Bibliothek Neustadt wird zum »Café International«

Anfang Juli wurde die Bibliothek Neustadt zum  »Café International« . In verschiedenen Sprachen trugen Vorleser Texte aus ihrer Heimat vor. Fotos: SBD

Anfang Juli wurde die Bibliothek Neustadt zum »Café International« . In verschiedenen Sprachen trugen Vorleser Texte aus ihrer Heimat vor. Fotos: Städtische Bibliotheken Dresden

Die Bibliothek Neustadt, gelegen im multikulturellen Szeneviertel Dresdens, ist die modernste und größte Stadtteilbibliothek der Stadt. Sie zog im Dezember 2014 in neue Räume mit eigenem Veranstaltungsraum und Selbstverbuchung. Dort fand am 1. Juli das erste »Café International« statt. Die Diplom-Bibliothekarin Zsofia Röhr berichtet von der Veranstaltung:

Ausgangspunkt für die Idee eines Café International war der von der UNESCO ausgerufene »Internationale Tag der Muttersprache« am 21. Februar, den wir wegen zahlreicher Umstellungsprobleme nach unserem Umzug nicht termingerecht aufgreifen konnten. Allerdings schien uns das Anliegen, das die UNESCO mit diesem Tag verfolgt, hervorragend geeignet, uns in der aktuellen politischen Diskussion um Integration zu Wort zu melden.

Das Anliegen der UNESCO besteht in der Förderung kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit, ihm konnten wir uns uneingeschränkt anschließen. Das Café International sollte dazu dienen, Menschen verschiedener Sprachen die Möglichkeit zu geben, etwas von ihrer kulturellen Identität in den Stadtteil hinein zu vermitteln. Uns ging es nicht darum, ein politisches Statement abzugeben, sondern die Möglichkeit zu einer positiven Erfahrung mit anderen Kulturen zu eröffnen.

Der Grundgedanke des Cafés besteht darin, fremdsprachige Lesungen in den Räumen der Bibliothek zeitlich und räumlich miteinander zu verbinden. Die Akteure treten ehrenamtlich auf und präsentieren ihr Land mit typischen Geschichten. Um die Geschichten herum gruppieren sie je nach Intention Spiele, traditionelle Kleidung, Tänze, landesspezifische Speisen und Getränke.

Als Termin für das Café International wurde der 1. Juli festgelegt. Dann begann die Suche nach interessierten Mitwirkenden. Handzettel wurden ausgelegt und in Partnereinrichtungen verteilt, Bibliotheksnutzer gezielt angesprochen. Acht Wochen nach dem Aufruf zur Mitwirkung wurden 14 Interessente zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Sie diente dem gegenseitigen Kennenlernen, zur Vermittlung von Erwartungen, zur Erläuterung des Ablaufs und zur organisatorischen Feinabstimmung.

Zehn Minuten pro Lesung

Die Lesungen wurden in Absprache mit den Akteuren in einem Leseplan auf die Zeit zwischen 15 und 18 Uhr verteilt. Die einzelne Lesung in der Muttersprache sollte einschließlich Begrüßung der Zuhörer nicht länger als zehn Minuten dauern, gefolgt von einer deutschen Fassung, gelesen oder erzählt. Die Textauswahl lag ganz in den Händen der Vorleser, die sich auf persönliche Lieblingsbücher sowie moderne Klassiker des jeweiligen Landes konzentrierten. Zugeschnitten sein sollten die Texte auf ein Publikum im Alter von 0 bis 101 Jahren. Von Vorteil war es, wenn die Vorleser mehrere Texte für unterschiedliche Altersgruppen vorbereitet hatten und vor Ort entscheiden konnten, welcher Text am besten zu den Zuhörern passt.

Großer Andrang zum »Café International« : Innerhalb von Bekanntenkreisen und mit Flyern wurde die Veranstaltung beworben.

Großer Andrang zum »Café International« : Innerhalb von Bekanntenkreisen und mit Flyern wurde die Veranstaltung beworben.

Innerhalb der Sprachen-Communities, unter Freunden und Arbeitskollegen wurde für das Café International geworben, Flyer sowie Plakate in den öffentlichen Einrichtungen des Einzugsgebietes, wie Kindergärten, Horten und Schulen, sowie Geschäften und Vereinen verteilt.

In der Bibliothek wurden am Veranstaltungstag auf beide Etagen verteilt vier »Leseinseln« eingerichtet, auf denen zur halben und vollen Stunde gelesen werden sollte. Dadurch konnten vier Lesungen parallel durchgeführt werden, und jeder Vorleser konnte zweimal lesen. Jeder Leseinsel wurden Sprachen zugeordnet. Die Inseln wurden im Vorfeld mit Bildern, landestypischen Gegenständen und Spielen dekoriert. Flaggen und Musikinstrumente der vertretenen Länder schmückten die ganze Bibliothek.

