»The Times they are a-changin’«

Die Bibliotheken in Deutschland haben seit der Jahrtausendwende einen bemerkenswerten Modernisierungsweg durchlaufen. Auch wenn diese allgemeine Bewertung nicht auf jede Einrichtung in gleichem Umfang zutreffen wird und es nach wie vor große regionale Unterschiede gibt: Insgesamt haben die Bibliothekare die »digitale Revolution« und die damit verbundenen Veränderungen im Medienangebot und in der Informationsvermittlung aufgenommen, ihr Profil als Kultur-, Bildungs- und Lernorte geschärft und auf die einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen reagiert.

Doch der Wandel auf allen Ebenen des Lebens ist nicht zeitlich begrenzt, sondern das Signum unserer Epoche. Die fachlichen, politischen und sozialen Herausforderungen an die Bibliotheken, insbesondere an die Öffentlichen in kommunaler oder kirchlicher Trägerschaft, und an den Berufsstand werden unvermindert fortbestehen. Damit stellt sich die Frage, wie sich das Berufsprofil der in Bibliotheken arbeitenden Menschen verändern muss, um sowohl den Erwartungen der Politik und Gesellschaft an eine zeitgemäße Kultur- und Bildungseinrichtung als auch dem eigenen Selbstverständnis als einem »dritten Ort« auch in der Zukunft gerecht werden zu können.

Beginnen wir mit den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen und betrachten diese sowohl aus der internationalen wie der nationalen Perspektive. »Die Wellen reiten oder von der Flut überrascht werden?«, ist der treffende Titel des IFLA Trend Report 2013 (siehe hierzu Abbildung 1).[1] Der Report identifiziert fünf Schlüsseltrends, die das Informationsumfeld umwälzen werden und die damit entscheidenden Einfluss nicht nur auf die Zukunft, sondern unmittelbar auf die aktuelle Situation von Bibliotheken haben.

IFLA Trend Report, Arbeit der Zukunft

Abbildung 1: Der IFLA Trend Report identifiziert fünf Schlüsseltrends, die das Informationsumfeld massiv verändern werden. Grafik: IFLA

 

Von den Bibliotheken sind diese weltweiten Trends in einer digitalen Gesellschaft zweifelsohne nicht aktiv zu beeinflussen. Diese Macht haben wir nicht. Hinzukommt, dass die Trends nicht unverbunden nebeneinander stehen, sondern sich auf vielfältige Weise gegenseitig beeinflussen. Umso wichtiger ist es daher, Strategien zu entwickeln, wie Bibliotheken – und die in Bibliotheken arbeitenden Menschen – mit ihren Mitteln die sich aus den Trends ergebenden Herausforderungen bewältigen oder besser: Wie sie ihren Teil zu deren aktiver Gestaltung beitragen.

Blick man auf nationale Trends, so können ganz konkrete Entwicklungen festgestellt werden.

Die »KIM-Studie 2016«, die die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest von rund 1200 Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren wiedergibt, weist nach, dass im Ranking der interessanten Themen »Bücher und Lesen« nur auf Platz 14 stehen.[2] Das regelmäßige Lesen von Büchern gehört immerhin für 48 Prozent der Kinder zum Alltag. Doch nur 44 Prozent der Kinder nutzen eine Bibliothek, um sich mit Büchern oder anderen Medien zu versorgen.[3] Die »JIM-Studie 2016«, die die Ergebnisse der repräsentativen Befragung von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren veröffentlicht, kann belegen, dass Bibliotheken nur für 6 Prozent der Mädchen und 3 Prozent der Jungen von Interesse sind[4]. In dieser Altersgruppe zählen nur 38 Prozent und damit nur zwei von fünf Jugendlichen zu den regelmäßigen Lesern. 18 Prozent der befragten Jugendlichen lesen nie. Das sind alarmierende Zahlen für die Bibliotheken. Denn die heutigen Kinder und Jugendlichen sind die Kunden der Zukunft und dieses Potenzial wird von Bibliotheken in Deutschland offenbar nur unzureichend aktiviert. Warum?

Höhere schulische Anforderungen

Die schulischen Anforderungen sind seit dem Jahr 2000 erheblich angewachsen – im Hinblick auf den Lernstoff, der auf den weiterführenden Schulen größtenteils im Rahmen des G8-Modells bis zum Abitur aufgenommen werden muss, und auf den Umfang des Unterrichts, der sich im offenen Ganztag auch auf die Nachmittage erstreckt. Für Freizeitaktivitäten besteht damit ohnehin nur ein begrenzter Zeitrahmen. Ob dabei die Bibliotheken in den Blick geraten, hängt von den Angeboten ab: beginnend mit attraktiven Räumlichkeiten und Möglichkeiten zum individuellen oder gemeinschaftlichen Lernen, über zeitgemäße und für die unterschiedlichen Altersgruppen interessante Medien bis hin zu Veranstaltungen, die Kinder und Jugendliche in die Bibliotheken locken.

Dabei ist zu beachten, dass diese jungen Zielgruppen schon nicht mehr homogen sind. Zum einen ist in vielen Großstädten der Anteil an Kindern und Jugendlichen aus finanziell prekären Familienverhältnissen oder aus Migrations- und Flüchtlingsfamilien hoch; sie sind über ihre Elternhäuser und Herkunftsländer häufig weder mit der Kultur der Bücher und des Lesens noch mit der Nutzung von Bibliotheken vertraut. Zum anderen sind die Interessen und Erwartungen, mit denen eine Bibliothek aufgesucht wird, bei Kindern und Jugendlichen unterschiedlich.

