Konvergenz und Kontingenz – Vom Bestandsaufbau zum Management von Informationen

Bestandsaufbau

Der klassische Bestandsaufbau zählt immer noch zu den Kernaufgaben eines jeden Bibliothekars. Im digitalen Zeitalter ist die Aufgabe komplizierter geworden. Foto: mickyso / Fotolia

 

Die in BuB 05/2016 geführte Diskussion um den Bestandsaufbau in Bibliotheken wirkt  vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen auf dem Verlags- und Informationsmarkt und nicht zuletzt in den Bibliotheken selbst fast schon anachronistisch. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen ist traditioneller Bestandsaufbau für die Zukunft  längst irrelevant und für die reale Nutzung und das Angebot von Bibliotheken nur noch von untergeordnetem Interesse, zum anderen erfordern Dynamik und Datenmenge der heutigen Informationswelt eine andere Herangehensweise. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich Bibliotheken nicht mehr darüber vergewissern müssen, welche Informationen sie in welcher Form sammeln und ihren Nutzern zugänglich machen. Im Gegenteil: Je mehr die traditionellen physischen Datenträger und deren Distributionswege in den Hintergrund treten, desto wichtiger ist es, darüber zu diskutieren, was eigentlich in Zukunft wie angeboten wird und wie die verschiedenen Medienformate abgestimmt werden. Der vorliegende Beitrag versucht sich dem Thema aus zwei Perspektiven anzunähern. Zum einen stellt sich die Frage, welche Bedürfnisse Bibliotheken mit ihren Angeboten befriedigen müssen und sollen, zum anderen symbolisiert gerade die Metapher des Buches eine Trennung von digitaler und physischer Welt, die in dieser Form längst zugunsten einer Konvergenz unterschiedlicher medialer Formate überwunden ist oder zumindest sein sollte. Anhand von drei Thesen soll im Folgenden der Zugang zu Informationen in Bibliotheken aus diesen Perspektiven heraus betrachtet werden.

 

These 1: Ein Bestand an gedruckten Büchern sagt in Zukunft nichts mehr über die Leistungsfähigkeit einer Bibliothek aus

Die systematische Sammlung von Büchern war für Bibliotheken immer konstituierend. Über die Menge und Art der gesammelten Bücher haben sich Bibliotheken jahrhundertelang profiliert und  voneinander abgegrenzt. Die von Universalbibliotheken versprochene Realpräsenz eines Weltwissens an einem Ort war konstituierend für den quasisakralen Status, den Bibliotheken spätestens seit dem Humanismus  genossen. Größe und Qualität des Bestandes waren verlässliche Anhaltspunkte für den Wert einer Bibliothek. Bibliotheken boten exklusiven Zugang zu dieser Informationsfülle, ergänzt um eine Binnendifferenzierung durch Spezialisierung und Sammelschwerpunkte. Im Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken war ein Ranking der Leistungsfähigkeit der Einrichtungen anhand der Bestandsgröße und der Spezifizierung ihrer Sammlungen möglich und aus informationspraktischer Sicht auch zulässig.

