Schweitzer E-Book Forum: »Zukunft Bibliothek – offen für neue Wege«

»Zukunft Bibliothek – offen für neue Wege« – diesem Motto des Schweitzer E-Book Forums, das am 13. November 2014 in Hamburg stattgefunden hatte, sind rund 130 Teilnehmer aus Bibliotheken und Verlagen gefolgt. Das Tagungsprogramm bot viele Vorträge rund um E-Medien und die Herausforderungen des digitalen Wandels.

Den Eröffnungsvortrag hielt Klaus Tochtermann, Direktor der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) in Kiel. Anschließend spannte das Tagungsprogramm den Bogen von rechtlichen Aspekten beim E-Book-Erwerb über die Selektion und Erwerbung von E-Books in Alma bis hin zur Entstehung der Nomos eLibrary als Online-Plattform für die Wissenschaft sowie dem Aufbau eines Fachinformationsdienstes für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universitätsbibliothek Leipzig. Abschließend gab es einen Werkstattbericht von Schweitzer Fachinformationen zur gemeinsamen Zukunft von EBL und ebrary.

 Science 2.0 – Ein neuer Trend in Bibliotheken

Tochtermann stellte in seinem Vortrag dar, wie sich soziale Medien im Forschungsalltag etablieren und sowohl Forschungs- als auch Publikationsprozesse verändern. Wissenschaftler haben neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit, der Kommunikation, des offenen Diskurses und der Teilhabe in Forschungsprozessen. Vor diesem Hintergrund entstehen neue Trends in der Informationsversorgung: Wissenschaftliche Literatur wird zwischen den Forschenden ausgetauscht, Wissenschaftler organisieren ihre Informationsversorgung zunehmend selbst.

Der Leibniz-Forschungsverbund »Science 2.0«, dessen Sprecher Tochtermann ist, erforscht die Auswirkungen von Science 2.0 auf Wissenschaft und Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Fragestellungen:

»Neue Arbeitsgewohnheiten«: Wie verändern soziale Medien die Forschungs- und Publikationsprozesse in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen?

»Technologie«: Wie können Forschungsprozesse durch Science 2.0 und die dazu gehörenden neuen Werkzeuge Unterstützung finden?

»Nutzungsforschung«: Welche neuen Formen der Wissenschaftskommunikation werden durch Science 2.0 ermöglicht und wie werden die dafür nötigen Werkzeuge genutzt?

Mit den Worten »Je digitaler, desto unsichtbarer« kennzeichnete Tochtermann abschließend eine große Gefahr der von der Wissenschaftsgemeinschaft selbst-organisierten Informationsversorgung: Häufig ist nicht mehr deutlich, wer welche Informationen zur Verfügung gestellt hat. Hier müssen Mechanismen geschaffen werden, damit Wissenschaftler und ihre Publikationen nicht unsichtbar bleiben, sondern wahrgenommen werden können.

Kann man ein E-Book überhaupt kaufen? Rechtliche Aspekte beim E-Book-Erwerb.

Etwa 20 Prozent des Etats geben Bibliotheken aktuell für E-Books aus, so die eingangs des Vortrags von Klaus Junkes-Kirchen, Abteilungsleiter Medienbearbeitung an der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt am Main, benannte Größenordnung. Und die Bibliotheken möchten die E-Books dauerhaft behalten. Aber E-Books sind nach Auffassung von Junkes-Kirchen keine Bücher, sondern Computerdateien – auf elektronischem Wege erbrachte Dienstleistungen. Dies erläuterte er zunächst anhand unterschiedlicher Aspekte wie der Preisbindung, des Rabattes und der unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze. Der Bibliothekar aus Frankfurt ging darüber hinaus aber auch auf Fragen des Digital Rights Managements (DRM) und des Datenschutzes, des Eigentumserwerbs, des Erschöpfungsgrundsatzes des Urheberrechts sowie auf Aspekte zum Vertragsrecht bei E-Medien und der Gestaltung von Lizenzverträgen ein.

Next-Generation-Bibliothekssystem: »Selektion und Erwerbung von E-Books in Alma«

Roger Brisson, Strategy Director Europe bei Ex Libris in Deutschland, schilderte in seinem Vortrag den Aufbau eines einheitlichen Bibliothekssystems und die Automatisierung der Erwerbungsprozesse an der Boston University Library. Die verschiedenen Arten von Erwerbungstypen (Print Orders, E-Books, Approval Plans usw.) und die unterschiedlichen Arbeitsabläufe sollten miteinander in Einklang gebracht werden. Erste Voraussetzung für die Umsetzung war die Zusammenarbeit mit einem passenden Buchhandelspartner, da der Beginn des Automatisierungsprozesses im System des Bibliothekslieferanten startete. Die nächsten Entwicklungsschritte galten – neben den Zeitschriften- Erneuerungen und Upgrades – der E-Book-Standardeinstellung: Alle als E-Books erhältlichen Titel, sollen auch als E-Book erworben werden.

Die Boston University Libraries bieten ihren Nutzern heute eine Service-Plattform an: Über eine einzige Suchschnittstelle werden die gesamten Bibliotheksressourcen (E-Books, Bücher, Zeitschriften, Artikel, Datenbanken usw.) durchsucht. Dadurch sind nicht nur die Nutzerzahlen gestiegen, sondern auch die E-Books deutlich sichtbarer als vorher.