Die Bibliotheken erreichen diese Zielgruppen natürlich nach wie vor über die Kooperation mit Kindergärten/Kindertageseinrichtungen und Schulen. Aber einmal davon abgesehen, dass daraus keine automatische Nachhaltigkeit im Hinblick auf eine regelmäßige Nutzung der Bibliothek erwächst, wird damit auch nur ein Teil der Kinder und Jugendlichen tatsächlich angesprochen. Dennoch muss die auf diesem Wege erfolgende Förderung der Sprach-, Lese- und Medienkompetenz als notwendige Voraussetzungen für den Erwerb von Bildung und Wissen intensiviert werden. Während es sich dabei um eine klassische bibliothekarische Aktivität handelt, die allerdings kontinuierlich den spezifischen Anforderungen der Zielgruppen angepasst werden muss, können die Angebote zur Freizeitgestaltung in der Bibliothek von Erziehern, Medien- und Theaterpädagogen oder auch von Sozialarbeitern/Streetworkern wahrgenommen werden. Diese Berufsgruppen bringen Fachwissen und Erfahrungen ein, die Bibliothekaren in der Regel fehlen, aber für eine erfolgreiche und nachhaltige Arbeit mit Kindern und Jugendlichen unerlässlich sind.

Am anderen Ende der Alterspyramide steht eine wachsende Anzahl von Menschen, die mit 60 oder mehr Jahren noch mitten im Leben steht. Bis 2050 wird ihr Anteil an der Gesellschaft in Deutschland auf mehr als 38 Prozent anwachsen.[5] Der »demografische Wandel« ist auch im deutschen Bibliothekswesen seit Langem bekannt. Doch die 2015 von der Reutlinger ekz.bibliotheksservice GmbH in Auftrag gegebene Repräsentativbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach hat nachgewiesen, dass nur 18 Prozent der 60- bis 75-Jährigen regelmäßig eine Bibliothek nutzen.[6] Warum?

Fehlende Anreize für einzelne Zielgruppen

Auch für diese Zielgruppe ist festzustellen, dass sie in ihrer sozialen Zusammensetzung und in ihren Interessen sehr heterogen ist. Das Bedürfnis nach Informationen über praktische Fragen der Lebensgestaltung, nach Lektüre für die Freizeit und nach attraktiven Veranstaltungen ist vielen Menschen dieser Altersgruppe gemeinsam. Auch die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren und sich in der Nutzung des Internet oder digitaler Medien weiterzubilden, ist weit verbreitet. Doch bieten die Bibliotheken offenkundig nicht genügend Anreize, um die durchaus vorhandenen Angebote an Medien, Dienstleistungen, Veranstaltungen und Mitwirkungsmöglichkeiten bei dieser wichtigen Zielgruppe nachhaltig zu platzieren.

Neben der intensiven persönlichen Betreuung, die die Arbeit für die und mit älteren Menschen erfordert, fehlt allerdings meistens auch das fachliche Know-how, wie diese Zielgruppe am besten angesprochen und mit der Bibliotheksnutzung vertraut gemacht werden kann. Kooperationen mit Mehrgenerationenhäusern, Seniorenheimen und Altenbegegnungsstätten können diese Defizite teilweise kompensieren. Doch am wirkungsvollsten dürften speziell ausgebildete Gerontologen sein, die genau wissen, welche Angebote für die Zielgruppe 60plus sinnvoll und Erfolg versprechend sind.

Die Bibliotheken haben auf die starke Zunahme der Flüchtlinge und Asylsuchenden seit 2015 in vorbildlicher Weise reagiert. Damals lebten in Deutschland 9 107 893 Ausländer, von denen 8,65 Millionen Zuwanderer aus insgesamt 194 Ländern waren.[7] Es wurden 476. 649 Asylanträge (Erst- und Folgeanträge) gestellt, was einem Anstieg von 135 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.[8] Sowohl die Angebote an Medien zum Erwerb der deutschen Sprache und an grundlegenden Informationen zum Leben in Deutschland als auch die Einführungen in die Nutzung der Bibliotheken und die Möglichkeiten zur Begegnung der Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern in den Räumlichkeiten der Bibliothek wurden in kurzer Zeit auf- und ausgebaut.

Arbeit der Zukunft

Die digitale Herausforderung annehmen: zum Beispiel mit ausleihbaren Laptops in der Bibliothek. Foto: krischerfotografie

 

Von Vorteil waren dabei die Erfahrungen mit der interkulturellen Bibliotheksarbeit, die in zahlreichen Öffentlichen Bibliotheken eine bis in die 1970er-Jahre zurückreichende Tradition hat. Sprach man damals noch von »Gastarbeitern«, bei denen man davon ausging, dass sie nur zeitlich befristet in Deutschland leben würden, so hat sich heute das Bewusstsein durchgesetzt, dass auch Deutschland ein Einwanderungsland ist und dass wir lernen müssen, mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen, Religions- und Wertgemeinschaften umzugehen.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen machen allerdings weitaus mehr als nur bibliothekarisches Fachwissen und die Sensibilität im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Nationalitäten erforderlich. Es wird vielmehr immer wichtiger, den nach wie vor sehr geringen Anteil von Migranten am Personal der Bibliotheken auszuweiten. Menschen mit einem »Migrationshintergrund« – ob in Deutschland geboren oder zugewandert – bringen nicht nur die Kenntnisse fremder Sprachen, Kulturen und Lebensgewohnheiten von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern mit, sondern dienen auch als Ansprechpartner und Identifikationspersonen für die Zuwanderer in den Bibliotheken ihrer neuen Heimat.

