Heinz-Jürgen Lorenzen plädiert für Beibehaltung des Bibliothekartags

Wenn es eine Rangliste derjenigen Bibliothekare gäbe, die die meisten Ehrenämter im Bibliothekswesen innehatten, dann würde Heinz-Jürgen Lorenzen ganz weit vorne liegen. Als langjähriger Direktor der Büchereizentrale und Geschäftsführer des Büchereivereins Schleswig-Holstein geht er nun Ende August in Ruhestand. Sein Amt als Präsident des bibliothekarischen Dachverbands BID wird er im März kommenden Jahres übergeben. Im Interview mit BuB-Redakteur Bernd Schleh blickt der erfahrene Bibliotheksexperte auf mehr als 35 Berufsjahre und dramatische Veränderungen in der Branche zurück. An Traditionen wie dem Deutschen Bibliothekartag hält Lorenzen dennoch fest und mahnt: »Gerade in einer Zeit, in der die Bibliotheken als Treffpunkte und dritte Orte immer wichtiger werden, sollten wir als Bibliothekare nicht auf gemeinsame Treffen für den persönlichen Fachaustausch verzichten.«

Herr Dr. Lorenzen, Sie arbeiten seit mehr als 35 Jahren in führender Position für Bibliotheken. Was können Sie beim diesjährigen Bibliothekartag in Berlin noch dazulernen?
Ich freue mich besonders auf die neuen Perspektiven, die sich in Sachen Bibliotheksentwicklung eröffnen. Wie fügen sich Bibliotheken in die digitale Gesellschaft ein? Wie entwickeln sich die digitalen Fachangebote? Wie machen wir darüber hinaus unsere gesamten Angebote zukunftsfähig? Und es interessiert mich auch, wie wir unsere Retrieval- und Discoverysyteme verbessern können, damit wir Informationen und Inhalte noch besser nachweisen können als in der Vergangenheit.

Im Laufe Ihrer Berufstätigkeit hat sich das Arbeitsfeld der Bibliothekare dramatisch gewandelt. Glauben Sie, die traditionellen jährlichen Fortbildungsveranstaltungen Bibliothekartag beziehungsweise Bibliothekskongress sind noch zeitgemäß?
Ja, sicher. Wir decken hier genau den Bedarf an persönlichem Austausch, der noch immer besteht. Es geht ja nicht nur darum, Fachinformationen zu transportieren, das könnte man sicher auch auf anderem Wege erledigen. Der persönliche Kontakt ist nach wir vor ganz wichtig, um neue Projekte auf den Weg zu bringen, aber zum Beispiel auch um Konflikte zu lösen. Genauso wenig, wie das Internet das gesamte Informationsspektrum abdecken kann, können die neuen Kommunikationsmedien den zwischenmenschlichen Kontakt ersetzen. Gerade in einer Zeit, in der die Bibliotheken als Treffpunkte und dritte Orte immer wichtiger werden, sollten wir als Bibliothekare nicht auf gemeinsame Treffen für den persönlichen Fachaustausch verzichten.

Heinz-Jürgen Lorenzen, Interview zum Bibliothekartag

Nach mehr als 35 Jahren in führender Position für deutsche Bibliotheken beendet Heinz-Jürgen Lorenzen seine hauptamtliche Karriere Ende Augst dieses Jahres. Foto: Leitwerk Jens Sauerbrey

In jüngster Zeit tauchte immer wieder die Forderung nach einer transparenteren Organisation der jährlichen Großveranstaltungen auf, also statt des alternierenden von BIB und VDB organisierten Bibliothekartags und des von BID organisierten Bibliotheskskongresses eine gemeinsame jährliche Veranstaltung aller Verbände, inklusive dbv. Was halten Sie davon?
Die Veranstaltung selbst würde sich im Kern aus meiner Sicht gar nicht ändern. Die Formate bei Bibliothekartag und Bibliothekskongress sind bis auf einige Besonderheiten weitgehend vergleichbar. Natürlich ist BID als Dachverband aus praktischen Erwägungen heraus für eine einheitliche Struktur des Tagungsgefüges und die Einbeziehung des dbv. Aber welcher Verband in welcher Partnerschaft nun welche Veranstaltung organisiert, interessiert die Teilnehmerinnen und Teilnehmer herzlich wenig. Für sie ist wichtig, dass das Fortbildungsangebot und das fachlich-kollegiale Miteinander stimmen. Und dafür sind Bibliothekartag und Bibliothekskongress ideale Formate. Die wachsenden Teilnehmerzahlen stellen dies ausdrücklich unter Beweis.