Zur Entstehung einer Online-Plattform für die Wissenschaft – die Nomos eLibrary

Professor Johannes Rux (Programmleitung Wissenschaft, Juristisches Lektorat bei der Nomos Verlagsgesellschaft) erläuterte in seinem Vortrag zur Entstehung der Nomos eLibrary die Gründe, die zur Entwicklung der verlagseigenen Online-Plattform geführt hatten: Um eine gezielte Recherche zu ermöglichen musste – mit Blick auf die Leser aus dem Wissenschaftsbereich und auch gegenüber den Autoren – eine passende Online-Lösung finden, die für Monografien und wissenschaftliches Arbeiten geeignet ist.

Bestimmte Funktionalitäten sollten dabei unverzichtbar sein: Kein DRM; eine dauerhafte Verfügbarkeit der Dateien – kein Lizenzmodell – sowie ein unbeschränkter Zugang für die Nutzer (auch Remote Access, auch Nutzung für Semesterapparate). Gestartet ist die Nomos eLibrary mit dem Buchprogramm. In der anschließenden zweiten Stufe wurden die Zeitschriften integriert. In Stufe 3 wurden Lehrbücher ins Programm genommen (auch ohne DRM) und die 4. Stufe beinhaltete schließlich Kommentare und Handbücher (zum Beispiel auch englischsprachige Kommentare). Langfristig möchte Nomos auch Open Access integrieren und seinen Autoren die Möglichkeit bieten, Open Access veröffentlichen zu können.

Der Fachinformationsdienst Medien- und Kommunikationswissenschaft an der UB Leipzig

Über drei Jahre fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) den Aufbau eines Fachinformationsdienstes für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universitätsbibliothek Leipzig im Rahmen des Förderprogramms »Fachinformationsdienste für die Wissenschaft«. Jens Lazarus, Bereichsleiter Medienbearbeitung an der Universitätsbibliothek (UB) Leipzig, verwies auf die damit verbundene Intention der DFG, die in eine völlig andere Richtung geht als die früheren Sondersammelgebiete.

Ziel des Fachinfomationsdienstes an der UB Leipzig ist es, eine suchmaschinenbasierte Recherche-Oberfläche zu entwickeln, auf die später eine begrenzte Fachcommunity von etwa 3 000 Personen über eine gesicherte Authentifizierung zugreifen kann. Um die e-only-Policy umsetzen zu können, werden neue Lizenzmodelle entwickelt werden müssen, die es erlauben, die Inhalte auch über die Grenzen von Forschungseinrichtungen für ganze Fachdisziplinen freizuschalten. Beim Versuch der Lizensierung von Zeitschriften haben sich bereits erste Schwierigkeiten gezeigt.

Bei den monographischen Publikationen ist eine nutzergesteuerte Erwerbung geplant: Sie soll eine bedarfsorientierte Bereitstellung von Publikationen ermöglichen. Die von der Fachcommunity benötigten Publikationen werden erst auf konkrete Anforderungen hin lizenziert oder erworben. Die lizenzierten oder erworbenen Publikationen stehen nach der Erstnutzung der gesamten Fachcommunity zur Verfügung.

Werkstattbericht Schweitzer Fachinformationen: Zur gemeinsamen Zukunft von EBL und ebrary

Catherine Anderson, Vertriebsleiterin Bibliotheken bei Schweitzer Fachinformationen, stellte in einem Werkstattbericht den Stand der neuesten Entwicklungen vor und gab einen Ausblick auf die Perspektiven für 2015.

Als enger Vertriebspartner von ProQuest ist Schweitzer mit der Aggregation der deutschsprachigen Verlagsinhalte für beide Plattformen betraut, übernimmt den deutschsprachigen Support und unterstützt im Bedarfsfall das Testen bei der Einrichtung und der Einsetzung der Plattformen.

Mitte 2015 werden EBL und ebrary zu einer neuen, gemeinsamen Plattform zusammengeführt. Damit wird die neue Plattform die besten Bestandteile beider Plattformen enthalten: das neue LibCentral (in EBL seit Frühjahr 2014 im Einsatz) sowie den neuen Reader (in ebrary seit Sommer 2014 im Einsatz). Bibliotheken, die sich jetzt für eine der beiden Plattformen entscheiden, können bereits von den Vorteilen profitieren, ohne später eine nochmalige Lizenzvereinbarung unterschreiben zu müssen. – Last but not least hatte Anderson die gute Nachricht für Bibliotheken, dass das Bayern-Konsortium, auch über die Einführung der neuen Plattform hinaus, für bestehende Teilnehmer gelten wird.

Abschlussworte – mit Ausblick auf das 5. Schweitzer E-Book Forum im November 2015

Beim Schweitzer E-Book Forum 2014 wurden wieder zahlreiche Themen aufgegriffen, mit denen sich die Bibliotheken heute und in Zukunft auseinandersetzen. Was vor vier Jahren als lokale Veranstaltung der Hamburger Fachbuchhandlung Boysen + Mauke begonnen hatte, sagte Jörg Pieper, Leitung E-Content, Produktentwicklung und Programmleitung Bibliotheken bei Schweitzer Fachinformationen, in seinen Begrüßungsworten zu Beginn der Tagung, ist in der Wahrnehmung mancher Bibliothekare inzwischen zu einem Veranstaltungsformat mit Fortbildungscharakter geworden. Allen Teilnehmern, die sich bereits im Tagungsverlauf begeistert über das qualitativ hohe Niveau der Vorträge geäußert hatten, konnte Catherine Anderson abschließend in Aussicht stellen, dass das 5. Schweitzer E-Book Forum 2015 auch wieder als bundesweite zentrale Veranstaltung von Schweitzer Fachinformationen stattfinden wird.

Schweitzer Fachinformationen / 15.12.2014

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