Neben diesen drei, nach Alter oder Herkunft relativ klar definierbaren Zielgruppen gibt es die große, aber in ihren Interessen und Erwartungen an eine Bibliothek deutlich diffusere Gruppe der Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Die Repräsentativbefragung von Allensbach konnte nachweisen, dass 35 Prozent der 16- bis 29-Jährigen, 24 Prozent der 30- bis 44-Jährigen und 27 Prozent der 45- bis 60-Jährigen Bibliotheken nutzen.[9]Damit erreichen sie in diesem zentralen Alterssegment nur maximal ein Drittel der Menschen. Warum?

Neue Wege für das Marketing

Am Medienangebot, das von den Menschen dieser Altersgruppen erwartet wird, kann es kaum liegen. In zahlreichen Bibliotheken sind neben einem aktuellen Bestand an Büchern und audiovisuellen Medien die digitalen Medien in Form der Onleihe oder von Overdrive, der PressReader, eine Auswahl von Datenbanken, Angebote zum E-Learning und natürlich das Internet zu finden. Auch das Angebot an Veranstaltungen – von Lesungen und Vorträgen, Ausstellungen, Theateraufführungen, Konzerten bis hin zu Workshops und Makerspaces – ist reichhaltig und vielseitig. Was jedoch häufig fehlt, sind Veranstaltungen zur aktiven Vermittlung der Nutzung gerade der digitalen Medien und E-Learning-Programme im Allgemeinen und ihrer Nutzung auf mobilen Endgeräten im Besonderen.

Auch das Marketing lässt vielfach zu wünschen übrig, denn mit Flyern, Plakaten, Pressemitteilungen und Hinweisen auf der eigenen Homepage oder auf Facebook erreicht man leider nur noch einen geringen Anteil der potenziellen Interessenten. Eine nennenswerte Steigerung in der Nutzung wird nur dann zu erreichen sein, wenn das Marketing wesentlich aktiver betrieben wird. Dieses Ziel wird angesichts der Personalknappheit in vielen Bibliotheken nur durch eine neue Prioritätensetzung erreicht werden können.

Auch die Bibliothekare mit einem klassischen Aufgabenzuschnitt müssen wissen, dass ihre Arbeit am Bestandsaufbau nur dann Früchte tragen wird, wenn sie aktiv in die Gesellschaft vermittelt wird. Dies bedeutet, dass man bereit sein muss, den eigenen Arbeitsplatz in der Bibliothek zu verlassen und vor Ort die Menschen anzusprechen, die man für die attraktiven Angebote der Bibliothek gewinnen will. Nicht nur Kindergärten/Kindertageseinrichtungen, Schulen, Seniorenheime/Altenbegegnungsstätten oder Flüchtlingsunterkünfte enthalten ein Potenzial an Bibliotheksnutzern, sondern auch Weiterbildungs- und Kultureinrichtungen, Hochschulen, Stadtverwaltungen, Industrie- und Handelskammern, Jobcenter und die Agenturen für Arbeit, Banken, Religionsgemeinschaften, Jugend- und Stadtteilzentren, Sportvereine und andere mehr.

Attraktive Räumlichkeiten

Über die genannten Zielgruppen hinweg laufen zwei Entwicklungslinien in die Zukunft weiter, die von Bibliotheken beachtet und aufgenommen werden müssen.
Erstens schreitet die digitale Revolution weiter voran. Sie bringt einen Prozess der ständigen Veränderung von Präsentationen und Zugängen im Netz und von technischen Innovationen mit sich. Um von der rasanten Entwicklung, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfasst, nicht abgehängt zu werden, benötigen Bibliotheken sowohl eine zeitgemäße technische Infrastruktur als auch qualifiziertes Personal im eigenen Haus. Bibliothekare können IT-Spezialisten nicht ersetzen, aber sie müssen die aktuellen Entwicklungen im IT-Bereich kennen, um zu wissen, wie sie zeitnah mit den Angeboten der Bibliothek verbunden werden können. Das Nebeneinander von physischen und digitalen Medien setzt wiederum eine Strategie voraus, wie sich die jeweiligen Angebote sinnvoll ergänzen können oder alternativ nutzen lassen.

Arbeit der Zukunft

Eine Bibliothek muss viele Zielgruppen abdecken: Flüchtlinge …

Arbeit der Zukunft

… gehören genauso dazu wie lehrreiche Angebote für Kinder …

Arbeit der Zukunft

… und ruhige Arbeitsmöglichkeiten für Studierende. (Fotos: krischerfotografie (1 und 3); Stadtbibliothek Duisburg

Zweitens müssen Bibliotheken in attraktiven Räumlichkeiten untergebracht werden. Nicht allein das Zusammenspiel von physischen und digitalen Medien muss für die Nutzer erkennbar und anziehend präsentiert sein, was auch eine moderne technische Ausstattung voraussetzt. Das gesamte Gebäude und das Mobiliar müssen so gestaltet werden, dass eine angenehme Arbeitsatmosphäre und Aufenthaltsqualität entstehen, die zum Verweilen und Wiederkommen einladen.