Sie haben die Entwicklung der deutschen Bibliotheken in den vergangenen vier Jahrzehnten maßgeblich mitbestimmt. Was waren in dieser langen Zeit die größten Herausforderungen für den Berufsstand?
Das war zunächst die Öffnung der Bibliotheken hin zur Kundenorientierung, verbunden mit einem kundenorientierten Marketing. Dann natürlich auch die Frage, wie wir mit AV-Medien umgehen. Ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt war die gesamte Automatisierung, die in Wellenbewegungen stattgefunden hat. Erst mal die EDV-Einführung an sich, dann später das Internet bis hin zum Web 4.0. Hinzu kommt die aktuelle Auseinandersetzung mit der digitalen Welt und den Aufgaben der Bibliotheken in einer digitalen Gesellschaft. Bibliotheken sind heute viel mehr auf gesellschaftliche Herausforderungen ausgerichtet als noch vor 30 Jahren und bieten sich immer mehr als Problemlöser in unterschiedlichen Bereichen an. Dies reicht noch nicht – aber es ist schon ein guter Schritt voran. Diese Kompetenz der Bibliotheken müssen wir mit intensiverer Interessenvertretung noch deutlicher herausstellen, gerade auf der untersten Ebene gegenüber der Kommunalpolitik und der örtlichen Verwaltung durch die örtlichen Bibliotheken.

Die Büchereizentrale und der Büchereiverein Schleswig-Holstein sind untrennbar mit Ihrem Namen verbunden. Wie wird es dort ab September 2018 ohne Heinz-Jürgen Lorenzen weitergehen?
Diese Entscheidung werden anderen treffen. Aber ich bin mir sicher, dass die Grundlagen, die wir mit dem Büchereiverein geschaffen haben, eine sehr gute Ausgangsposition bieten, um das Bibliothekswesen zu fördern und weiterzuentwickeln, was ja auch satzungsgemäßer Zweck des Vereins ist. Damit kann in Zukunft erfolgreich weitergearbeitet werden.

„Die Kompetenz der Bibliotheken müssen wir mit intensiverer Interessenvertretung noch deutlicher herausstellen.“

Bleiben wir in Schleswig-Holstein: Sie waren ein ganz maßgeblicher Motor für das dortige Bibliotheksgesetz. Was hat sich dadurch verbessert?
Ja, ich war Motor der Bestrebungen, der aber meine Intention, was maßgeblich im Gesetz stehen sollte, nicht durchsetzen konnte. Die Bibliotheken sind nicht Pflichtaufgabe für die Kommunen geworden. Es ist letztendlich ein Gesetz, das zwar die Interessenvertretung der Bibliotheken unterstützt, aber es hat keine nachhaltigen Verbesserungen erbracht. Das gilt bis heute, und die Verabschiedung liegt ja schon einige Zeit zurück.

Raten Sie KollegInnen in anderen Bundesländern nach wie vor, sich ebenfalls für ein Bibliotheksgesetz einzusetzen?
Eindeutig ja. Es ist wichtig, dass sich die Landespolitik mit Bibliotheken befasst und das kann man sehr gut über Bibliotheksgesetze erreichen. Andere Bundesländer haben zudem die Möglichkeit, es besser zu machen als in Schleswig-Holstein.

Sie haben in Ihrer außergewöhnlichen Karriere als Bibliothekar so viele Ämter und Funktionen innegehabt, dass sich das hier gar nicht alles aufzählen lässt. Welche Aufgabe im ehrenamtlichen Bereich lag oder liegt Ihnen besonders am Herzen?
Das ist für mich nach wie vor die Interessenvertretung von Bibliotheken und für Bibliotheken. Diese Themen haben wir in den vergangenen Jahren in den einzelnen Verbänden immer wieder neu bewegt und bewertet, um hier möglichst zweckmäßig zu agieren. Wir müssen unsere gerechtfertigten Interessen in einer noch wirksameren Form an die Politik herantragen. Wir als Bibliotheken sind in Politik und Verwaltung nach wie vor zu wenig verankert und haben dort zu wenig Rückhalt – was teilweise auch unsere eigene Schuld ist. Wir haben manchmal eine zu große Scheu, unsere ganz legitimen Interessen nach vorne zu bringen. Das müssen wir uns alle noch mehr aneignen, nicht nur die Verbandsfunktionäre, sondern auch die Bibliothekare vor Ort. Meinungs- und Informationsfreiheit und die Vermittlung von Medienkompetenz und Bildung müssen in den Bibliotheken gelebt werden, sodass die kommunalen Verantwortlichen vor Ort die Bedeutung der Einrichtungen als unentbehrliche Informationsdienstleister erkennen. Andernfalls stehen wir Verbandfunktionäre mit unseren Appellen auf verlorenem Posten.

