Master of Library and Information Science (MA LIS): Welche Chancen haben AbsolventInnen auf dem Arbeitsmarkt?

Achim Oßwald, Marina Betker, Carola Schelle-Wolff und Irene Barbers beim Bibliothekartag 2014 (von links nach rechts). Foto: Silke Rieger

Achim Oßwald, Marina Betker, Carola Schelle-Wolff und Irene Barbers beim Bibliothekartag 2014 (von links nach rechts). Foto: Silke Rieger

Bremen. Der Bologna-Prozess hat im Bereich des höheren Bibliotheksdienstes zu neuen Qualifikationswegen für BibliothekarInnen mit Diplom- oder Bachelorabschluss geführt. Während der letzten Jahre erreichten die Kommission für Ausbildung und Berufsbilder (KAuB) des Berufsverbands Information Bibliothek (BIB) immer wieder Anfragen von Studierwilligen oder Studierenden aus dem Bibliotheksbereich. Soll ich im Anschluss an ein Bachelor- oder Diplomstudium im Bibliotheksbereich noch ein Masterstudium beginnen? Welche Hochschulen bieten welche Masterstudiengänge an? Wie sehen meine Chancen auf einen Einstieg in den höheren Bibliotheksdienst nach dem Masterabschluss aus? Erschwert der Master eventuell sogar die Stellensuche?

Aber nicht nur die Studierenden, auch die Hochschulen, die bibliothekarische Masterstudiengänge anbieten, stehen vor verschiedenen Fragen. Sie suchen immer wieder nach Möglichkeiten, ihre Curricula so zu gestalten, dass sie den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht werden. Hinzu kommen die Arbeitgeber, welche sich bei Stellenbesetzungen zwischen Bewerbern mit unterschiedlichen Ausbildungs- und Studienabschlüssen im Bereich Library and Information Science (LIS) entscheiden müssen und für die die verschiedenen curricularen Besonderheiten nur bedingt transparent bzw. nachvollziehbar sind.

All diese Aspekte hat die Kommission für Ausbildung und Berufsbilder  des BIB dazu bewogen, auf dem Bibliothekartag 2014 unter der Moderation von Marina Betker, Mitglied der KAuB und selbst Masterabsolventin, drei Vorträge zum Thema »Berufsaussichten für Absolventen mit einem Master of Library and Information Science (MA LIS) mit bibliothekarischer Doppelqualifikation« aus der Sicht der Hochschulen, der Absolventen und der Arbeitgeber anzubieten. Die Vorträge wurden von Claudia Hartmann im Folgenden noch einmal zusammengefasst.

Achim Oßwald, Dozent und Leiter des berufsbegleitenden Masterstudiengangs »Bibliotheks- und Informationswissenschaft« am Institut für Informationswissenschaft der FH Köln, erläuterte unter dem Titel »Karrieren statt Barrieren« die aktuellen Studienangebote und die beruflichen Perspektiven der MasterabsolventInnen vor dem Hintergrund der Kölner Erfahrungen aus Hochschulsicht.

Wie sieht die derzeitige Studienlandschaft bezogen auf die Masterabschlüsse aus und welche Arbeitsmöglichkeiten bieten sich den Absolventen?

Für den Einstieg in den höheren Bibliotheksdienst gibt es derzeit neben der klassischen Referendariatsausbildung verschiedene Masterstudiengänge im LIS-Bereich, die zum Teil auf einem entsprechenden LIS-, zum Teil aber auch auf einem beliebigen anderen Bachelorstudium aufbauen. Die Hochschulen in Berlin, Darmstadt, Hamburg, Leipzig und Potsdam bieten mit dem fachlich konsekutiven Master ein Vollzeitstudium von drei bis vier Semestern an. In Berlin, Köln, Hannover und Stuttgart haben Bachelor- und Diplom-Absolventen aus dem LIS-Bereich mit mindestens einem Jahr einschlägiger Berufstätigkeit die Möglichkeit in einem drei- bis fünfsemestrigen, berufsbegleitenden Weiterbildungsstudium ihren Masterabschluss im LIS-Bereich zu erwerben.