Inzwischen ist die Verfügbarkeit wissenschaftliche Information allerdings nicht mehr vom  physischen Exemplar einer Publikation abhängig. Weder das Format der schriftlichen Wiedergabe noch das Medium bedrucktes Papier sind konstituierend. Auch wenn zum Beispiel viele E-Books immer noch wie Bücher wirken wollen, was ihre Nutzbarkeit und ihre Möglichkeiten teilweise deutlich einschränkt, sind sie doch keine Bücher. Und auch wenn die Global Player des Zeitschriftenmarktes aus nachvollziehbarem Gewinninteresse an der Idee einer räumlichen Bindung von Lizenzen an einen Campus (gegebenenfalls in seiner virtuellen Ausweitung bis zum häuslichen Arbeitsplatz) festhalten, ist die bibliotheksübergreifende Verfügbarkeit von Zeitschriften bis hin zur Nationallizenz längst Realität. Ginge es ausschließlich um die Verfügbarkeit von Information,  könnten wissenschaftliche Bibliotheken auf den Erwerb von physischen Medien verzichten, sobald die Publikation von gedruckten Büchern und Zeitschriften vom wissenschaftlichen Informationsmarkt verschwindet, was aber wohl nicht so bald eintreten wird. Die physischen Datenträger füllen in absehbarer Zeit noch eine Lücke zwischen den ursprünglich digitalen und den digitalisierten Informationen. Da eine vollständige Digitalisierung aller in Bibliotheken vorhandenen Informationen zudem derzeit noch wirtschaftlich nicht darstellbar und rechtlich problematisch ist und die Frage der Erhaltung von Originalen ohnehin zu einem bis zu einem gewissen Grade redundanten Archivbestand an gedruckter wissenschaftlicher Literatur führen wird, ist die bücherlose Bibliothek derzeit keine ernsthafte Option.

Die Bestandsentwicklung wird sich aber in Zukunft mehr mit der Frage  beschäftigen müssen, wie die in den letzten 200 Jahren in Deutschland dezentral aufgebauten und in der Breite  immer gleichen Bestände physischer Medien so abgebaut werden können, dass die notwendige redundante langfristige Archivierung von Originalen effizient und bestandsschonend organisiert werden kann.

Bibliotheken bleiben wichtige Wissensspeicher, unabhängig vom Format. Sie sind es aber nicht exklusiv. Entscheidend ist, dass Informationen aus dem eigenen Bestand in verschiedenen medialen Formaten neben solchen aus anderen Quellen präsentiert werden und zugänglich sind. Die Frage ist in Zukunft nicht, welche Bücher eine Bibliothek kauft, sondern in welcher Form eine Information vorliegt und welches das adäquate Format für ihre Speicherung und Zugänglichmachung ist. Aus Sicht der Nutzung liegt die Leistungsfähigkeit einer Bibliothek im Bezug auf die Bereitstellung von Information in Zukunft  darin, welchen konsistenten Zugang zu Informationen in verschiedenen Erscheinungsformen und Medienformaten sie bietet und wie nachhaltig und effizient sie gegebenenfalls ihrer Aufgabe als Wissensspeicher nachkommt.

 

These 2: Bibliotheken brauchen Spezialisten, die Informationen sichern und deren Verfügbarkeit organisieren, nicht um Bücher zu kaufen

Wissenschaftliche Information ist zunehmend multimedial und dynamisch organisiert und damit einer Kontingenz unterworfen. Der Vergleich von Versionen, die Wiederauffindbarkeit von Quellen und die dauerhafte Verfügbarkeit von Ergebnissen sind nicht mehr in allen Fällen durch das traditionelle Publikationswesen abgesichert. Das bedeutet, dass das Management der Konvergenz verschiedener Medienformate und der Kontingenz der Information entscheidend werden für die Organisation des konsistenten Zugangs und damit eine Kernaufgabe von Bibliotheken. Ein klassisches Lehrbuch, ein Beitrag in einem von der Bibliothek nicht lizensierten E-Journal oder eine multimediale Open Educational Resource (OER) können als Informationsquelle zu einem Thema gleichrangig sein. In der Regel werden über den Katalog aber lediglich das Lehrbuch (wenn in der Bibliothek vorhanden) und im besten Fall der Zeitschriftenbeitrag nachgewiesen. Nicht alle verfügbaren Informationen sind also tatsächlich auch über die Bibliothek zugänglich.

