Bibliotheken begegnen gesellschaftlichen Herausforderungen

Reutlingen. Unter dem Titel »Miteinander Reden – Demokratiekompetenz in Bibliotheken« veranstaltete der Berufsverband Information Bibliothek (BIB) den ersten virtuellen Sommerkurs.

Bibliotheken sind offene Orte für alle. Sie dienen mehr als dem Aufenthalt, der Information oder dem Vergnügen. Bibliotheken sind Orte der Begegnung für eine offene Gesellschaft. Diesem Umstand begegnen Bibliotheken mit einer breiten Palette an Veranstaltungen. Um Bibliotheksmitarbeitende zu befähigen auch Veranstaltungen anzubieten, bei denen Menschen unterschiedlicher Ansichten zusammenkommen, bewarb sich der BIB erfolgreich beim »Ideenwettbewerb Miteinander Reden« und konnte mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung den Sommerkurs im September digital durchführen.

MITEINANDER REDEN – Gespräche gestalten – Gemeinsam handeln

Der Ideenwettbewerb für Akteure in ländlichen Räumen, über den der BIB seine Weiterbildungsangebote rund um Demokratiekompetenz finanziert, wird von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) getragen, unterstützt vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten, vom Deutschen Städte- und Gemeindebund, von der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume und vom deutschen Volkshochschul-Verband (vgl. Projekt-Homepage MITEINANDER REDEN). Die bildungspolitische Intention des Projektes stand somit von vornherein fest, im Projektantrag des BIB aus dem Jahr 2018 hieß es entsprechend:
»Bibliotheken eignen sich als Begegnungsraum, da sie neutrale, nicht-kommerzielle Orte sind und für eine offene und pluralistische Gesellschaft eintreten. Als solche stellen sie reale, vertraute Treffpunkte dar, die zu ›Arenas of Debate‹, wie sie in den skandinavischen Ländern durch die kommunalen Bibliotheken bereits geboten werden, weiterentwickelt werden können.«
Als der BIB 2019 Drittmittel in Höhe von 12 000 Euro bewilligt bekam, um entsprechende Diskussionsformate zur Demokratievermittlung gemeinsam mit lokalen Kooperationspartnerinnen und -partnern (weiter) zu entwickeln, galt es, eine große Herausforderung zu bewältigen: Das Programm der bpb richtet sich in erster Linie an Kommunen mit weniger als 12 000 Einwohner/-innen. Die Schwierigkeit für uns bestand darin, dass es in Deutschland in entsprechenden Gemeinden deutlich weniger als 3 000 hauptamtlich geleitete Bibliotheken gibt.
Auch wenn – und das zeigen viele Gespräche in den vergangenen Wochen und Monaten – gerade auch die kleinen Institutionen den Auftrag sehr ernst nehmen, mit ihrem Medien- und Veranstaltungsangebot zur Meinungsbildung, Informationssouveränität und Mündigkeit der Bürger/-innen beizutragen, gestaltete es sich bis Frühsommer 2020 als nicht realisierbar, ausgebuchte Weiterbildungen vor Ort zu organisieren. Geplante Qualifizierungsmaßnahmen in Frankfurt, Rostock, Karlsruhe oder Penzberg mussten abgesagt werden; Veranstaltungen im Rahmen von anderen Tagungen wie dem Forum Bibliothekspädagogik in Leipzig oder mit der Kulturstiftung des Bundes in Würzburg dagegen fanden reges Interesse. Eine schwierige Gemengelage, die sich uns als Veranstalter und auch unseren zuverlässigen Kooperationspartnerinnen und -partnern aus den Fachstellen in ihrer Dynamik nicht wirklich erschließt.

Covid-19 als Chance – der Sommerkurs wurde virtuell

Neben den Schwierigkeiten, Vor-Ort-Angebote realisieren zu können, machte Covid-19 weitere geplante Veranstaltungen ab Frühjahr 2020 unmöglich. In der Absage aller weiteren physisch geplanten Seminare lag zugleich eine Chance: Auch der sonst mehrtägige, physische Sommerkurs des BIB – geplant zu historischen Beständen – konnte nicht stattfinden, und so wurden freie Kräfte gebündelt und das gestartete Projekt Miteinander Reden – Demokratiekompetenz in Bibliotheken kurzer Hand ins Virtuelle verlagert.
Das nun modifizierte Angebot folgte dem Ansatz, 90-minütige Microlearning-Formate, die größtenteils interaktive Elemente umfassten, zur Auswahl anzubieten: Vom 2. bis 4. September konnten die Teilnehmenden so aus 19 verschiedenen Modulen rund um das Thema Demokratie Gesprächs- und Mitmachveranstaltungen wählen. Die Module fanden zu unterschiedlichen Zeiten statt, in jedem Zeitslot wurden mindestens zwei parallellaufende Module à 90 Minuten angeboten – umrahmt von einem gemeinsamen Auftakt und Abschluss sowie einem abendlichen virtuellen Get-together (siehe dazu auch diese Abbildung).

