Inklusive Sprache in der Online-Kommunikation von Bibliotheken – eine Analyse

Sprache schafft Realität. Sprache ist im Wandel. Schon immer hat sich die Sprache geändert, nicht nur die Rechtschreibung, sondern auch die Worte und deren Bedeutung sind einem steten Wandel unterworfen. Dieser Wandel führt auch dazu, dass man mit der Art, wie wir Menschen im schriftlichen Bereich ansprechen, verschiedene Gruppen aus- oder einschließen kann.

Wurde früher das generische Maskulinum noch als »alle mitmeinend« verstanden, hat sich diese Ansicht in den letzten Jahren geändert. Auch weil eine Vielzahl von Studien genau das belegt, Frauen fühlen sich nicht angesprochen, wenn die ausschließlich männliche Form verwendet wird. Und auch das lang vorherrschende binäre System der Geschlechter, also männlich und weiblich, öffnet sich und so müssen Wege gefunden werden, wie man die Menschen anspricht, die sich nicht als männlich/weiblich verorten.

So vielfältig, wie die Bestände von Bibliotheken sind, so vielfältig sind auch die Nutzenden. Dieser Diversität muss in der (Online-)Kommunikation Rechnung getragen werden. Verschiedene Nutzende haben verschiedene Ansprüche. Sei es bei den verwendeten Pronomen, bei der Sprache, in der wir etwas schreiben, oder welche Begriffe verwendet werden. In meiner Masterarbeit[1] habe ich verschiedene Internetpräsenzen von Bibliotheken hinsichtlich diverser Kriterien der inklusiven Sprache ausgewertet.

 

Was ist inklusive Sprache?

Hier stand ich gleich zu Beginn vor einer Hürde, denn eine überzeugende Definition für den Begriff »inklusive Sprache« konnte ich nicht finden. Bei der Suche über gängige Suchmaschinen mit der Phrase »inklusive Sprache« verweisen die Ergebnisse fast ausschließlich auf geschlechtergerechte Sprache. Diese ist zwar ein Teil von inklusiver Sprache, sollte jedoch nicht als Synonym dafür verwendet werden. Daher habe ich als Grundlage für meine Arbeit eine eigene Definition entwickelt. Diese lautet wie folgt:

Inklusive Sprache bezeichnet einen Sprachgebrauch, der dazu beitragen soll, dass alle Menschen gleichberechtigt einbezogen werden und mitgemeint sind. Außerdem werden Aspekte wie Geschlecht, Behinderung, race[2] und Sprache mitberücksichtigt. Inklusive Sprache soll somit geschlechtergerecht, diskriminierungsfrei und verständlich sein. Zur Umsetzung dieser Anforderungen werden Mittel der geschlechtergerechten Sprache, der Leichten Sprache, Gebärdensprache und Übersetzungen in weitere Sprachen angewendet. Bei inklusiver Sprache handelt es sich nicht um eine neue Sprache, sondern sie entspricht mehr einem Werkzeugkasten zur sprachlichen Einbeziehung aller Menschen.

 

Der Baukasten für inklusive Sprache

Wie bereits in der Definition zu lesen, setzt sich inklusive Sprache aus verschiedenen Komponenten zusammen. Diese Bausteine sollen hier in aller Kürze erklärt werden.

Geschlechtergerechte Sprache

Grundlegend wird zwischen der Ansprache von zwei Geschlechtern, weiblich und männlich, oder der Ansprache von allen Geschlechtern unterschieden, denn nicht jede Person kann oder möchte in das binäre Geschlechtersystem eingeordnet werden. Es gibt vielfältige Möglichkeiten für beide Varianten, einen Überblick bietet bietet die nachfolgende Abbildung.

 

Leichte Sprache

Leichte Sprache ist eine Abwandlung der eigenen Muttersprache für eine sehr heterogene Zielgruppe. Sie wurde unter anderem für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Menschen mit Demenz entwickelt, auch funktionale Analphabet*innen oder Menschen mit geringen Deutschkenntnissen können sie nutzen.[3] Sie folgt festgelegten Regeln und soll von möglichst vielen Menschen verstanden werden.