Für ein konsekutives Masterstudium entscheiden sich nach Aussage von Oßwald meist junge aufstiegsorientierte LIS-AbsolventInnen, die anschließend spezialisierte Aufgabenstellungen, operative Spezialbereiche oder Projekte übernehmen. Für den berufsbegleitenden Weiterbildungsmaster entscheiden sich sowohl jüngere aufstiegsorientierte LIS-AbsolventInnen mit mehreren Jahren Berufserfahrung wie auch FachkollegInnen mit langjähriger Berufserfahrung, die noch einmal »etwas bewegen« wollen. Sie übernehmen unter anderem Leitungs- und Managementaufgaben, Spezialaufgaben in innovativen Bereichen und gegebenenfalls auch Fachreferatsaufgaben.

Wie steht es um die Motivation und die beruflichen Chancen der Masterstudierenden?

Oßwald unterscheidet je nach Vorerfahrung und Unterstützung durch ihre Arbeitgeber fünf Motivationstypen. Die besten beruflichen Chancen haben die sogenannten »Entsandten«, die von ihrem Arbeitgeber im Rahmen der Personalentwicklung finanziell wie auch durch Freistellung unterstützt werden und bereits für höherwertige Stellen vorgesehen sind. Ihr Anteil macht im Masterstudiengang an der Fachhochschule Köln mehr als die Hälfte der Studierenden aus. Aber auch bei den »Unterstützten« und »Kompetenzorientierten«, die ohne konkrete Aufstiegsmöglichkeit und zum Teil nur moralisch unterstützt ins Studium gehen, lassen sich positive Aspekte erkennen.

In allen drei Fällen ist der Gewinn sowohl für die Studierenden als auch für den Arbeitgeber am größten. Der Arbeitgeber profitiert durch neue Ideen und Know-how-Transfer; er kann verdiente MitarbeiterInnen halten und frei werdende Stellen des höheren Dienstes adäquat besetzen. Bei den beiden von Oßwald als  »Individualisten« und »Durchstarter« bezeichneten Motivationsgruppen, die ohne Wissen des Arbeitgebers oder gleich nach dem Bachelorstudium weiter studieren, ist der Ertrag für die Institution, an der diese tätig sind, während des Studiums eher gering oder unter Umständen gar nicht vorhanden.

Welche Barrieren stehen heute der Aufnahme eines MA LIS-Studiums und der Einstellung von MA LIS-AbsolventInnen entgegen?

Nach Meinung von Oßwald behindern Tarifregelungen unter anderem durch inhaltlich traditionelle Fachorientierungen und traditionelle Arbeitsplatz- und Stellenbeschreibungen. Hier sind die Politik, aber auch die Berufsverbände aufgefordert, die beruflichen Bedingungen den neuen Studienabschlüssen anzupassen. Auf Seiten der Arbeitgeber wird die Ermutigung und Unterstützung qualifizierter und studierwilliger MitarbeiterInnen im Rahmen der Personalentwicklung häufig noch nicht als Möglichkeit gesehen, den durch den demografischen Wandel zu erwartenden Personalengpässen zu begegnen.

Es besteht bei Stellenausschreibungen zum Teil nicht die Bereitschaft, traditionelle Qualifizierungsmuster zu verlassen und viel stärker auf die individuellen Kompetenzen des Bewerbers zu schauen. ArbeitnehmerInnen nutzen die Chance einer Weiterqualifizierung für den höheren Bibliotheksdienstdienst bisher noch zu selten, da eine Weiterbildung sowohl zeitlich als auch finanziell sehr aufwändig ist und ein Stellen- und Ortswechsel für eine adäquate Stelle nach längerer Berufstätigkeit nicht oder nur sehr begrenzt gewagt wird.

Wie könnten mögliche Lösungen zur Überwindung dieser Barrieren aussehen?

Als mögliche Lösungen kommen laut Oßwald zum Beispiel eine größere Diskussion in der Fachöffentlichkeit mit der Vorstellung von Fallbeispielen und dem Aufzeigen von Perspektiven, die Orientierung der Laufbahn- und Tarifregelungen am Bologna-Konzept und die Einbeziehung des Weiterbildungsstudium in die Personalentwicklungsmaßnahmen der Arbeitgeber in Frage.

Eine weitergehende inhaltliche Differenzierung und Spezialisierung der Masterstudiengänge, wie sie von Studierenden und Arbeitgebern zum Teil gefordert wird, kann laut Oßwald auf Grund der bislang geringen Studierendenzahl nicht angeboten werden. Stattdessen erfolge diese Spezialisierung innerhalb der Studiengänge durch generell angebotene Themenschwerpunkte oder individuelle Themenwahl.

