und sie recherchieren am liebsten vor Ort, indem sie das Studienobjekt besichtigen und an Ort und Stelle Personen befragen, die damit zu tun haben. Heimatmuseen sind eine weitere beliebte Informationsquelle, nicht zuletzt, weil ihre Existenz bereits bekannt ist und weil die hilfsbereiten Mitarbeiter dort gerne Materialien zum gewünschten Thema zusammenstellen. Als weitere Informationsquelle wird von den Intuitiven das Internet und besonders Wikipedia genutzt.

Obwohl die BANA-Studenten zu Beginn des Studiums eine Führung durch die Universitätsbibliothek erhielten, recherchieren die Intuitiven dort nicht. Mit »der ganzen Technik« wird die Informationssuche dort als »zu umständlich« empfunden. Man habe lieber den »leichteren« und »bequemeren« Weg außerhalb der Bibliothek gewählt, sagen die Studenten. Dieses Vorgehen entspricht auch ihren bisherigen Erfahrungen mit Bibliotheken: davon sei sie »völlig entfernt« gewesen, kommentiert eine Senioren-Studentin.

Das Gegenstück sind die von mir »Profis« genannten Studenten und Studentinnen. Zu dieser Gruppe gehören zwei der acht Interviewten. Ihre Recherche beginnt selbstverständlich in einer Öffentlichen oder wissenschaftlichen Bibliothek, je nach dem, welche als Einstieg passender erscheint. Die Suche im OPAC ist kein Problem und auch das weitere Procedere der Bibliotheksbenutzung eine Selbstverständlichkeit. Die Profis nutzen die Bibliothek sogar als Arbeitsplatz und sind mit der Benutzung des Laptops bestens vertraut. Auch vor dem Seniorenstudium waren sie bereits Nutzer wissenschaftlicher und Öffentlicher Bibliotheken, teils als ordentliche Studenten, teils als Nicht- Studenten.

Vier der interviewten Seniorenstudenten und -studentinnen gehören zu den »Kombinierern«. Sie kombinieren Rechercheelemente der beiden vorher genannten Gruppen, das heißt sie mögen die Vor-Ort-Recherche, wissen aber auch um die Möglichkeiten, die Bibliotheken bieten. Sie nutzen Bibliotheken, aber die Recherche im OPAC ist ein Problem.

In den Interviews kam deutlich zur Sprache, dass die völlig auf IT basierende Nutzung und die Größe der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin der Hauptgrund ist, warum die Studenten hier nicht recherchieren, ja warum sie die Universitätsbibliothek geradezu meiden. Sie weichen entweder auf kleinere Institutsbibliotheken aus oder gehen in die Stadtbibliotheken, wo sie individuelle Hilfe erfahren und sich nicht hilflos fühlen. Es ist vor allem die persönliche Ansprache und der direkte Kontakt zu den Bibliotheksmitarbeiterinnen, den die Senioren explizit suchen und mögen. Sie habe gerne einen Menschen vor sich, der ihr sage »Schau’n wir mal zusammen«, erläutert eine der BANA-Studentinnen.

Wie positionieren sich die Universitätsbibliotheken gegenüber den Senioren, die von den Weiterbildungszentren ihrer Universitäten als neue Studentengruppen angesprochen werden?[4]

Am wichtigsten ist die Einstellung der Bibliothek gegenüber Senioren als Nutzern ihres Hauses: Anders als in Öffentlichen Bibliotheken scheinen Senioren in den Bibliotheken der Universitäten nicht immer als selbstverständliche Nutzergruppe wahrgenommen zu werden, auch dann nicht, wenn die eigene Universität ein Seniorenstudium im entsprechenden Fachgebiet anbietet.

Senioren seien nicht per se schwieriger als junge Nutzer, sagt ein Bibliotheksleiter im Interview, dennoch sei die Situation an der Theke eine besondere Situation, auf die die Mitarbeiter, die normalerweise mit jungen Studenten zu tun haben, nicht eingestellt seien. Ältere Nutzer reden  manchmal laut, weil sie schlechter hören, sie benötigen Hilfe am PC, sie haben eine andere Art der Ansprache gegenüber den Mitarbeiterinnen: Diese »knifflige Kommunikationssituation « habe, das gibt der Interviewpartner unumwunden zu, in seinem Haus bereits zu Aggressionen geführt und auch die Frage provoziert, was denn die vielen alten Leute hier wollten, die Bibliothek sei doch für die Studenten da. Sensibles Hinsehen, Hinhören und Nachfragen sind notwendig, um das Problem zu thematisieren und die Einstellung zu überwinden. Das ist der erste und wichtigste Schritt, wenn wissenschaftliche Bibliotheken ihre Rolle beim lebenslangen Lernen spielen wollen.