Nicht-diskriminierende Sprache

Hierbei geht es vor allem um das Nicht-Verwenden von Begriffen beziehungsweise darum, die Begriffe zu verwenden, die die jeweilige Community für sich festgelegt hat.

Dass für die Beschreibung von Schwarzen nicht mehr das N-Wort verwendet wird. Stattdessen sollte die Selbstbezeichnung BPoC (Black People of Colour) genutzt werden. Aber zum Beispiel ist auch das Wort Ind*aner[4] diskriminierend und keine Selbstbezeichnung dieser Community (Besser ist die Bezeichnung »indigene Bevölkerung Amerikas«.).

Ein weiteres Prinzip ist, dass der Mensch zuerst genannt wird. Also anstatt Behinderter zu sagen, ist die korrekte Form: Menschen mit Behinderung. Denn die Behinderung ist nur eine Eigenschaft des Menschen und macht den Menschen nicht in seiner Gesamtheit aus.

Mehrsprachigkeit

Ein Großteil aller Bibliotheken in Deutschland hat Nutzende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Daher ist es hilfreich, für diese Nutzenden entweder die gesamte Website oder zumindest die wichtigsten Informationen zur Nutzung der Bibliothek in mindestens eine weitere Sprache zu übersetzen. Vorwiegend wird hier sicherlich Englisch gewählt. Wobei Bibliotheken in Grenznähe zu nicht-deutschsprachigen Ländern auch Informationen in der entsprechenden Landessprache zur Verfügung stellen.

Gebärdensprache

Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache. Es gibt keine global gültige Gebärdensprache, auch hier gibt es viele verschiedene Sprachen. Für viele gehörlose Menschen ist Gebärdensprache ihre Muttersprache und die Lautsprache Deutsch dementsprechend ihre erste Fremdsprache. Aufgrund dessen sind Videos in Gebärdensprache auch wichtig, denn umfangreiche Texte in einer Fremdsprache zu verstehen, ist nicht immer einfach. Dies trifft nicht auf alle Menschen zu, die die Gebärdensprache verwenden, aber zumindest auf einen Teil.

Personalpronomen

Personalpronomen erscheinen im ersten Augenblick sicher trivial, wenn es um inklusive Sprache geht. Sie sind aber eine der einfachsten Möglichkeiten, alle Menschen mit einzubeziehen.

Dafür sollte die Verwendung der Pluralformen bevorzugt werden. Alternativ funktioniert auch das höfliche Siezen oder das informellere Duzen. Bei all diesen Varianten ist es nicht nötig, eine geschlechtliche Zuordnung über er oder sie vorzunehmen.

Es gibt für geschlechterneutrale Formen der Personalpronomen viele Lösungen, wobei für den deutschen Sprachraum bisher kein Favorit zu erkennen ist. Formen, die bereits Anwendung finden sind:

  • they/them (aus dem Englischen, aber im Singular zu verwenden)
  • sie_er (also als Mischform aus sie und er, verbunden durch den Gendergap)
  • xier (geschlechtsneutral)

 

Auswahl der Bibliotheken

Um einen möglichst umfassenden Eindruck über die Verwendung inklusiver Sprache in der deutschen Bibliothekslandschaft zu gewinnen, wurden Stadt-, Universitäts- und Hochschulbibliotheken untersucht. Als Datengrundlage dient dabei die Deutsche Bibliotheksstatistik und die darin verzeichneten Bibliotheken.

Dabei sind alle 77 Universitätsbibliotheken erfasst, bei den Stadt- und Hochschulbibliotheken handelt es sich jeweils um Stichproben. Von 129 Hochschulbibliotheken wurden 56 über eine Zufallsstichprobe ausgewählt. Bei den Stadtbibliotheken erfolgt eine nochmalige Aufteilung nach Bevölkerungsgröße. Dabei startet die Abfrage bei Bibliotheken, die in Orten mit mindestens 30 000 Einwohner*innen liegen. Dies liegt daran, dass bei einem Pretest festgestellt wurde, dass Bibliotheken, die in kleineren Ortschaften liegen, keine aussagekräftigen Websites besitzen. Meist ist ihre Internetpräsenz auf die Angabe von Öffnungszeiten auf der Seite der jeweiligen Stadt beschränkt. Es gab also schlicht keine verwertbaren Texte zur Auswertung für die Untersuchung.