Ihre wichtigste ehrenamtliche Tätigkeit ist sicher die Präsidentschaft des bibliothekarischen Dachverbands BID, die Sie seit 2012 innehaben. Was konnten Sie in dieser Zeit bewegen?
Vor allem eine Konsolidierung des Dachverbandes. Wir hatten ja einiges an strukturellen Diskussionen, seinerzeit mit der DGI, was sich am Leipziger Bibliothekskongress entzündet hat. Es gab unterschiedliche Vorstellungen, wie mit dem Kongress zu verfahren ist. Ich denke, hier haben wir ein gutes Miteinander gefunden, indem der Kongress zwar von BID veranstaltet wird, aber eine gemeinsame Veranstaltung der BID und der bibliothekarischen Verbände ist. Es war auch eine Gesundung der Finanzen dringend erforderlich. Das ist uns innerhalb kurzer Zeit gelungen, inklusive der steuerrechtlichen Fragen. Derzeit sind wir dabei, die Auslandstätigkeit auf neue Grundlagen zu stellen, und auch die Fragen zur Berufsethik haben mit der Erarbeitung der neuen Ethischen Grundsätze eine wichtige Rolle gespielt.

Die Medien- und Informationswelt wird immer komplexer. Was sind die größten Herausforderungen für Bibliotheken und damit die BID in den kommenden Jahren?
Die wichtigste Herausforderung wird die Transformation der Bibliotheken in die digitale Welt sein, also das richtige Aufstellen der Bibliotheken in einer digitalen Gesellschaft. Das wird eine Gratwanderung. Denn die Digitalisierung ist nur ein Teil des Ganzen, wir sind als Bibliothek auch Treffpunkt und dritter Ort. Die Bibliothek muss es schaffen, in Zukunft, diese unterschiedlichen Funktionen zu versammeln.

Neben der BID gibt es noch den bibliothekarischen Institutionenverband dbv sowie die großen Personalverbände BIB und VDB. Wäre es im Sinne eines klaren Auftretens des Berufsstandes nach außen nicht besser, hier nur mit einem Verband zu agieren?
Das ist eine Grundsatzfrage. Natürlich ist es in der reinen Lehre besser, nur mit einer Stimme zu sprechen. In der jetzigen Konstruktion, in der der Dachverband ehrenamtliches Bindeglied ist, kann die BID das nicht leisten. Aber es gibt eine klare Regelung: BID als Dachverband stimmt intern die Interessenvertretung unter den Verbänden ab. Die Vertretung der Bibliotheken nach außen übernimmt der dbv, die Vertretung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschieht durch die Personalverbände. Auch so ist eine einheitliche Außenwirkung gegeben, wobei damit nicht die Außenwirkung zu den Bibliotheken, sondern zu Politik und Verwaltung gemeint ist. Ein paralleles Agieren kann manchmal durchaus sinnvoll sein, es muss nicht immer mit einer Stimme gesprochen werden. Es gibt einfach Fragen, bei denen ein Personalverband notwendigerweise eine andere Ansicht vertritt als ein Institutionenverband, denken wir zum Beispiel an die tarifliche Eingruppierung. In so einem Fall ist es sicher besser, mit zwei Meinungen an die Öffentlichkeit zu gehen, als das Thema wegen einer Pattsituation in einem Gesamtverband erst gar nicht aufzugreifen. Die BID als Gesamtverband nimmt hier eine vermittelnde Rolle ein, dieses Konstrukt funktioniert eigentlich sehr gut. Alle Partner können so freier agieren.