Dafür bedarf es zunächst einer schlüssigen Konzeption zu den angebotenen Inhalten für die unterschiedlichen Zielgruppen. Im Hinblick auf die konkrete Umsetzung in einem Raumbuch und bei der Einrichtung der einzelnen Räumlichkeiten ist dann allerdings das Fachwissen von Innenarchitekten erforderlich. Die Bibliothekare sollten eigenes Fachwissen in die Ausstattung von Bibliotheken mitbringen und ihre eigenen Erfahrungen mit den Bibliotheksnutzern – gegenwärtigen und potenziell zukünftigen – in den Prozess der konkreten Raumgestaltung einbringen. Die Kenntnis der in Deutschland und in anderen europäischen Ländern, aber auch in Nordamerika und in Asien in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Neubauten oder Renovierungen von Bibliotheken ist dabei von großem Wert.

Wir sind uns durchaus bewusst, dass nicht nur die finanziellen Ressourcen bei der Mehrzahl der Öffentlichen Bibliotheken begrenzt sind, sondern die jeweilige Haushaltslage einer Kommune oder der kirchlichen Träger die personelle Ausstattung erheblich beschneidet. Bisweilen kann man sich dem Eindruck nur schwer entziehen, dass der Bibliothekar mittel- und langfristig ein aussterbendes Berufsbild ist. In einem lange von der historischen Tradition bestimmten Sinne gibt es ihn bereits heute kaum noch. Gerade deshalb müssen sich die Bibliothekare den fachlichen ebenso wie den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen anpassen, wenn sie zukunftsfähig bleiben wollen.

Das bedeutet aus unserer Einschätzung eine Öffnung in zweifacher Weise. Zum einen kann sich diese Öffnung darin ausdrücken, dass Bibliotheken neben dem klassischen Fachpersonal verstärkt Quereinsteiger aus anderen Berufsfeldern integrieren, um deren Qualifikationen und Erfahrungen für die Ausweitung von Angeboten für bestimmte Zielgruppen und für eine grundlegende Neukonzeptionierung der Bibliotheksarbeit nutzen zu können, wie sie in dänischen und anderen skandinavischen Bibliotheken bereits erfolgreich praktiziert wird.

Den eigenen Kompetenzrahmen erweitern

Öffnung bedeutet aber auch, den eigenen Kompetenzrahmen zu erweitern und zu erkennen, dass fachliche Qualifikationen und fachliche Kompetenzen viel offensiver und viel konsequenter ergänzt werden müssen durch die sogenannten »Schlüsselkompetenzen«. Üblicherweise werden solche Anmerkungen mit einem zustimmenden Kopfnicken quittiert. Spannend wird die Diskussion immer dann, wenn sich alle bewusst darüber werden, dass ein Mehr an Schlüsselkompetenzen in den Curricula bibliothekarischer Ausbildungseinrichtungen, aber auch in der betrieblichen Personalentwicklung mehr oder weniger zwingend ein Weniger an klassischen Fachinhalten bedeutet. Zumindest dann, wenn die Ausbildungs-, Studien- oder Weiterbildungszeit nicht verlängert werden soll. Dennoch: Blickt man auf die dargestellten Trends und Entwicklungen oder auf die gelebte Praxis in den Bibliotheken, so führt ganz offensichtlich kein Weg an einer Neubewertung und einer nachdrücklichen Verschiebung von Prioritäten vorbei.

Da diese Diskussion keineswegs nur im Bibliothekssektor geführt wird, bietet sich hier wiederum an, einen Blick auf internationale Studien zu werfen. Das »Institute for the Future« (IFTF)[10] hat bereits 2011 die »Veränderungstreiber« untersucht, die die Arbeitswelt der Zukunft entscheidend beeinflussen werden. Daraus wurden »Key Work Skills« abgeleitet, die zukünftige Arbeitnehmer benötigen. Die Forscher sind dabei ganz bewusst sowohl branchen- wie berufsbildunabhängig vorgegangen und haben sich auf Kompetenzen konzentriert, die in unterschiedlichen Arbeits- und Berufs-Settings eine Rolle spielen werden.

Die sechs »Veränderungstreiber« lassen sich – das ist wenig überraschend – unmittelbar auf den Bibliothekssektor übertragen und spiegeln zugleich die von der IFLA identifizierten Trends wider. Beispielhaft seien drei »Veränderungstreiber« genannt:

1. Extreme Longevity: Die längere Lebensspanne des einzelnen Menschen verändert die Natur des Lernens und den Verlauf von Karrieren.

2. New Media Ecology: Neue, nicht mehr textbasierte Kommunikationsmittel erfordern neue Lesefähigkeiten, quasi eine neue »Kommunikationssprache«.

3. Superstructured Organizations: Neue Technologien und Social-Media-Plattformen führen zu neuen Formen der Produktion und Wertschöpfung.
Ausgehend von diesen Trends machen die Autoren zehn wesentliche Kompetenzen aus, die zukünftig gebraucht werden. Auch hier seien nur einige ausgewählte Kompetenzen genannt:

1. Novel & Adaptive Thinking: Die Fähigkeit, auf unerwartete Situationen zu reagieren, bedeutet, Lösungen und Antworten abseits von routinemäßigen und regelbasierten Umständen zu entwickeln. Dies wird sowohl in hoch- als auch in gering-qualifizierten Jobs wichtiger.

2. Cross-cultural Competency: Diese Kompetenz ist keineswegs nur für international arbeitende Menschen von zunehmender Bedeutung. In Arbeitskontexten mit wachsender Diversität (Alter, Nationalitäten, Arbeits- und Denkmuster, Disziplinen und anderem) muss es Beschäftigten gelingen, Verbindungen zu schaffen, Differenzen abzubauen und effektiv zusammenzuarbeiten, um erfolgreich zu sein.

