Wolfenbütteler Arbeitskreis für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte: 21. Jahrestagung

logoDie 21. Jahrestagung Volksbibliothekare im Nationalsozialismus – Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster findet vom 28. bis 30. September 2015 in Wolfenbüttel statt. Die Veranstaltung greift bewusst in Struktur, methodischem Zugriff und Fragestellungen die Jahrestagung des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte von 2009 in Weimar auf, die die Wissenschaftlichen Bibliothekare während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft thematisierte. Seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts konnten verschiedene Studien den Einfluß des Nationalsozialismus auf die Bibliotheken und die persönliche Verstrickung prominenter Bibliothekare in das Unrechtssystem belegen.

Die von diversen tektonischen Verwerfungen geprägte Bestandsgenese des 20. Jahrhunderts und vor allem die mit ihr verbundene Problematik von NS-Raubgut in Bibliotheken haben in den letzten Jahren verstärkt die Aufmerksamkeit der historisch orientierten Fachwelt auf sich gezogen; die politisch mitunter brisante Thematik fand nicht zuletzt in einer Reihe von Konferenzveröffentlichungen ihren publizistischen Niederschlag. Den Mittelpunkt der Tagung soll die zentrale Leitfrage bestimmen, welche Handlungsspielräume Volksbibliothekare unter den spezifischen Existenzbedingungen des Unrechtsregimes nutzen konnten. Mit der Analyse der Aktionshorizonte ist zudem die zentrale Problematik verbunden, inwieweit ein staatliches Interesse an der ideologischen Aneignung des Mikrokosmos „Öffentliche Bibliothek“ mit seinem sozialen Nischencharakter überhaupt bestand, oder ob die Protagonisten der Berufswelt bewußt die Integration in die Systembedingungen der Diktatur suchten, weil sie sich von einer Annäherung existentielle Vorteile versprachen beziehungsweise gar aus politischer Überzeugung die Nähe zur Staatsmacht suchten. Vor der Folie von Biographien sollen daher auf der Tagung gerade auch solche Vertreter der Berufsgruppe in den Blick genommen werden, denen es gelang, ihre Karriere nach 1945 fortsetzen zu können.

Dabei sollen folgende Fragenkomplexe im Vordergrund stehen: Welche Handlungsspielräume konnten Volksbibliothekare nutzen? Welche intellektuellen und wissenschaftlichen Voraussetzungen haben ihnen eine Abgrenzung oder Nähe zum nationalsozialistischen Volksbildungssystem ermöglicht? Haben sie das neue Regime als kategorialen Bruch zu ihrem eigenen Wert- und Ordnungssystem verstanden? Läßt sich aus ihrem Handeln eine Übereinstimmung mit oder Abweichung zum bis dato tradierten bibliothekarischen Berufsbild erkennen? Was haben politisch unbelastete Volksbibliothekare anders gemacht als ihre der NS-Ideologie hörigen Kollegen? Oder haben sie nur geschickt den Entnazifizierungsprozeß überstanden? Wie deuten die Betroffenen ihre eigene Biographie nach dem Zusammenbruch 1945?

Moderation und Tagungsorganisation:
Dr. Sven Kuttner (München) und Prof. Dr. Peter Vodosek (Stuttgart)

Montag, 28.9.2015
13:30–14:00: Begrüßung (Dr. Sven Kuttner, München)

14:00–14:45: Volksbibliothekare im Nationalsozialismus in Darstellungen und Selbstzeugnissen (Prof. Dr. Peter Vodosek, Stuttgart)

14:45–15:30: „Wer ein Deutscher ist, der folgt dem Ruf!“ Wilhelm Schuster und der Verband Deutscher Volksbibliothekare (Dr. Angela Graf, Hamburg)

16:00–16:45: Franz Schriewer: Volksbibliothekar, Referatsleiter der Reichsstelle, Grenzkämpfer. Biografische Erkundungen 1921-1959 (Prof. Dr. Uwe Danker, Schleswig)

18.00: Sitzung des Geschäftsausschusses (Leibnizhaus)

 

Dienstag, 29.9.2015
09:00–09:45: Evangelische Pfarramtsbüchereien in Württemberg 1933-1945 (Dr. Andreas Lütjen, Stuttgart)

09:45–10:30: Prälat Johannes Braun und die Bonner Zentralstelle des Borromäusvereins 1933-1945 (Prof. Dr. Siegfried Schmidt, Köln)

11:00–11:45: Leipzig – Wien – Salzburg: Stationen der (un)gebrochenen bibliothekarischen Karriere Hans Ruppes (Heimo Gruber, Wien)

11:45–12:30: August Zöhrer und das Büchereiwesen in Linz (Dr. Fritz Mayrhofer, Linz)

14:00–14:45: „Volkbüchereien – die Arsenale, die geistigen Bunker“. Hermann Sauter: Direktor der Stadtbibliothek und Leiter der Staatlichen Volksbüchereistelle München in der NS-Zeit (Dr. Hiltrud Häntzschel, München)

14:45–15:30: Hans Hugelmann als Volksbibliothekar in Nürnberg (Dr. Christine Sauer, Nürnberg)

16:00–16:45: Fritz Heiligenstaedt, ein begeisterter Förderer der Volksbüchereien und überzeugter Propagandist des NS-Volksbüchereiwesens (Ragnhild Rabius, Hannover)

16:45–17:30: Die Leipziger Städtischen Bücherhallen unter Walter Hoyer (Mandy Schaarschmidt, Leipzig)

ab 19:00: Präsentationen des Nachwuchsforums

 

Mittwoch, 30.9.2015
09:00–09:45: Öffentliche Bibliotheken und Besatzer: Das Fallbeispiel Dänemark unter deutscher Besatzung (Ole Harbo, Frederiksberg)

09:45–10:30: Volksbibliothekare im Nationalsozialismus. Eine zeithistorische Einbettung (Prof. Dr.  Gerhard Hirschfeld, Gerlingen)

11:00–12:00: Abschlussdiskussion (Moderation: Dr. Sven Kuttner, München)

 

– Anmeldungen über die Geschäftsstelle –

Wolfenbütteler Arbeitskreis für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte

Vorsitzender:
Dr. Sven Kuttner, Universitätsbibliothek der LMU München, Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München,
Tel. (089) 2180-3439, Fax (089) 2180-3836, E-Mail: sven.kuttner@ub.uni-muenchen.de

Geschäftsstelle:
Dr. Petra Feuerstein-Herz, Herzog-August-Bibliothek, Lessingplatz 1, 38304 Wolfenbüttel,
Tel. (05331) 808-324, Fax (05331) 808-266, E-Mail: feuerstein@hab.de

 

(red / 18.03.2015)

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