Weiterhin wurden bei den Stadtbibliotheken alle untersucht, die eine Einwohner*innenzahl über 500 000 haben, das sind in Deutschland 14 an der Zahl.

Alles in allem wurden damit die Webauftritte von 305 Bibliotheken untersucht. Die Auswertung fand Ende November bis Anfang Dezember 2019 statt.

 

Ergebnisse der Untersuchung

Ich möchte einige der Ergebnisse vorstellen, die ich als besonders wichtig ansehe. Dabei gibt es positive Tendenzen, aber auch Bereiche, die noch ausgebaut werden können.

Bezogen auf alle untersuchten Kommunikationskanäle verwendet die Hälfte der untersuchten Bibliotheken bereits geschlechtergerechte Sprache, die zwei Geschlechter berücksichtigt. 53 von den 305 Bibliotheken nutzen bereits die sprachlichen Möglichkeiten, um alle Geschlechter anzusprechen.

20 der Bibliotheken stellen Informationen in Leichter Sprache zur Verfügung. Es handelt sich dabei ausschließlich um Stadtbibliotheken. Und nur drei Bibliotheken haben Videos mit Informationen in Gebärdensprache.

Es gibt auch zwischen den Bibliothekstypen Unterschiede bei der Verwendung inklusiver Sprache. So ist es bei Universitäts- und Hochschulbibliotheken üblich, dass die Webseiten auch auf Englisch verfügbar sind. Bei Stadtbibliotheken war dies leider häufig nicht der Fall.[5] Aber die Stadtbibliotheken behelfen sich damit, die Informationen als pdf-Datei in verschiedenen Sprachen zur Verfügung zu stellen.

Weiterhin kam ich zu dem Ergebnis, dass mit steigender Bevölkerungszahl auch die Zahl der Bibliotheken steigt, die zumindest in Teilen inklusive Sprache in der Kommunikation einsetzt. Ab einer Einwohner*innenzahl von 100 000 verwenden etwa 40 Prozent der Bibliotheken geschlechtergerechte Sprache, die mehr als zwei Geschlechter anspricht. Bei den Bibliotheken in Städten mit geringer Bevölkerungszahl sind es lediglich zehn Prozent. Noch deutlicher ist der Unterschied beim Vorhandensein von Informationen in anderer Sprache, da sind es bei Großstadtbibliotheken weit über die Hälfte.

Und schlussendlich gibt es auch Unterschiede bei der Verwendung inklusiver Sprache in Abhängigkeit von der verwendeten Plattform. Die Social-Media-Kanäle werden von (fast) allen Bibliotheken auf Deutsch betrieben. Leichte Sprache und Gebärdensprache findet man ausschließlich auf den offiziellen Webauftritten. Und bei Twitter gibt es tatsächlich eine kleine Mehrheit für die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache für mehr als zwei Geschlechter. Alles in allem ist die am meisten verwendete Ansprache über Personalpronomen im Plural. Das ist insofern eine gute Strategie, weil damit tatsächlich alle angesprochen werden.

Die Untersuchung von nicht-diskriminierender Sprache hat sich als schwierig erwiesen. Etwa zehn Prozent der Bibliotheken nutzen den Begriff »barrierefreier Zugang«, früher wurde der Begriff »Behinderteneingang« genutzt. Allerdings ist dies mittlerweile eine offizielle und gebräuchliche Bezeichnung. Und auch wenn es nicht Gegenstand der Untersuchung war, so bin ich häufig über den Begriff »Ind*aner« gestolpert, vor allem in Hinblick auf Medienkisten. Wie bereits am Anfang erklärt, ist dies eine Fremdzuschreibung, auf die verzichtet werden sollte. Dies ist ein Beispiel dafür, dass die Problematik von nicht-diskriminierender Sprache noch intensiver behandelt werden sollte.

 

Was können wir machen?

Zuerst einmal lässt sich aus der Untersuchung ein positives Fazit ziehen, viele Bibliotheken verwenden bereits mehrere Bausteine der inklusiven Sprache. Allen voran ist wohl die geschlechtergerechte Sprache am weitesten verbreitet. Aber auch die Leichte Sprache ist im Bereich der Stadtbibliotheken verbreitet. In meiner Masterarbeit war es mir leider nicht möglich, Handlungsvorschläge zu geben, daher möchte ich das an dieser Stelle nachholen. Bitte betrachten sie dies als Anregungen, Ideen, Diskussionsgrundlagen. Dieser Beitrag ist ein temporärer Ist-Stand, die Entwicklung inklusiver Sprache schreitet voran und hoffentlich auch die Akzeptanz dafür.