3. Computational Thinking: Mit immer größeren Datenmengen, die uns zugänglich sind, steigt die Anforderung, aus diesen sinnvolle Informationen zu extrahieren, sie in abstrakte Begriffe zu überführen und datenbasierte Argumentationen zu verstehen. Die Nutzung von Simulationen und die Kenntnisse von Methoden statistischer Analyse werden für die Entscheidungsfindung immer wichtiger.

4. New-media Literacy: Medienformate wie Video, Blogs oder Podcasts schaffen den Sprung von der privaten Nutzung in die Arbeitswelt. Es wird in Zukunft nicht nur darauf ankommen, derartige Inhalte kritisch »lesen« und beurteilen zu können, sondern auch darauf, sie selbst zu produzieren.

5. Transdisciplinarity: Die Aufgabenstellungen der Zukunft werden durch ihre Komplexität transdisziplinäre Herangehensweisen erforderlich machen. Es wird jedoch nicht ausreichen, lediglich Spezialisten verschiedener Disziplinen zusammenzubringen. Vielmehr werden »T-shaped« Experten gefragt sein, die Sprachen verschiedener Disziplinen sprechen. Dies erfordert die Bereitschaft des Einzelnen, weit über die formale Ausbildung hinaus zu lernen.

In Bibliotheken liest man diese »Work Skills« gerne als vertraute Beschreibung eines bereits erreichten Ist-Zustandes. Gleichwohl zeigt der oben dargestellte Blick in die Praxis, dass hier vieler Orts noch ein gutes Stück Weg vor uns liegt, um diese Kompetenzen nicht nur als wünschenswertes »Add-On« zu verstehen, sondern als den Kern dessen, was ein zukünftiges Berufsbild ausmachen kann. Dass darin große Chancen liegen, zeigt auch das zu Beginn dieses Jahres veröffentlichte »Positionspapier des ekz-Beirats zu Berufsbild und Personalentwicklung in Öffentlichen Bibliotheken«.[11] Die Diskussion über unsere Zukunft ist eröffnet!

Jan-Pieter Barbian, Cornelia Vonhof / 2.8.2017

 

Die Autoren:

Dr. Jan-Pieter Barbian, Stadtbibliothek Duisburg, Arbeit der ZukunftDr. Jan-Pieter Barbian (Foto: krischerfotografie) ist seit 1999 Direktor der Stadtbibliothek Duis­burg und nebenberuflicher Geschäftsführer des Vereins für Literatur Duisburg sowie der Duisburger Bibliotheksstiftung. Er hat zahlreiche Publikationen zur Literatur- und Kulturpolitik der NS-Zeit, zu Film und Politik in der Weimarer Republik sowie zur Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945 veröffentlicht. – Kontakt: J.Barbian@Stadt-Duisburg.de

Prof. Cornelia Vonhof, HdM Stuttgart, Arbeit der ZukunftCornelia Vonhof  ist Professorin für Public Management an der Hochschule der Medien Stuttgart. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt auf Management- instrumenten in Bibliotheken und Informationseinrichtungen, insbesondere Qualitätsmanagement, Organisationsentwicklung, Prozessmanagement und strategische Steuerung. Sie ist derzeit Prodekanin der Fakultät Information und Kommunikation. – Kontakt: vonhof@hdm-stuttgart.de

 

 

[1.] Die Wellen reiten oder von der Flut überrascht werden. Die Herausforderungen eines dynamischen Informationsumfelds meistern. Einsichten aus dem Trend Report. Hg. von der IFLA, Den Haag, 2013, https://trends.ifla.org/. Der Trend Report ist kein statisches Dokument, sondern eine Website, die die weltweiten Diskussionen zum Thema initiiert und bündelt. Der Report basiert auf intensiven Literaturstudien, Expertenhearings und Trendanalysen. Mit dem Update von 2016 liegt eine erweiterte und aktualisierte Fassung vor, die die Entwicklungen der letzten Jahre aufnimmt.

[2.] KIM-Studie 2016 Kindheit, Internet, Medien. Basisstudie zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Hg. vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest, Stuttgart, Februar 2017, https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/KIM/2016/KIM_2016_Web-PDF.pdf , hier S. 21-25

[3.] Ebd., S. 11

[4.] JIM 2016. Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Hg. vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest, Stuttgart, November 2016, https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2016/JIM_Studie_2016.pdf, hier S. 9-10. Zum Folgenden siehe ebd., S. 15-17

[5.] Siehe dazu u.a. United Nations (2002), Department of Economic and Social Affairs/Population Division: World Population Ageing 1950-2050, http://www.un.org/esa/population/publications/worldageing19502050; Alter neu denken. Gesellschaftliches Altern als Chance begreifen. Hg. von der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2007; die aktuellen Zahlen für Deutschland bei Gudrun Kulzer: Bibliothek der dritten Lebensphase. Angebote für die Zielgruppe der Älteren, Berlin/Boston 2014, S. 4-6

[6.] Die Zukunft der Bibliotheken in Deutschland. Eine Repräsentativbefragung der Bevölkerung ab 16 Jahre. Institut für Demoskopie Allensbach, Allensbach am Bodensee 2015, hier S. 4-6, http://www.ifd-allensbach.de/fileadmin/IfD/sonstige_pdfs/11048_Bericht_ekz_Bibliotheken.pdf

[7.] Vgl. hierzu und zum Folgenden https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1221/umfrage/anzahl-der-auslaender-in-deutschland-nach-herkunftsland/