„Ethische Grundsätze müssen regelmäßig, alle fünf bis zehn Jahre, aktualisiert und an der gesellschaftlichen Realität ausgerichtet werden.“

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die aktuellen Fusionsbemühungen von BIB und VDB?
Das ist ein wichtiges Thema. Die Möglichkeit, dass sich der Berufsstand in einer Struktur bewegen kann, bietet Chancen. Es ist ja bereits so, dass die beiden Personalverbände in berufsständischen Fragen eng zusammenarbeiten und es viele Gemeinsamkeiten gibt. Für die beiden Personalverbände wird es sicher einfacher sein zueinanderzufinden, als für die Personalverbände und den Institutionenverband.

Die BID hat Ende vergangenen Jahres neue ethische Grundsätze für den Berufsstand formuliert. Warum war das notwendig?
Ethische Grundsätze müssen regelmäßig, alle fünf bis zehn Jahre, aktualisiert und an der gesellschaftlichen Realität ausgerichtet werden. Das steht im Übrigen auch so in den neuen Ethischen Grundsätzen; eine Verpflichtung, die die BID gerne eingegangen ist.

Was sagen Sie zu der Kritik, dass im Vorfeld der Formulierung der ethischen Grundsätze keine ausreichende öffentliche Debatte stattgefunden habe?
Wir haben die Inhalte der Ethischen Grundsätze beim vergangenen Bibliothekartag in Frankfurt offen zur Diskussion gestellt. Die Resonanz war verhalten, das muss man ganz nüchtern sagen. Das vermittelte uns den Eindruck, dass der Diskussionsbedarf in Sachen Ethik nicht so groß ist. Mit den Veränderungsvorschlägen aus der Frankfurter Diskussion haben wir uns eingehend auseinandergesetzt. Und natürlich sind wir auch weiterhin offen für Vorschläge und Anregungen. Allerdings: Die Erfahrung zeigt, dass das Interesse an diesem Thema im Berufsstand nicht sehr ausgeprägt ist.

Worauf führen Sie das zurück?
Das liegt sicher auch daran, dass uns ethische Fragen in der täglichen Arbeit nicht so quälend vor Augen sind. Zum Glück bewegen wir uns in einem gesellschaftlichen Rahmen, in dem wir bei ethischen Grundsatzfragen einen breiten Konsens haben. Wobei es aber auch alarmierende Ausnahmen gibt, zum Beispiel die aktuellen Bestrebungen, in den Bestandsaufbau von Bibliotheken hineinzuregieren. Der Bestandsaufbau ist allein von der Bibliothek zu verantworten. Da muss man sehr genau hinschauen und Stellung beziehen, damit keine Zensur von außen stattfindet. Unterstützung genau in dieser Sache bieten nicht zuletzt die neuen Ethischen Grundsätzen.

Die Themen Meinungsfreiheit, Fake News, rechte Verlage sind brandaktuell. Sind Bibliothekare hier ausreichend vertreten in der öffentlichen Diskussion?
Das ist eine schwierige Frage. Ich kann nicht konkret beurteilen, ob Bibliothekare hier ausreichend vertreten sind. Grundsätzlich finde ich, dass es nicht die vordringliche Aufgabe von Bibliothekaren ist, sich bei allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Problemstellungen – denken wir zum Beispiel an die jüngste Debatte um die Verleihung des Echo-Preises – zu Wort zu melden. Das betrifft erst mal nicht originär die Bibliotheken. Eine andere Sache ist es, wenn sich hier Bibliothekare privat einmischen. Das ist durchaus wünschenswert. Ist eine Stellungname zu politischen Sachverhalten aus bibliothekarischer Sicht geboten, dann machen wir das in der Regel über unsere Mitgliedschaft im Deutschen Kulturrat. Dessen Stellungnahmen haben ein größeres Gewicht.

Nun gibt es zwar das Grundsatzpapier zur Ethik, die ständige Ethikkommission der BID ist aber nach wie vor unbesetzt.
Das stimmt, wir haben die Ethikkommission jetzt erst mal auslaufen lassen und werden ethische Fragen künftig in einem anderen Rahmen als mit einer Kommission behandeln. Das ist das Ergebnis einer gründlichen Evaluation, bei der wir auch externen Rat eingeholt haben. Wir werden die Ethischen Grundsätze laufend aktualisieren und über die Verbände stark in die einzelnen Einrichtungen und zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tragen. Grundsätzliche ethische Fragestellungen werden wir im BID-Vorstand behandeln und dazu Stellungnahmen, gegebenenfalls mit externer Unterstützung, abgeben – aber nicht zu Einzelfällen, die nur vor Ort eine Bedeutung haben. Es gibt bereits eine gute, umfangreiche Sammlung von ethischen Fallbeispielen von Herrn Professor Rösch, die zu Rate gezogen werden kann. Wir liefern das Gerüst, um sich eine Meinung zu bilden und auch um ethische Grundsätze weiter zu diskutieren. Wir sind aber nicht der große ethische Gerichtshof, der über alle ethischen Fragen befindet. Das können und wollen wir nicht leisten, das maßen wir uns auch nicht an.