Senioren in der Bibliothek der Technischen Universität Bergakademie Freiberg

Wie ein Angebot für Senioren in der Praxis aussehen kann, hat die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Bergakademie Freiberg im Jahr 2011 ausprobiert. Mitarbeiterinnen der Universitätsbibliothek waren immer wieder Senioren aufgefallen, die zur Recherche nicht die Computer benutzen wollten und stattdessen nach den Zettelkatalogen fragten. Auch die Fragen, die Senioren im Studium Generale stellten, hatten den Mitarbeiterinnen gezeigt, dass nicht nur die Angebote der Universitätsbibliothek unbekannt waren, sondern überhaupt die Tatsche, dass die Bibliothek allen Bürgern zur Nutzung offen steht. Mit einer Führung wird daher vor allem ein Ziel verfolgt: den Senioren die Scheu vor der Universitätsbibliothek zu nehmen.

Die einmal im Monat stattfindende Bibliotheksführung wird in den lokalen Medien beworben, zur Premiere wurden die lokale Tageszeitung und das Lokalfernsehen eingeladen. Bei der Führung legt die zuständige Mitarbeiterin Wert darauf, einen persönlichen Kontakt herzustellen, sie verteilt ihre Visitenkarte und lädt die Senioren ein, sich bei Fragen jederzeit wieder an sie zu wenden. Die Orientierung in der Bibliothek ist ein weiterer wichtiger Punkt der Führung, die verschiedenen Örtlichkeiten und deren Funktionen werden erklärt und der Weg vom OPAC zum Buch im Regal wird nachvollzogen. Die Einführung in die OPAC-Recherche ist auf die Interessensgebiete aus dem Studium Generale abgestimmt. Bei der Konzeption haben Internet-Einführungsveranstaltungen der Öffentlichen Bibliotheken Pate gestanden.

Welche Bibliothek sich wie auf ältere Nutzer einstellen muss, hängt von dem Interesse ab, das die Senioren dem entsprechenden Fachbereich entgegenbringen. Als erstes gilt es für die Bibliothek, ein Selbstverständnis als Dienstleister für diese Nutzergruppe zu entwickeln. Dann ist es wichtig, die Hemmschwelle, die gegenüber IT-organisierten Bibliotheken besteht, abzubauen. Persönlicher Kontakt, Zugewandtheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter sind dafür essenziell. Wenn die Seniorenstudenten sich in der Bibliothek wohlfühlen und sich niemand bei ihrem Anblick mehr fragt, was die eigentlich hier wollen, dann erfüllen auch die wissenschaftlichen Bibliotheken ihre Aufgabe beim lebenslangen Lernen.

 Carolin Dunkel (aus BuB Heft11-12/2012)

 

Dr. Carolin Dunkel studierte Koreanistik und Japanologie, später absolvierte sie das postgraduale Fernstudium der Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Carolin Dunkel arbeitet als stellvertretende Fachreferentin für Korea an der Staatsbibliothek zu Berlin und an der Freien Universität Berlin im gleichen Gebiet.

 

 


[1]Die Arbeit entstand als Abschlussarbeit des weiterbildenden Fernstudiums Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahr 2011. Sie wurde unter http://edoc.hu-berlin.de/series/berliner-handreichungen/2011-311 veröffentlicht.

[2]www.zewk.tu-berlin.de/?id=49428

[3]Die Interviews wurden im Frühjahr 2011 geführt. Sie wurden nicht veröffentlicht, in der Abschlussarbeit wird jedoch ausführlich aus ihnen zitiert. Auch die kurzen Zitate hier beziehen sich auf diese Interviews.

[4]Um dieser Frage nachzugehen habe ich im Frühjahr 2011 vier Interviews mit Leitern, einer Leiterin und einer Mitarbeiterin von Bibliotheken der Berliner Universitäten geführt. Die Interviews wurden nicht veröffentlicht, in der Abschlussarbeit finden sich aber ausführlichereZitate. Die Zitate hier sind ebenfalls der Arbeit entnommen.

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