[8.] http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Broschueren/bundesamt-in-zahlen-2015.pdf;jsessionid=46B2478EA4436C4DE7FCCA5A82B5B670.1_cid359?__blob=publicationFile

[9.] Die Zukunft der Bibliotheken in Deutschland, S. 4-6

[10.] Vgl. zum Folgenden Anna Davies, Davin Fidler, Marina Gorbis: Future Work Skills 2020. Palo Alto, Institute for the Future for the University of Phoenix Research Institute, 2011. http://www.iftf.org/futureworkskills/. Ein Update zum Report von 2016 ist online verfügbar unter: http://www.iftf.org/futureskills/

[11.] »Buchmenschen« reichen nicht aus, in: BuB 69, H. 2-3 (2017), S. 115. Vgl. dazu auch für die Wissenschaftlichen Bibliotheken Achim Bonte: Befähigung im Wandel. Personalgewinnung und -entwicklung in deutschen Bibliotheken. In: Bibliothek Forschung und Praxis. 41, 2017, H.1, S.115-121

 

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2 Kommentare auf "»The Times they are a-changin’«"

  1. Jochen Dudeck sagt:

    Sehr geehrte Kolleginnen & Kollegen!

    Das Angebot zur Diskussion greife ich gerne auf, obwohl ich es als schwierig empfinde, immer nur Kritik zu üben. Aber leider ist dieses Papier typisch für die gegenwärtige Diskussion. Es ist eine merkwürdige Mischung zwischen zu abstrakt und zu konkret. Ich sehe drei problematische Punkte:
    a) der „gesellschaftliche Wandel“ wird inhaltlich nicht thematisiert
    b) die durchgängige Marketingperspektive
    c) die fehlende Konkretion bei den „Skills“

    zu a): Der Papier beginnt nach einer gewichtigen Einleitung. Der permanente „gesellschaftliche Wandel (wohl Digitalisierung, Globalisierung)“ wird darin zum „Signum unserer Epoche“ erklärt. Es folgt die deutsche Übersetzung der IFLA-Trends – ohne dann aber weiter darauf einzugehen. Immerhin deuten diese Trends die Janusköpfigkeit der gegenwärtigen Entwicklungen an. Das wird aber nicht thematisiert, denn nach der üblichen Formel „Herausforderung – gestalten“ springt der Text sofort zur Zielgruppe „Jugendliche“ weiter.
    Damit wird aber ein entscheidender Punkt verpasst. In diesem Wandel kommt es nämlich zu Desynchronisierungsprozessen*, in denen ganze Regionen und Gruppen abgehängt werden, da ihnen die Ressourcen zu den geforderten Anpassungsleistungen fehlen. Das spiegelt sich im gesellschaftlichen Diskurs wieder, einmal im Thema „Teilhabe“, sowohl in mentaler (digitale Kompentenz) sowie in technischer (Breitbandausbau) Hinsicht. Sodann wird „lebenslanges Lernen“ für alle Berufsfelder postuliert, da ständig neue, „zeitgemäße“ Kompetenzen erworben werden sollen. Das erscheint plausibel, da die Ausbildungseinrichtungen auf ein 40jähriges Berufsleben vorbereiten, der (technologische) Wandel sich aber viel schneller vollzieht.
    Diese Ungleichzeitigkeiten führen zu einer Unzahl von Baustellen und Reibungsverlusten und im schlimmsten Fall zum vielbeschworenen „rasenden Stillstand“. Man kann das zur Zeit exemplarisch im Schulsystem beobachten.
    In diesem Kontext steht nun auch dieser Artikel, ohne diesen Zusammenhang selbst zu reflektieren. Damit begibt man sich der Möglichkeit zu einem kritischen Blick, das Ganze wird zum (technischen) Marketing- und Profilbildungsproblem. Es ist überhaupt erschreckend, wie kritiklos sich die Bibliothekspolitik der gegenwärtigen digitalen Moblisierung unterwirft, aus der Angst heraus „verstaubt“ zu wirken und der sehr konkreten Gefahr, Fördertöpfe zu verlieren. Der Unterton der digitalen Initiativen (oder soll man sagen des digital-politischen Komplexes?) ist erstaunlich aggressiv und einschüchternd. In entsprechenden Papieren werden Familien und Senioren geradezu zur „Teilhabe“ verpflichtet, die damit eigentlich ein verkappter Anschlusszwang ist. Die negativen Aspekte dieser Entwicklung sind – wenn man denn hinschaut – unübersehbar. Die schrittweise Abschaffung der Privatsphäre, der Verfall lokaler Öffentlichkeit durch den Niedergang der Lokalpresse und die Erosion intermediärer Institutionen (Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Vereine) werden eigentlich breit diskutiert, nur nicht bei uns. Hier hätten die Bibliotheken durchaus einen aufklärerischen Bildungsauftrag. Und vielleicht sogar eine neue Funktion, was lokale Öffentlichkeiten betrifft. Wenn man will, kann man das „Agora“ nennen.