„Der internationale Austausch ist sehr wichtig, weil uns einzelne Länder in der Bibliotheksentwicklung deutlich voraus sind.“

Die zweite zentrale BID-Kommission ist bi-international. Wieso ist der internationale Fachaustausch so wichtig?
Der internationale Austausch ist sehr wichtig, weil uns einzelne Länder in der Bibliotheksentwicklung deutlich voraus sind. Wobei eine zukunftsorientiertere Entwicklung noch nicht per se eine Überlegenheit bedeutet. Man muss jeweils herausfiltern, was von der gesellschaftlichen Situation eines Landes überhaupt auf Deutschland übertagbar ist. Die Kulturen sind unterschiedlich und damit natürlich auch die jeweiligen kulturellen Einrichtungen. Aber Lernen im Sinne von Best-Practice ist absolut notwendig und wichtig. Und hier lohnt sich eben der Blick ins Ausland, zum Beispiel in die skandinavischen Länder, in die Niederlande oder in den angelsächsischen Bereich. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die politische Interessenvertretung. Hier geschieht immer mehr auf europäischer und internationaler Ebene, auch darauf müssen wir uns einstellen. Insgesamt sind deutsche Bibliotheken im internationalen Vergleich aber gut aufgestellt.

Trotz der international vergleichsweise guten Position haben viele Bibliotheken heute Schwierigkeiten, ihre Stellen mit geeigneten Mitarbeitern zu besetzen. Haben Bibliotheken hierzulande ein Imageproblem?
Bibliotheken und ihre Mitarbeiter, Bibliothekare wie FaMIs, haben hier tatsächlich ein Problem. Sie kämpfen gegen eine Strömung im digitalen Zeitalter, die vorgibt, dass man solche Einrichtungen künftig nicht mehr braucht. Dadurch gerät die Zukunftsperspektive unserer Berufe ins Wanken. Es gibt Ausbildungsstätten, die sich neu ausgerichtet haben und mehr in die Breite gehen. Die Abschlüsse zielen in Richtung Informationsdienstleister, es wird weniger das klassisch Bibliothekarische vermittelt. Auch daran wird indirekt deutlich, dass man dort die eigentlichen Berufsaussichten in Bereichen außerhalb der Bibliothek sieht.

Das Problem des Nachwuchsmangels wird immer größer. Die BID hat inzwischen sogar eine Arbeitsgemeinschaft zur Personalgewinnung eingesetzt. Was ist hier geplant?
Hier geht es genau darum, das Image der Bibliotheken und des Berufsstandes zu verbessern. Wir wollen deutlich machen, dass gerade in der digitalen Welt unser Berufsstand viel mehr Chancen als Risiken hat. Die Ausbildung zum Bibliothekar hat durchaus Zukunft. Das müssen wir zum einen in unserem Berufsstand selbst wieder neu verinnerlichen, nachdem durch diverse Sparrunden vor 5 bis 15 Jahren viel Resignation aufgetreten ist. Wir brauchen wieder mehr Optimismus und müssen uns aber auch offener für die Zukunft zeigen. Genauso muss das Image nach außen verbessert werden, zum Beispiel mit Flyern und anderen Informationsmaterialien, um so ein realistisches und attraktives Berufsbild zu vermitteln

Die öffentliche Wahrnehmung von der Arbeit in der Bibliothek stimmt häufig nicht mit dem eigentlichen Berufsprofil überein. Wie kann das verbessert werden?
Hier kommt wieder die konsequente Interessenvertretung auf lokaler Ebene ins Spiel. Die Arbeit in der Bibliothek muss viel offensiver und selbstbewusster nach außen getragen werden. Das geht nicht nur mit statistischen Zahlen, hier sind vor allem Inhalte gefragt. Wir sind nach wir vor die kulturelle Einrichtung, die am meisten genutzt wird. Wir können uns mit attraktiven Angeboten wie digitale Medien und Datenbanken, Makerspace, Web 4.0 und vielen zielgruppenortientierten Projekten profilieren und uns auf eine sichere Zukunft freuen. Allerdings sind dafür auch der Wille zur ständigen Fortbildung, persönlichen Weiterentwicklung und eine gewisse Neugier notwendig.