Der modulare Aufbau brachte einige Vorteile für die Teilnehmenden gegenüber einem physischen Kurs mit sich. Sie konnten zeitlich und inhaltlich flexibel Module auswählen und somit zeitlich und ortsunabhängig am Onlineseminar teilnehmen. Dabei kam technisch eine Kombination aus Lernmanagementsystem und Videokonferenzsoftware zum Einsatz, wodurch während und nach dem Sommerkurs Inhalte zur Verfügung gestellt werden, auf die auch später zurückgegriffen werden kann.
Das breite Programm des Sommerkurses beinhaltete einführende Kurse zur Demokratiepädagogik und zum Partnerschaftsmanagement sowie Workshops.
Inhaltlich ging es darum: Wie kann eine offene Gesellschaft aussehen? Wie erfahren wir, was andere bewegt und wie ihre Ansichten aussehen? Was ist Diskriminierung und wie kann ihr erfolgreich begegnet werden – persönlich und als Institution? Was ist und was kann »Demokratiepädagogik«?
Das breite Programm des Sommerkurses beinhaltete einführende Kurse zur Demokratiepädagogik und zum Partnerschaftsmanagement sowie Workshops, in denen es anknüpfend an theoretischen Inputs zu (Anti-)Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie vor allem darum ging, Handlungsoptionen zu erarbeiten. Vermittelt wurde ebenso grundlegendes Rüstzeug für ein souveränes Agieren im Kontext von Fake News, Halbwahrheiten und Literatur an den Rändern sowie Methodenkompetenz zu partizipativen Diskussionsformaten und Out-Going-Konzepten.
Die Teilnehmenden lernten so nicht nur, sich selbst zu reflektieren und »anders« – sensibilisierter – auf sich, ihre Bibliothek und ihre Angebote zu schauen, sie lernten auch neue Wege kennen, Gespräche anzuleiten, Gesprächsanlässe und -räume zu schaffen und dabei Vernetzung über die kommunalen Strukturen hinaus weiter zu denken. Letzter Punkt ist bei Veranstaltungen im Bereich Demokratie und Gesprächskultur sehr wichtig, da diese sehr gut mit regionalen Partnern durchgeführt werden können. Bibliotheken sollten sich ihrer guten Vernetzung bewusst sein, sie ausbauen und perspektivisch pflegen.

Ausblick

Viel zu schnell vergingen die drei Tage. Trotz des rein virtuellen Kennenlernens entstanden intensive, offene Gespräche, die teils während der Module teils beim abendlichen Get-together geführt wurden. So lag der Wunsch am Ende nahe, sich auch zukünftig zu vernetzen und auszutauschen. Da auch in den nächsten Wochen physische Treffen eher unwahrscheinlich sind und die Teilnehmenden aus unterschiedlichen Bundesländern stammten, wurde ein virtueller »Demokratietreff« initiiert, der offen ist für alle Interessierten an demokratiepolitischer Veranstaltungsarbeit.
Zudem wird eine virtuelle Folgeveranstaltung mit bekannten und neuen Inhalten für Februar 2021 geplant: Bei »Miteinander Reden – Demokratiekompetenz in Bibliotheken light« widmen wir uns erneut dieser anspruchsvollen Thematik. Wir freuen uns über rege Teilnahme und Anregungen!

Dr. Tom Becker ist Professor an der TH Köln und Mitglied im BIB-Bundesvorstand;
Karin Langenkamp ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesinstitut für Berufsbildung Bonn (BIBB) und leitet die Kommission für Fortbildung im BIB / 16.12.2020

 

Der 2. BIB-Demokratietreff findet am 4. März 2021 virtuell unter https://online-seminare.bib-info.de/b/kar-txc-obk-q6j statt. Wer persönlich eingeladen werden möchte, kann sich unter miteinander-reden@bib-info.de  melden.

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