Digital ist besser? Möglichkeiten der digitalen Leseförderung in Bibliotheken

Frankfurt am Main. Immer mehr Kinder und Jugendliche nutzen immer mehr digitale Medien – und das immer früher. Die aktuellen Forschungsergebnisse zu digitalen Lesegewohnheiten und Beispiele aus der Praxis, wie Kinder mithilfe digitaler Medien zum Lesen animiert werden können, stellten Ulrike Weber von der Stiftung Lesen und Kathrin Hartmann vom Deutschen Bibliotheksverband (dbv) am Donnerstag, 9. Oktober, im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vor. Der Berufsverband Information Bibliothek (BIB) organisierte das Symposium „Digital ist besser? Möglichkeiten der digitalen Leseförderung in Bibliotheken“ gemeinsam mit dem dbv und der Stiftung Lesen. Die Moderation übernahm Tom Becker aus dem Bundesvorstand des BIB.

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Ulrike Weber (links) von der Stiftung Lesen erklärt interessierten Besuchern der Frankfurter Buchmesse, Apps zur digitalen Leseförderung an einem Tablet-PC.
Foto: Steffen Heizereder

„Offen sein für alle Medien“ müssten Bibliotheken, sagt Weber, und mit dieser Offenheit der zunehmenden Medienausstattung in Haushalten Rechnung tragen. Demnach liege die Ausstattung der deutschen Haushalte mit Fernsehgeräten und internetfähigen Computer bei beinahe 100 beziehungsweise 80 Prozent. Smartphones und Tablet-PCs sind ebenfalls auf dem Vormarsch.

Aus den von Weber präsentierten Zahlen geht zudem hervor, dass Kinder und Jugendliche immer mehr Medien nutzen. Rund 40 Prozent der Jugendlichen geben an, mehrmals wöchentlich ein Buch zu lesen. Dieser Wert hat sich im Betrachtungszeitraum von 1998 bis 2012 auch kaum verändert. Der Fernsehkonsum bleibt ebenfalls konstant. Mehr als 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen schauen mehrmals wöchentlich fern. Dramatisch zugenommen hat dagegen die Nutzung des Internets. 1999 gaben nur drei Prozent der Jugendlichen an, regelmäßig online unterwegs zu sein. 2012 waren es bereits 91 Prozent.

Wie wichtig Lesekompetenz in diesem Zusammenhang ist, verdeutlicht Weber anhand der Internetaktivitäten. Mehr als jede zweite Aktivität der Jugendlichen im Netz Im Internet dient entweder der Kommunikation (45 Prozent) oder der Suche nach Informationen (13 Prozent).

„Lese-, Medien- und Informationskompetenz sind im digitalen Zeitalter mehr denn je Schlüsselkompetenzen“, sagt die Projektmanagerin. An den digitalen Medien partizipieren indes aber nicht alle Kinder und Jugendlichen im gleichen Maße. Je höher der Bildungsgrad, desto aktiver die Nutzung digitaler Medien. Um Chancengleichheit herzustellen, müssten niedrigschwellige Beratungsangebote insbesondere für Kinder bestehen.

Möglichkeiten zur zielgruppengerechten digitalen Leseförderung  gebe es demnach bereits für Kleinkinder. Ulrike Weber nannte Bilderbuchapps und interaktive Geschichten als mögliche Beispiele. „Es ist aber wichtig, dass man die Kinder nicht drängt“, sagt die Projektmanagerin. „Es ist auch nicht jedes digitale Lesemedium per se zu empfehlen.“ So sei es wichtig, darauf zu achten, dass sich das Medium für die Zielgruppe, etwa in Bezug auf die altersgerechte Bedienbarkeit, eignet. Auch auf den Jugendschutz müsse geachtet werde. Weber warnt vor Angeboten, die Werbung oder weiterführende Links beinhalten. Bei interkativen Medien eignen sich zudem solche nicht, bei denen die Interaktionen eher ablenken, als das Lesen fördern.

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Berührt der Stift das Buch, wird die entsprechende Stelle vorgelesen. Das geht mithilfe eines Sensors in dem Stift und einem Code auf den Buchseiten.
Foto: Steffen Heizereder

Die Leseförderung mithilfe digitaler Medien ist auch die Kernidee von „Lesen macht stark“. Kathrin Hartmann stellt das dbv-Projekt vor. Vor allem benachteiligte Kinder und Jugendliche sollen in außerschulischen Veranstaltungen gefördert werden. „Wir nutzen dabei die Begeisterung der Kinder und Jugendlichen für alles Digitale“, sagt Hartmann. Sie präsentiert sechs Vorgehensweisen, die allesamt Versuche darstellen, vom analogen Lesen in ein digitales Lesen zu kommen. Erste Maßnahmen beginnen für Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren in Form einer Bilderbuchapp, andere eignen sich auch für Jugendliche bis 18 Jahre. Die Bibliotheken sind in den einzelnen Städten dazu aufgerufen, entsprechende Projekte anzustoßen.

Wichtig sei in jedem Fall, lokale Bündnisse einzugehen, etwa zwischen der Bibliothek, Kindergärten, Schulen oder anderen externen Partnern. Unterstützt werden die Aktionen von Ehrenamtlichen, die kostenlos qualifiziert werden können. „Die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen ist für uns ganz wichtig“, sagt Hartmann.

Im Anschluss an die Einführungen hatten die rund 90 Zuhörer noch die Gelegenheit, mit den Referenten, Moderator Tom Becker und Experten der Stadtbibliotheken Offenbach und Mannheim, die bereits Erfahrungen im Bereich der digitalen Leseförderung gemacht haben, sowie der Stiftung Digitale Chancen zu diskutieren. (hei / 11.10.2014)

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