    zu b): Hier würde ich ganz ketzerisch behaupten, dass unser Hauptaugenmerk nicht darauf gerichtet sein sollte, Leute (besonders Jugendliche) in die Bibliothek zu bekommen. Wichtig scheint mir, dass wir für die Menschen unserer Kommune (mediale) Leistungen anbieten, die für sie nützlich sind. Ich mache Leseförderung in den Schulen nicht, um neue Kunden zu generieren und an uns „zu binden“, sondern weil Leseförderung für Kinder eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist. Bibliotheken sind schon von ihren Rahmenbedingungen her keine Unternehmen. Ob wir handlungsfähig sind, bestimmt die Politik und in letzter Konsequenz die kommunale Haushaltsaufsicht der Länder. Das ist banal, aber manchmal muss man daran erinnern. Das gilt auch für die Personalstruktur. Warum sollten angesichts chronisch unterbesetzter Jugendämter ausgerechnet in Bibliotheken Streetworker eingesetzt werden? Alles deutet außerdem darauf hin, dass schon wegen des Neuverschuldungsverbots der Länder ab 2020, die kommunalen Kassen in Zukunft noch viel stärker unter Druck geraten werden.
    Anstatt sich die immer gleichen Gedanken zu machen, wie wir welche „Zielgruppe“ besser erreichen können, macht es viel mehr Sinn, nach „draußen“ zu gehen, zuzuhören, die Augen auf zu machen, um zu erfahren welche Baustellen in den Gemeinden tatsächlich (!) bestehen und zu überlegen, wie wir uns dort mit unseren Kompetenzen einbringen können. Ich halte es hier mit David Lankes, der uns nicht nicht im „information business“ sondern im „conversation business“ sieht.
    Was macht es übrigens für einen Sinn, erst die Generation „60plus“ zur Zielgruppe zu erklären, um dann im gleichen Atemzug zu erklären, dass sie heterogen ist? So what? Was haben denn der ältere Herr, der jeden Tag zum Zeitunglesen kommt, dabei gerne einen Kaffee trinkt (wenn es denn am jeweiligen „3.Ort“ einen gibt) und die viel reisende pensionierte Lehrerin gemeinsam, außer das vielleicht ungefähr gleiche Alter? Aber vielleicht wissen das ja die „Gerontologen“…

    zu c): Doch welche „skills“ oder Kompetenzen brauchen wir denn in Zukunft? Bevor man wie am Schluss des Artikels ganz in abstrakte Höhen abschwirrt, sollte man zur Abwechslung mal diejenigen fragen, die in den Bibliotheken (da ganz „unten“) mit den Menschen direkt zu tun haben. Was braucht ihr? Da fällt zum Beispiel auf, dass obwohl Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit eine zentrale Kernaufgabe aller OEBs ist, bei kleineren Einrichtungen sogar die wichtigste, es dafür kaum mehr Lehrstühle an den Hochschulen gibt. Von einem Schulbibliotheks-Master, der es erlauben würde mit den Lehrkräften auf Augenhöhe zu arbeiten, ganz zu schweigen. Soziale Bibliotheksarbeit war einmal ein Studienschwerpunkt und einen Master in Bibliothekspädagogik gibt es genau einmal. Sollte ich mich hier irren – ich habe nicht alle Studienpläne durchgesehen – würde es mich freuen.
    Das Meiste was die jungen KollegInnen für den Alltag brauchen, müssen sie sich entweder selbst beibringen, von älteren abschauen oder sich auf Fortbildungen aneignen. Ist es nicht die Praxisferne des Studiums, die dann dazu führt, dass später umso ängstlicher an eingefahrenen Routinen festgehalten wird? Die zu beobachtende neue Lust an Hierarchien tut ein Übriges.

    Was die konkreten „Skills“ betrifft, bleibt das Papier auch sehr im Ungefähren. Um es noch einmal deutlich zu sagen: macht es nicht mehr Sinn erst einmal zu schauen, was tatsächlich um uns herum passiert – und nicht, was alle zu glauben scheinen – auf Grund irgendwelcher halbverdauter Ideen gemacht werden sollte? Dann merkt man nämlich schnell, dass manche „Kopfgeburten“ (Bibliotheken als „Gegenpol zu Filter Bubbles“ oder als „Self Publishing Hub“ – siehe Stampfl in BuB 7/2017) völlig unrealistisch sind.

    Ich denke, dass die Sterilität der gegenwärtigen Bibliotheks- und Berufsbilddebatte viel mit einer Kommunikationsstörung zwischen „Unten“ und „Oben“ (wozu ich nicht nur Direktionen, sondern auch Hochschulen und Verbände zählen würde) sowie zwischen „drinnen“ und „draußen“ zu tun hat. Nicht ohne Grund treffen sich viele Aktive bei alternativen Formaten wie dem bibcamp oder neuerdings bei #bibchatde quer zu den etablierten Gremien.

    In Erwartung heftigen Widerspruchs

    Jochen Dudeck, Stadtbücherei Nordenham

    *“Die Fähigkeit der sozialen Teilsysteme, unterschiedlich stark zu beschleunigen, führt zu ihrer potenziellen Desynchronisation und gefährdet, …, die Modi ihrer zeitstrukturellen Kopplung (und damit ihrer Kopplung überhaupt). Synchronisationsprobleme treten in sich verschärfender Form sowohl innerhalb als auch zwischen den sozialen Funktionssphären auf, vor allem aber zwischen der wissenschaftlich-technologischen und ökonomischen Entwicklung auf der einen und der Politik (und dem Bildungssystem) auf der anderen Seite. Das hohe Tempo des sozioökonomischen und technologischen Wandels überfordert systematisch die Zeitstrukturen und -horizonte demokratisch-deliberativer Politik, die in der Beschleunigungsgesellschaft just aufgrund der hohen sozialen Dynamik sogar zu einer Verlangsamung ihrer Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse tendiert.“ 
    Rosa, Hartmut (2005). Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (1. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.485

    Eine kleine Literaturempfehlung:

    Lankes, R. David (2017): The new librarianship field guide. Cambridge, Massachusetts: The MIT Press.