Ein System aus einem Wegweiser im Eingangsfoyer  und Programmtafeln an den Leseinseln dienten als Leitsystem durch die Bibliothek, die sich über zwei Etagen erstreckt. Der Veranstaltungsraum der Bibliothek sollte räumlich das Herzstück des Café International bilden. Dort traf man sich, unterhielt sich über das Gelesene und konnte eine thematisch passende Ausstellung anschauen. Es gab einen Schnellkurs Schwedisch, Besucher konnten Rätsel lösen und Blumenkränze binden, wie sie in Schweden bei Festen typischerweise vorkommen.

Die Ausstellung von Clhassan Chevy »Zu Hause ist man überall« wurde eigens für den Anlass in die Bibliothek geholt und hat das Café International sehr bereichert. Sie beinhaltet Porträtfotos von Asylanten, die aus verschiedenen Ländern Afrikas nach Dresden kamen. Die Bilder sind ergänzt durch eine Vita der Portraitierten und ihrer Familien, ihre Berufe sowie ihre Beweggründe, die Heimat zu verlassen. Aus allen Texten spricht der starke Wunsch, sich in Deutschland zu verwurzeln und bald die Familien zu sich zu holen.

Der Tag startete mit einer Veranstaltung zu Kindern aus aller Welt, die von den Bibliotheksmitarbeiterinnen selbst durchgeführt wurde. Zielgruppe waren 25 Kinder einer Kindertagesstätte, die viele Familien mit Migrationshintergrund nutzen.

Internationales Buffet

Im Veranstaltungsraum warteten am frühen Nachmittag bereits 80 Hortkinder auf das russische Stück »Peter und der Wolf« von Sergei Prokofjew und lachten über die fröhliche Darbietung des russisch-deutschen Kauderwelschs mit Pantomime, herrliche Einfälle des Künstlers und die Art, Prokofjews Musik vorzustellen. Kinder wie Erwachsene hatten gleichermaßen Spaß. Im Anschluss daran wurden den Besuchern die verschiedenen Leseinseln vorgestellt und das Leseprogramm konnte starten.

Etwa 350 Menschen kamen zum »Café International«: In verschiedenen kleineren Gruppen lauschten sie den vorgetragenen Texten.

Etwa 350 Menschen kamen zum »Café International«: In verschiedenen kleineren Gruppen lauschten sie den vorgetragenen Texten.

Die Bibliothek war mit 350 neugierigen Lesern, Kindern, der Fangemeinde der Vorleser und Fotografen an diesem Tag sehr gut besucht. Der Nachmittag entwickelte eine wundervolle Eigendynamik. Die landestypischen Speisen des internationalen Buffets, vom Mitarbeiterteam der Bibliothek professionell vorbereitet, schmeckten jedem Gaumen. Es wurde gefachsimpelt, gekostet und über die Back- und Kochrezepte der »Bäcker« und »Köche« beraten.

Erste schwedische Blütenkränze schwebten durch das Haus, Kinder bastelten Buttons der landestypischen Flaggen zur Erinnerung, lösten Rätsel rund um Sprachen, Gebirge, Natur, Tiere, Festtage der eingeladenen Länder. Andere Besucher lauschten den Geschichten in den jeweiligen Stationen und stöberten in den eigens zusammengestellten Medienkisten, die Wissenswertes über die Länder enthielten. Kleine Kinderfüße bewegten sich zu indonesischen Kerzentänzen und übten die ersten Worte in Spanisch. Vor der Bibliothek stöberten zufällig vorbeigekommene Besucher im Bücherflohmarkt.

Um 18 Uhr ging das Fest dem Ende entgegen. Letzte Töne indonesischer Musik verklangen. Glückliche Vorleserinnen und Vorleser tauschten sich über das Erlebte aus und hätten das Café International am liebsten sofort wiederholt. Leere Medienkisten wurden weggeräumt, Besucher kopierten noch letzte Koch- und Backrezepte zum Nachahmen. Das Mitarbeiter-Team war glücklich, wieder einmal erfolgreich Neuland betreten zu haben. Neue Kontakte waren geknüpft und das Feuer der Ideenschmiede in Gang gesetzt. Eine Wiederholung in der Adventszeit wurde spontan beschlossen.

Als kleines Dankeschön erhielten die ehrenamtlichen Vorleser einen Büchergutschein sowie eine CD mit Erinnerungsfotos und den schönsten Eindrücken des Tages. (Zsofia Röhr / 30.7.2015)

Zur Person

Zsofia Röhr, geboren 1969 in Bad Saarow, Diplom-Bibliothekarin, angehende Literaturpädagogin mit Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit. Ihre 30-jährige Berufserfahrung konzentriert sich auf die Konzeption von Projekten im Veranstaltungsbereich und in der Kooperation mit Bildungs- und Kultureinrichtungen, Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Leseförderung, Literaturvermittlung sowie die Schulung von Informations- und Medienkompetenz.

Weitere Impressionen vom »Café International«

Lesung Australien_5_bearb Lesung Tschechien_4_bearb Lesung Schweden_bearb Lesung Indonesien_3_bearb

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