Bibliotheksplanung mit Design Thinking und Design Planning

Design Thinking, Design Planning, Köln, Aat Vos

Die vier Planungsskizzen für den Umbau der Stadtteilbibliothek Köln-Kalk zeigen eine mutige, auf die Zielgruppe ausgerichtete Gestaltung. Grafiken: Aat Vos

 

Wie erreicht man möglichst viele bildungsferne und nicht bibliotheksaffine Kinder und Jugendliche? Der Kölner Stadtteil Kalk hat eine überdurchschnittlich junge Bevölkerung und weist den höchsten Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte auf. Kostengünstiger Wohnraum macht Kalk auch attraktiv für junge Familien, Studenten und Zugewanderte. Für die Frage, wie ein attraktives und akzeptiertes Angebot für dieses Umfeld zu gestalten sei, hat die Stadtbibliothek einen eigenen Lösungsansatz entwickelt.

Die Stadtteilbibliothek ist über ihr Bibliotheks- und Veranstaltungsprogramm hinaus Schwerpunktbibliothek für Gaming und medienpädagogische Angebote und erreicht beispielsweise mit der Reihe »games4kalk« seit Jahren erfolgreich jüngere Zielgruppen. Dabei geht die Stadtbibliothek Köln auch Kooperationen – wie mit der »Fachstelle für Jugendmedienkultur des Landes NRW« – ein, die dort mit großem Feedback Testergruppen für Familienspiele leitet. Ein eigenes umfangreiches Gaming-Programm vervollständigt die Palette.

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Die Bibliothek ist durch die intensive und langjährige Nutzung renovierungsbedürftig geworden. Die Notwendigkeit, die Innenräume neu auszustatten und zu renovieren, will die Stadtbibliothek als Chance nutzen, um das bestehende Angebot weiterzuentwickeln und durch ein völlig neues Konzept zu ergänzen. Dazu kooperiert sie mit dem niederländischen Architekten und Creative Guide Aat Vos. Er ist ein ausgewiesener Experte auf dem Sektor, neue, zeitgemäße Bibliotheken als Lebensräume für Menschen zu gestalten. Realisiert wurde von ihm unter anderem Biblio Toyen in Oslo (siehe hierzu BuB-Heft 8/9-2016, Seite 494ff.). Sein kürzlich erschienenes Buch »How to Create a Relevant Public Space« liefert weitere inspirierende Beispiele.

Der Prozess der Konzeptentwicklung ist in Köln grundsätzlich partizipativ angelegt: So wurde beim Projekt Kalk bereits im Vorfeld eine Nutzerbefragung im Kontext der sozialräumlichen Analyse durchgeführt; Bürger aus Kalk waren an der Entwicklung beteiligt und konnten ihre Wünsche und Erwartungen im Rahmen einer Befragung einbringen. Die Ergebnisse flossen in einen »Design Thinking und Design Planning Prozess« ein, an dem in mehreren Workshops Bibliotheksmitarbeitende unterschiedlichster Qualifikationsstufen und Einsatzbereiche beteiligt waren. Sie erarbeiteten gemeinsam ein Profil für diese neue, ungewöhnliche Bibliothek. Der Design Thinking Prozess hat enorm schnell zu Ergebnissen geführt und macht allen Beteiligten unglaublich viel Freude.

Die Bibliothek öffnet sich

Das Ziel ist eine Bibliothek für den Stadtteil Kalk, die den unterschiedlichen Kundenbedürfnissen gerecht wird. Ganz konkret – sie öffnet sich künftig: Durch Transparenz zur Kalker Hauptstraße soll sie von außen einladend wirken und die Bibliothek als attraktiven Ort mit großer Aufenthaltsqualität sichtbar machen. Die bisherige Abriegelung nach außen wird durch ein speziell entwickeltes »Fensterregal« durchbrochen. Dazu gibt es individuell gestaltete Bereiche (»Zimmer« genannt).

Design Thinking, Design Planning, Aat Vos, Biblo Toyen, Oslo

Vorbild für den Umbau in Köln-Kalk ist unter anderem die Jugendbibliothek Biblio Toyen in Oslo, die ebenfalls vom niederländischen …

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… Architekten Aat Vos entworfen wurde und für großes Aufsehen sorgte. Fotos: Marco Heyda

Neben Wohn- und Kinderzimmer gibt es ein Studierzimmer, in dem in Ruhe und konzentriert einzeln und gemeinsam gearbeitet werden kann. Die Einbeziehungen des (Hof-)Außengeländes durch mobile Sitzmöbel macht den Übergang von innen nach außen fließend und bezieht den schönen Innenhof sicht- und nutzbar in die Bibliothek ein. Ein eigener mobiler Makerspace lädt ein zum Ausprobieren neuer Technologien wie 3D-Druck oder VR.

Einen besonderen Stellenwert hat der Gaming-Bereich im oberen Geschoss: Digitale Technologien und Innenarchitektur gehen dort eine Symbiose ein. Medienpräsentation, Bestandsprofil, Ambiente und Programme werden neu ausgerichtet; die Medienausleihe und Rückgabe erfolgen komplett in Selbstbedienung. In der Summe liefert die neue Stadtteilbibliothek einen »Dritten Ort« für alle und trägt mit dazu bei, einem jungen und pulsierenden Stadtteil ein neues Nachbarschaftsverhältnis und Miteinander zu ermöglichen. Hier entsteht ein Lebensraum für Junge, Alte, Familien.

Selbst kreativ werden

Die Innenarchitektur mit einer mutigen, auf die Zielgruppe ausgerichteten Gestaltung soll diesen Zielen angepasst werden. Fußboden in einer Betonanmutung, Podeste aus Holz, einerseits gemütliche Sofas im »Wohnzimmer«, andererseits einfach geschreinerte Möbel, Holzkisten als Bilderbuchtröge oder Paletten-Sofas im Gaming Bereich. Das Ziel sind ein Raum und ein Angebot, die verdeutlichen, wie Bibliotheken ihre Aufgaben zeitgemäß wahrnehmen können: Junge Menschen werden hier ermutigt, selbst kreativ zu werden. Die Bibliothek vollzieht einen Paradigmenwechsel und wird zu einem Raum, um Erfahrungen zu sammeln, Pläne zu schmieden, Wissen zu vertiefen, sozialen Zusammenhalt zu lernen – oder sich einfach in einem nichtkommerziellen Umfeld aufhalten und wohlfühlen zu können.

Für die Umsetzung konnten Mittel aus einem Städtebauförderungsprogramm zur »Förderung von Quartieren mit besonderem Entwicklungsbedarf« akquiriert werden, auch Sponsoren und andere Unterstützer ließen sich schnell vom Projekt begeistern. Die Stadtbibliothek Köln ist selbst Bauherrin und wird dabei von einem örtlichen Innenarchitekten und dem städtischen Gebäudemanagement unterstützt, die alle eng mit Aat Vos kooperieren. Die Besprechungen finden auf unterschiedlichen Ebenen vor Ort, aber auch häufig per Skype statt. Bibliotheksmitarbeitende und BibliotheksnutzerInnen werden auch weiterhin im Rahmen von Design Thinking-Workshops und anderer Methoden eingebunden. Die Eröffnung ist im Jahr 2018 geplant.

Bettina Scheurer, Dr. Hannelore Vogt; Stadtbibliothek Köln / 6.11.2017
Der Beitrag ist zeurst erschienen in BuB 10/2017, S. 512-515.

 

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