    Rosa, Hartmut (2016): Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer Kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. 5. Auflage. Berlin: Suhrkamp.

    Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Originalausgabe, erste Auflage. Berlin: Suhrkamp (edition suhrkamp, 2679).

  2. Ulla Wimmer sagt:

    Lieber Herr Dudeck,

    ich bin enttäuscht. 😉

    Zuerst kommen so viele richtige, wichtige Einwände von Ihnen:

    – ja, die IFLA-Trends ohne Erläuterung herzubeten ist nicht wirklich hilfreich
    – ja, auf einmal spielt das Stadt-Land-Gefälle wieder eine Rolle in informationspolitischen Fragen
    – ja, die Frage, wie viel Digitalisierung welche Bevölkerungsgruppe wirklich braucht, wer auch gut ohne klarkommt und wer durch die Digitalisierung abgehängt wird, ist wichtig
    – ja, die Tendenz, jegliche Tätigkeit nur unter dem strategischen Aspekt zu diskutieren, ob sie Nutzer in die Bibliothek bringt oder das Image modernisiert, ist kurzsichtig – Leute in die Bibliothek bringen ist kein Ziel von Bibliotheksarbeit, höchstens Mittel zum Ziel. „Tun wir nützliche Dinge!“, möchte man rufen, dann werden sie schon kommen (und doch, wir sollten auch allen sagen, dass sie nützlich sind.)
    – ja, das Fehlen von Themen, Kompetenzen und Wissensfeldern im Studium, die vorwiegend oder nur in Öffentlichen Bibliotheken vorkommen, ist ein Problem, das sich m.A.n. bereits jetzt in der Praxis negativ auswirkt.

    Und dann reduzieren Sie das ganze Problem auf die sogenannte „Praxisferne“ des Studiums und einen etwas wolkigen oben-unten-Gegensatz (was ist mit „drinnen“ und „draußen“ gemeint?). Das ist das Ende der Diskussion: jeder darf wieder mal selbstgerecht über „die da oben / die da im Elfenbeinturm“ den Kopf schütteln und bei seinen Überzeugungen bleiben, schon zu wissen, was richtig ist. (Außerdem ist es unfair gegenüber den KollegInnen aus den Hochschulen, die, wie Sie wissen, sehr eng mit den KollegInnen in den Bibliotheken zusammenarbeiten.)

    Fakt ist: Ein Studium ist nun mal Theorie. Der Berufsstand hat lang und hart darum gerungen, dass seine Ausbildung Hochschulniveau bis zum Master erhält. Praxis lernt man im Praktikum. Wer nicht genug Theorie kennt, klebt an der im jeweiligen Moment gängigen Praxis fest wie die Fliege am Klebeband.

    Sie sagen ja selbst, dass die MitarbeiterInnen heute ihr Wissen laufend irgendwo aufgabeln. Glauben Sie, das wird sich nochmal wieder ändern? M.A.n. bleibt das so, und damit den AbsolventInnen das laufend-Wissen-Aufgabeln leichter fällt, sollten Sie im Studium grundlegende Fähigkeiten (Skills ist wirklich Geplapper) erlernen, und grundlegende Strukturen des Wissensfelds kennen lernen, die ihen beim Aufgabeln helfen.

    Diese Strukturen und Fähigkeiten sind aber – jetzt kommts – notwendigerweise nicht auf konkrete aktuelle Tätigkeiten bezogen, sondern abstrakte, grundlegende „Schlüssel“. Abstraktion aushalten können und abstrakt denken (d.h. auch: abstrakte Lösungsmöglichkeiten mit Phantasie auf die neue, bisher nie dagewesene Situation zu übertragen) ist eine Problemlösungskompetenz und ein Manko im Bibliothekarsberuf. Zu den Schlüsselfähigkeiten gehört auch, abstrakte Gedankengänge und Studien zu rezipieren (und ja, heute auch auf Englisch zu rezipieren), und unvoreingenommen zu prüfen, welche davon für unsere Situation hier relevant sind, und welche nicht (und es sind m.A.n. nicht alle relevant). Ja, die Studiengänge sollten mehr (z,B.) zur Arbeit mit Älteren beinhalten – aber das wären dann Theorien, Studien und Methoden zum Informationsverhalten und Medienpädagogik, nicht Veranstaltungsrezepte.

    Sie wissen das doch mit der Theorie! Sie tun es dauernd selbst, in jedem Ihrer fundierten Vorträge und Beiträge habe ich Ihren Theorie-Bezug (will hier auch heißen: Bezug auf Literatur, die nicht direkt mit Bibliothek zu tun hat) als sehr gewinnbringend empfunden und etwas dazugelernt, auch in diesem Kommentar wieder. Wenn Sie also der Meinung sind, dass den Ideen zur Zukunft der Ausbildung und des Bibliothekarsberufs in diesem Artikel nicht die richtige Theorie zugrunde liegt, dann sollte der Streit darum gehen, welche Theorie aus Ihrer Sicht besser passt, d.h. mehr und hilfreichere Ideen für die Entwicklung der (Aus-)Bildung bringt. Und nicht um die alte Leier vom praxisfernen Studium.

    Viele freundliche Grüße, Ulla Wimmer, auch Dipl.-Bibl.

    Wissenschaftliche Mitarbeiterin
    Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft
    Humboldt Universität zu Berlin

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