Ich möchte daher allen Mitarbeitenden, die Texte für die Internetpräsenzen verfassen, Mut machen, mehr inklusive Sprache zu nutzen. Besprechen sie im Team, welche Zielgruppen sie haben und welche Bausteine dazu passen. Seien sie auch selbstkritisch, schauen sie die vorhandenen Texte und Beiträge ihrer Webauftritte an (offizielle Website und Social-Media-Kanäle). Welche Bausteine der inklusiven Sprache verwenden sie bereits? Was fehlt ihnen vielleicht, weil sie wissen, dass sie Nutzende haben, die davon profitieren würden?

Sollten sie bei Texten für die offizielle Internetpräsenz bereits Vorgaben für die zu verwendende Sprachvarianten haben, dann nutzen sie vorhandene Freiräume, um auf den Social-Media-Kanälen Formen der Ansprache zu testen. Wenn sie bisher zum Beispiel immer »Liebe Nutzerinnen und Nutzer« geschrieben haben, versuchen sie es mit »Liebe Nutzende« oder »Liebe Nutzer*innen«. Wenn sie in einer Universitäts- oder Hochschulbibliothek arbeiten, fragen sie kritisch nach, warum es keine Informationen in Leichter Sprache gibt. Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, sollten nicht als Nutzende ausgeschlossen werden, indem ihnen der Zugang zu wichtigen Informationen nicht bereitgestellt wird.

Es gibt vielfältige Stellschrauben, die zu Verbesserungen führen können. Die bewirken, dass mehr Menschen entsprechend ihren Bedürfnissen angesprochen werden. Wichtig ist immer, das Ganze als (Lern-)Prozess zu gestalten. Niemand wird über Nacht Expert*in auf dem Gebiet inklusive Sprache. Man lernt in dem Bereich nie aus. Denn wie schon am Anfang festgestellt, Sprache entwickelt sich immer weiter. Außerdem ist inklusive Sprache stark verknüpft mit dem wachsenden Bewusstsein für Diversität in der Bevölkerung. Und Bibliotheken haben hier die Chance, einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz zu leisten.

Stefanie Hotze / 16.4.2021
Der Beitrag ist zuerst erschienen in BuB 02-03/2021, Seite 98-101.

 

Die Autorin

Stefanie Hotze (M.A. LIS), geboren 1983, studierte Bibliotheks- und Informationswissenschaft auf Diplom an der HTWK Leipzig. Seit 2013 arbeitete sie an der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. 2020 schloss sie ihr Master-Fernstudium an der Humboldt Universität zu Berlin ab. Seit April 2021 ist sie in der Stadtbibliothek Minden tätig.

 

 

 

[1] Die komplette Arbeit ist online abrufbar: https://edoc.hu-berlin.de/handle/18452/22591
[2] Der Begriff »race« lässt sich nicht einfach mit »Rasse« übersetzen, da dieses Wort in Deutschland negativ besetzt ist und daher nicht verwendet werden sollte. Im englischen Sprachraum wird er gesellschaftspolitisch gesehen und meint in erster Linie eine Gruppe von Menschen mit verbindenden Eigenschaften. Daher wird in Ermangelung einer treffenden deutschen Übersetzung das englische Wort beibehalten.
[3] Bredel/Maaß: Leichte Sprache. Dudenverlag, 2016
[4] Das Sternchen an dieser Stelle dient dazu, den rassistischen Begriff nicht zu reproduzieren. Alternativ kann man auch den Begriff »I-Wort« nutzen. (Hierzu auch »Dear Discrimination« vom Kollektiv wirmüsstenmalreden, S. 126)
[5] Es sind keine eigenständigen Webauftritte, sondern Teile vom Webauftritt der Stadt. Diese übersetzen scheinbar nur die touristisch interessanten Unterseiten in andere Sprachen. (Beobachtung der Autorin)

 

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