Von der Diplom-Bibliothekarin zum MA LIS

Im Anschluss an Oßwald gab Irene Barbers in ihrem Vortrag »Von der Diplom-Bibliothekarin zum MA LIS« einen Einblick in ihren beruflichen Werdegang. Nach dem Studium zur Diplom-Bibliothekarin und einigen Berufsjahren in den Bereichen OPL, Katalogisierung und Informationskompetenz entschloss sie sich 2009 zu einem weiterbildenden Masterstudium im LIS-Bereich an der Fachhoschule Köln. Von dem Studium erwartete sie für sich eine Kompetenzerweiterung und damit verbunden bessere Karrieremöglichkeiten im Anschluss an das Studium. Inhaltlicher Schwerpunkt des Studiums war das Thema Management. Von ihrem damaligen Arbeitgeber erhielt sie Unterstützung bei zwei Praxisprojekten, aber keine finanziellen Mittel oder die Aussicht auf eine höherwertige Stelle. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst weiter auf ihrer alten Stelle, begab sich aber parallel auf Stellensuche.

Die vielfältigen Stellenangebote teilte Barbers bei ihrer Suche in Projektstellen, Fachreferatsstellen gekoppelt mit Führungs-, Organisations- und Entwicklungsaufgaben sowie solche ohne Fachreferatsaufgaben ein. Außerdem formulierte sie persönliche Auswahlkriterien. So kamen für sie nur unbefristete Stellen in ihrer Umgebung in Frage, die keine Fachreferatsaufgaben beinhalteten. Die Bewerbungsphase vom Studienabschluss bis zum Antritt der neuen Arbeitsstelle dauerte zwei Jahre und beinhaltete drei Bewerbungsgespräche. Seit 2013 arbeitet Barbers im Forschungszentrum Jülich im Electronic Ressource Management. Ihre Tätigkeitsbereiche umfassen zurzeit die Lizenzierung und Verwaltung von Zeitschriften, Datenbanken und E-Book-Paketen, die konzeptionelle Weiterentwicklung zur Integration neuer Komponenten im Bereich Electronic Ressource Management sowie Monitoring und Kosten-Nutzen-Analysen im Bereich Nutzungsstatistik.

Anforderungen für den höheren Dienst

Zu den Anforderungen für diese Stelle des höheren Dienstes gehören unter anderem Verständnis für Lizenzfragen, Kenntnisse der Strukturen relationaler Datenbanken und SQL, technisches Verständnis für E-Ressourcen, Kenntnisse im Controlling und Projektmanagement. Ihre Kenntnisse in den Bereichen Statistik, Controlling, Qualitätsmanagement und Urheberrecht sowie Erfahrungen im Projektmanagement aus dem Modul Management des MA LIS-Studiengangs kann Barbers hier gut einsetzen. Aber auch Hintergrundwissen über bibliothekarische Geschäftsgänge aus ihrer langjährigen Berufspraxis und erfolgreich abgeschlossene Projekte waren wichtig für die Einarbeitung in den neuen Arbeitsbereich.

Barbers sieht eine realistische Karrieremöglichkeit in der Weiterqualifizierung zum MA LIS. Da sie sich nur auf ausgeschriebene Stellen in einem regional begrenzten Gebiet beworben hat, bestehen für räumlich flexiblere AbsolventInnen noch größere Chancen. Eine professionelle Beratung wurde in der Bewerbungsphase nicht in Anspruch genommen, wäre aber eine Option. Barbers ermutigte die anwesenden Studierenden, sich auch auf Stellen zu bewerben, wenn nicht alle geforderten Kenntnisse vorhanden sind. Wichtig sei es, den Arbeitgeber beim Bewerbungsgespräch von der eigenen Motivation zu überzeugen. Ist der Arbeitgeber überzeugt, dass der Bewerber in der Lage ist, sich die fehlenden Kenntnisse anzueignen, stehen die Chancen gut, die Stelle zu bekommen. Soft Skills spielen bei einer Bewerbung ebenfalls eine wichtige Rolle.

Einstellungschancen für MA LIS

Welche Voraussetzungen, Kompetenzen und Berufserfahrungen bei der Stellenbesetzung im höheren Dienst für den Arbeitgeber eine Rolle spielen, stellte Carola Schelle-Wolff, Direktorin der Stadtbibliothek Hannover, in ihrem Vortrag »Mit dem Master in die Bibliothek – Einstellungschancen für MA LIS-Absolventen aus Arbeitgebersicht« am Beispiel der Stadtbibliothek Hannover vor. Laut der Deutschen Bibliotheksstatistik (DBS) gab es 2012 1340 Stellen im höheren Dienst an wissenschaftlichen Universal- und Hochschulbibliotheken in Deutschland. Die Zahl der Stellen ab Entgeltgruppe E 13 an Öffentlichen Bibliotheken wurde auf etwa 200 geschätzt. Auch wenn nicht alle frei werdenden Stellen wieder besetzt werden, so gibt es angesichts des Generationswechsels doch eine größere Anzahl von Stellen, die adäquat besetzt werden müssen.