Werden junge Bibliotheksmitarbeiter in Ausbildung und Studium ausreichend für die sich schnell wandelnde Berufspraxis vorbereitet?
Die Frage, worauf die Nachwuchskräfte vorbereitet werden sollen, ist unheimlich schwer zu beantworten, weil man noch gar nicht weiß, was später auf sie zukommen wird. Es bleibt aber festzuhalten, dass die jungen Kollegen heutzutage eine sehr umfangreiche Ausbildung gerade auch im technischen und informationstechnischen Bereich mitbringen. Mir fehlen so ein bisschen die eher klassische Ausbildung zum Beispiel im Bereich Medienkunde sowie die Beschäftigung mit Medieninhalten. Ich glaube, das kommt etwas zu kurz. Kommunikative Fähigkeiten, die immer wichtiger werden, kann man ja nur partiell über Ausbildung vermitteln. Hier ist es zusätzlich wichtig, die passenden Menschen in die Ausbildung zu bekommen. Hier landen wir erneut beim Imageproblem und müssen uns fragen: Welche jungen Menschen interessieren sich überhaupt für unseren Beruf?

Oder etwas anders gefragt: Warum sollten sich junge Leute überhaupt für den Beruf des Bibliothekars begeistern?
Weil es ein toller, vielseitiger Beruf ist, der sich mit spannenden gesellschaftlichen Fragestellungen beschäftigt. Bibliothekare erfüllen eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft. Unsere Arbeit und unser Handeln haben eine politische Komponente und sind deshalb auch zukunftsorientiert. Es ist ein schöner, ein interessanter und ein wertvoller Beruf.

Ihre Begeisterung für Bibliotheken ist weitbekannt. Werden Sie als Ruheständler weiterhin im Ehrenamt für Bibliotheken arbeiten – oder Ihre gewonnene Zeit endlich dafür einsetzen, die Bibliotheken als Besucher ausgiebig zu genießen?
Ich bin sehr dankbar, dass ich schon in den vergangenen fünf Jahren die Chance erhalten habe, viel mehr zu lesen als früher. Mit dem Datum des Ruhestands wird sich hier also nichts abrupt verändern. Ich freue mich auf die ganze Vielfalt der Bücher, die für mich sehr bereichernd ist. Bei meinem weiteren ehrenamtlichen Engagement werde ich schauen, wo ich noch nützlich sein kann. Aktuell bin ich an der Spitze tätig, das wird sich in den nächsten Jahren schrittweise verändern und weniger werden. Ich stehe nach dem BID-Führungswechsel Ende März 2019 gerne noch als Schatzmeister zur Verfügung, um die Finanzen in geordneten Bahnen weiterzuführen.

 

Voller Einsatz für Bibliotheken – im Haupt- und Ehrenamt

Dr. Heinz-Jürgen Lorenzen ist am 23. Januar 1953 geboren. Er hat von 1981 bis 1983 sein Referendariat im Öffentlichen Bibliothekswesen bei der Landesbüchereistelle Schleswig-Holstein absolviert. In den folgenden Jahren war er Leiter der Landesbüchereistelle Schleswig Holstein, Direktor der Büchereizentrale Flensburg, Direktor der Büchereizentrale Rendsburg sowie Geschäftsführer des Vereins Büchereiwesen in Holstein; seit der Neuorganisation 1995 ist er Direktor der Büchereizentrale und Geschäftsführer des Büchereivereins Schleswig-Holstein. Bereits seit 1984 ist Lorenzen im Aufsichtsrat der ekz.bibliotheksservice GmbH vertreten, zurzeit als Aufsichtsrats-Vorsitzender. Die Liste seiner Ehrenämter in bibliothekarischen Verbandsgremien und Kommissionen ist nahezu endlos (Deutsch-dänisches Bibliotheksforum, Lektoratskooperation, DBS-Steuerungsgruppe, Fachausschuss Steuern im Deutschen Kulturrat…). Aktuell ist er Präsident des nationalen bibliothekarischen Dachverbandes BID (Bibliothek und Information Deutschland) und Geschäftsführer des Landesverbandes Schleswig-Holstein im Deutschen Bibliotheksverband (dbv).

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