Das Problem der exklusiven Verzeichnung physisch vorhandener oder von der Bibliothek erworbener bzw. gehosteter digital verfügbarer Information ist für Bibliotheken inzwischen nicht mehr neu. On demand Zugriffe auf nicht lizensierte E- Books verbunden mit nutzergesteuerter Erwerbung sowie die Verzeichnung von Ressourcen im freien Zugriff werden schon in der Breite angewendet.[1] Um diese Wege aber auszubauen und den Zugang zu optimieren, brauchen Bibliotheken personelle und finanzielle Ressourcen. Geht man davon aus, dass die Breite der noch gedruckt oder auch als E-Book erscheinenden wissenschaftlichen Literatur in der Erwerbung über Standing Order Modelle oder auch elektronische Warenkörbe abgebildet werden kann, wird deutlich, welche Kapazitäten  in diesem Bereich eingespart werden könnten. Diese Potentiale werden aber noch lange nicht in allen wissenschaftlichen Bibliotheken ausreichend ausgeschöpft.[2]

Bibliotheken müssen im Bereich des traditionellen Bestandsaufbaus Kapazitäten freisetzen, um den Zugang zu Information in einem dynamischen, multimedialen Umfeld organisieren zu können. Nicht nur Workflows und Arbeitsmittel ändern sich in diesem Umfeld, sondern auch das Verhältnis zu den Nutzern.[3] Dazu ist es notwendig, die Mitarbeiter für die neuen Arbeitsfelder zu qualifizieren. Wie auch in anderen Bereichen der Bibliothek wird mittelfristig die Qualifikation des Personals steigen aber die Kopfzahlen werden sinken.

 

These 3: Konvergenz erfordert auch einen Abschied vom klassischen Freihandbestand

Der Aufbau großer Bestände gedruckter Medien war immer auch mit dem Problem der Speicherung und Präsentation verbunden. Verglichen mit dem Aufwand für die Unterbringung und Aufstellung der Bestände, spielten die Nutzerbereiche der Bibliotheken räumlich und auch vom Budget her immer eine untergeordnete Rolle. Inzwischen wissen wir, dass die Nutzung physischer Bestände vor Ort und in der Ausleihe stark zurückgeht. Sehr wenige Bücher werden sehr intensiv genutzt während in großen wissenschaftlichen Bibliotheken etwa 90 Prozent der Bestände im Laufe eines Jahres nicht genutzt werden. In der Konsequenz werden die in Freihand verfügbaren Exemplare reduziert. Auswahlkriterien wurden bisher meist formal (Umsetzung ganzer Bestandsgruppen in Magazine) oder intellektuell bestimmt. Eine automatisierte Organisation der Bestände mithilfe von individuellen Nutzungsinformationen ist mit den gängigen Bibliotheksmanagementsystemen auch nur schwer möglich. Der Einsatz von Intelligenten Lagermanagementsystemen bietet hier Lösungen. Diese können nebenbei auch für nutzungsgesteuerte Erwerbungsentscheidungen verwendet werden und zum Beispiel zusätzliche Exemplare häufig genutzter print-only Medien anfordern. Ergänzt durch Regale, die die in ihnen enthaltenen Medien und deren Nutzung in Echtzeit erkennen und melden, eröffnet sich die Möglichkeit, jenseits starrer Aufstellungssystematiken die häufig genutzten Medien (und nur diese) im Direktzugriff anzubieten. Die Zukunft von Freihandbeständen klassischer Medien liegt eher in kleinen, intelligent organisierten und dynamischen Beständen im Sinne einer fluiden Bibliothek als in den traditionellen, sehr statischen und platzintensiven Freihandbibliotheken. Konvergenz bedeutet hier zum einen, dass Möglichkeiten eröffnet werden, alternative und komplementäre E-Ressourcen im physischen Bestand sichtbar zu machen, wie es zum Beispiel die Universitätsbibliothek Konstanz schon testet. Zum anderen wird das berühmte Serendipity-Erlebnis in den digitalen Raum ausgelagert, weil nur hier die Vielfalt der Zugänge zu verwandten oder ergänzenden Informationen darstellbar ist.