Im höheren Dienst des WB-Bereichs werden meist FachreferentInnen, Abteilungsleitungen oder wissenschaftliche MitarbeiterInnen für Projekte gesucht. Management- und Führungskompetenzen spielen dabei zunächst meist eine untergeordnete Rolle. Die formale Anforderung ist hier überwiegend eine abgeschlossene Ausbildung für den höheren Bibliotheksdienst (Referendariat). In Öffentlichen Bibliotheken handelt es sich fast ausschließlich um Leitungsstellen in großen Stadtbibliotheken oder städtischen Bibliothekssystemen, die Erfahrung im Management sowie soziale und personelle Kompetenzen erfordern. Auch hier ist eine Qualifikation für den höheren Bibliotheksdienst die formale Voraussetzung. Praktische Berufserfahrung wie sie in einem berufsbegleitenden MA LIS-Studium vorausgesetzt wird, kann hier von Vorteil sein. Um eine Stelle adäquat zu besetzen, müssen Stelle und Bewerber zueinander passen, das heißt ,es müssen einerseits die formalen Voraussetzungen und die non-formalen Ausschreibungskriterien erfüllt sein.

Wichtige Grundlage hierfür ist die klare Darstellung der Erwartungen und Aufgaben im Stellenprofil der Ausschreibung. Andererseits muss auch die Persönlichkeit des Bewerbers stimmen. Auswahlentscheidend waren deshalb für Schelle-Wolff bei der Besetzung einer E 14-Stelle (Leitung des Benutzungsdienstes) in der Stadtbibliothek Hannover auch das persönliche Auftreten der Bewerber, Kompetenzen wie leistungsorientiertes Denken, Mut zu Entscheidungen, Teamfähigkeit und die Frage, ob der Bewerber zur Kultur des Hauses passt. Wenn Kompetenzen und formale Voraussetzungen gegeben sind, bestehe durchaus die Bereitschaft zu Abstrichen bei der spezifischen Fachlichkeit.

Erfahrung wichtiger als Ausbildung

Schelle-Wolff erachtete in ihrem Vortrag die Erfahrungen und Kompetenzen der Bewerber wichtiger als die Art der Ausbildung im Bereich des höheren Dienstes. Wenn die Bildungsbiografie und die Persönlichkeit zum Arbeitsfeld passen, stehen die Chancen gut, den geeigneten Mitarbeiter / die geeignete Mitarbeiterin für die Stelle gefunden zu haben. MA LIS-AbsolventInnen gibt Schelle-Wolff den Rat, flexibel zu sein und mit potenziellen Arbeitgebern über die geeignete Vorgehensweise bei der Stellensuche zu sprechen.

Der Bibliothekartag in Bremen zeigte, wie wichtig der Dialog zwischen den verschiedenen Partnern ist. Hochschulen und Studierende benötigen Informationen über Einsatzmöglichkeiten und in der Praxis benötigte Qualifikationen, um die Curricula an die Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen und die richtige Entscheidung über die Fächer- und Modulwahl zu treffen. Arbeitgeber müssen über die Inhalte und Abschlüsse der Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten informiert sein und neuen Studiengängen und -abschlüssen offen gegenüber stehen, um die am besten qualifizierten MitarbeiterInnen für ihre zu besetzenden Stellen zu finden. Darüber hinaus sind Politik und Berufsverbände aufgefordert, die entsprechenden beruflichen Rahmenbedingungen für die neuen Studiengänge und Ausbildungsabschlüsse zu schaffen. Nur so ist es möglich, dass AbsolventInnen der neuen Masterstudiengänge mit bibliothekarischer Doppelqualifikation im Bereich des höheren Bibliotheksdienstes eine ihren persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten angemessene Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. (Vorträge zusammengefasst von Claudia Hartmann / 18.12.2014)

 

Weiterführende Informationen:

Folien des Vortrags von Achim Oßwald unter http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte//2014/1579.

Folien des Vortrags von Irene Barbers unter http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte//2014/1591.

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