 

Fazit

Bestände gedruckter Medien sind keine Indikatoren für die Leistungsfähigkeit oder gesellschaftliche Relevanz von Bibliotheken mehr. Dementsprechend taugt der Begriff Bestandsaufbau allenfalls noch als Metapher für die Organisation von Zugängen zu Information. Entscheidend ist, welche Zugänge zu Informationen wie organisiert und präsentiert werden. Die Umstellung der noch immer notwendigen Erwerbung physischer Medien auf Modelle, die den Aufwand in den individuellen Bibliotheken reduzieren, Entscheidungen automatisieren und Nutzer bzw. Nutzungsinformationen einbeziehen setzt notwendige Kapazitäten für das Management von Konvergenz und Kontingenz multimedialer nonlinearer Information ein. Dazu gehören zum Beispiel die Erschließung und Sichtbarmachung, die Verknüpfung, die Speicherung und die Sicherung von Versionen. Nicht zuletzt ändert sich auch die Verwaltung vorhandener und weiterhin erworbener physischer Medien in Richtung einer Verabschiedung statischer Organisationsformen hin zu dynamischen, konvergenten und wesentlich kleineren Beständen. Entscheidend ist dabei die Vernetzung der von der Bibliothek vorgehaltenen Informationen mit solchen, die an anderer Stelle verfügbar sind.

Die dafür notwendigen organisatorischen und strategischen Maßnahmen sind für die Bibliotheken und ihre Mitarbeiter nicht einfach. Letztendlich stoßen wir immer wieder auf kulturelle Fragen, die das Selbstverständnis unserer Profession berühren. Denn nicht nur Organisation und Inhalte der Arbeit in Bibliotheken ändern sich, sondern auch die Art und Weise, wie mit Veränderungen umgegangen wird. Darauf mit Sorge zu reagieren – vielleicht auch um den eigenen Arbeitsinhalt – ist nachvollziehbar und sollte ernst genommen werden. Es hilft aber nicht weiter, so zu tun, als ginge die Veränderung des wissenschaftlichen Informationswesens an den Bibliotheken vorbei. Dann werden sie irgendwann überflüssig.

Von Olaf Eigenbrodt, 27.4.2016

Der Autor

Olaf Eigenbrodt 2_bearb.Olaf Eigenbrodt ist Leiter der Hauptabteilung Benutzungsdienste, Beauftragter für Bau und Sicherheit sowie Vertreter der Fachaufsicht an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky. Er forscht und publiziert vor allem zu Fragen von Bibliotheksbau und -technik, Bibliothekssoziologie, Konvergenz materieller und digitaler Angebote und Räume sowie zum Innovationsmanagement in Bibliotheken. Als Lehrbeauftragter unterrichtet er Bibliotheksbau und -benutzung an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an der Bayerischen Bibliotheksakademie in München. Er war und ist Mitglied nationaler und internationaler Beiräte und Kommissionen und ist einer der Herausgeber dieser Zeitschrift.

 

[1] Zu den entsprechenden Angeboten der Staatsbibliothek zu Berlin siehe exemplarisch: Janin Taubert: »Was ihr wollt!« Nutzungsgesteuerter Einkauf von Medien and der Staatsbibliothek zu Berlin, in: Bibliotheksmagazin 9/3 (2014), S. 79-81.

[2] Michael Golsch hat in seinem Beitrag zur Automatisierung beim Bestandsaufbau an der SLUB Dresden von einer Skepsis gesprochen, die auch 2016 immer noch nicht gewichen zu sein scheint. Michael Golsch: Approval Plan und automatisiertes Daten einspielen. Das Dresdener Erwerbungsmodell. In: BIT online 13/2 (2010), S. 129-134.

[3] Vgl. Henriette Rösch: Die Bibliothek als soziales System im Umbruch.

PDA und ihre Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Bibliothek und ihren Nutzern, in: Bibliothek Forschung und Praxis 37/1 (2013), S. 70-78.

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