Agenda 2030: Mit kleinen Maßnahmen Großes bewirken

Wir erleben mittlerweile hautnah, dass unsere Welt im Umbruch ist. Wetterbedingte Katastrophen weltweit kündigen an, was Wissenschaftler uns schon lange prognostizieren. Wir wissen, dass das Minimalziel des Pariser Klimaabkommens – die Begrenzung der menschengemachten globalen Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius der vorindustriellen Werte – eigentlich nicht ausreicht.

Und selbst dieses Ziel ist momentan in Gefahr, im weltweiten Maßstab verpasst zu werden. Für den Fall, dass es uns nicht gelingt, weltweit zu agieren und die Klimaerwärmung bei maximal einer 1,5 Grad Celsius Erwärmung im Vergleich zu stoppen, warnen neueste Studien[1] und auch der Weltklimarat[2] davor, dass das Gleichgewicht unserer Welt in Gefahr ist. Auch die Auswirkungen, die die Vermüllung und Vergiftung unseres Erdballs haben werden, sind kaum abschätzbar. Für die Plastikproblematik gibt es global bisher keine sinnvolle Lösung. Nicht nur, dass Tiere in erheblichem Ausmaß sterben, auch in unserer eigenen Nahrungskette – sowohl im Wasser als auch an Land – sind Kunststoffe und Chemiecocktails bereits enthalten. Die hormonellen Schäden für jeden Einzelnen sowie für die gesamte Menschheit sind noch kaum absehbar – bereits heute finden sich im Liquor von Babys in Deutschland Rückstände von Pestiziden und Medikamenten. Ist das wirklich die Welt, in der wir in Zukunft leben wollen?

Kürzlich vorgelegte Einschätzungen[3] zum Erfüllungsstand der Nachhaltigkeitsziele, die von der UN aufgestellt wurden (Agenda 2030), kommen zu dem Resultat, dass wir sowohl in Deutschland, als auch in anderen reichen Ländern und erst recht weltweit gesehen nicht gut genug fokussiert sind auf die Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele.

Status quo der Nachhaltigkeit

Die Bertelsmann-Stiftung misst seit 2015 die Umsetzung der SDG-Ziele. 2015 wurden nur die einkommensstarken Länder beurteilt, im Juli 2018 wurde dagegen eine Studie[4] für alle 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen vorgelegt. Anhand eines SDG-Indexes kann das Gesamtmaß für den Fortschritt bei den Nachhaltigkeits-Zielen bewertet werden und erstmals liegen nun Trenddaten darüber vor, wie schnell Länder auf die Ziele zugehen. Die Analyse zeigt, dass kein einziges Land mit den momentanen Anstrengungen alle Ziele bis 2030 erreichen wird. Selbst in den reichen Ländern wurden zwar einige Anstrengungen unternommen, doch es wird deutlich, dass insgesamt deutlich mehr Bemühungen nötig sind – insbesondere beim Umwelt- und Klimaschutz und unserem überbordenden Konsum, der mit Müllbergen und immensem Ressourcenverbrauch verbunden ist. Des Weiteren sind die reicheren Länder aufgefordert, mehr gegen soziale Ungerechtigkeit zu unternehmen, sowohl im eigenen Land als auch in den Entwicklungsländern, die ohne mehr Unterstützung die Ziele der Agenda 2030 niemals erreichen werden – und somit auch die Weltgemeinschaft dies nicht schaffen wird.

Nachhaltigkeit, Bibliotheken, Agenda 2030

In Sachen Nachhaltigkeit können Bibliotheken eine Vorreiterrolle einnehmen. Foto: peterschreiber.media – stock. adobe.com

 

Deutschland belegte im Jahr 2018 insgesamt den 4. Platz von den 156 bewerteten Staaten – hinter Schweden, Dänemark und Finnland. Auch, wenn dies im Vergleich nicht schlecht scheint, gibt es dennoch eine Reihe von Zielen, bei denen für Deutschland ein massiver Handlungsbedarf besteht. Dazu gehören vor allem die SDGs 12 (Nachhaltige/r Konsum und Produktion), 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz) und SDG 14 (Leben unter Wasser). Beispielsweise produziert Deutschland (wie auch Frankreich) traurige 22 Kilogramm Elektromüll pro Person und Jahr – etwa dreimal so viel wie bspw. die Türkei oder Brasilien. Weiterhin gehören auch die Verschmutzung der Meere und die pro Person ausgestoßenen klimaschädlichen CO2-Emissionen zu den Negativzahlen Deutschlands. Deutschland belegt hier die schlechtest mögliche Kategorie (Stufe Rot!). Außerdem gehört Deutschland auch zum Mittelfeld der Länder, deren Lebensweise besonders negative Auswirkungen auf Schwellen- und Entwicklungsländer hat, woraus zusätzlich eine große Verantwortung erwächst.

Nachhaltige Bibliotheken – längst Standard?

Es gibt also reichlich Handlungsbedarf, doch was können wir Bibliothekare dabei tun? Bibliotheken agieren doch sowieso im Sinne der Agenda 2030 der Vereinten Nationen[5] schon vergleichsweise nachhaltig: Das Teilen von Büchern und Medieninhalten ist schon eine sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltige Praxis: Wir verhindern unnötigen Neukauf von Büchern, sparen damit Papier und schonen Bäume, garantieren damit den Zugang für alle. Und Bibliothekare tun doch generell schon viel für die soziale Gerechtigkeit, bemühen sich darum, auch bildungsbenachteiligten Menschen die Teilhabe zu ermöglichen. Sie bemühen sich um viele, die nicht lesen können, bieten Sprachkurse und Lernmöglichkeiten für Flüchtlinge, bieten Zugang zu Medien, Internet und einen warmen Arbeitsraum für diejenigen, die sich dies finanziell nicht leisten könnten, und vieles mehr. Wir bemühen uns in unserem Büro darum, Papier zu sparen, evtl. haben wir bereits die Beleuchtung auf LED umgestellt, stromsparende Schaltungen für selten benutzte Bereiche eingebaut oder Wassersparsysteme in unseren Bibliotheken eingebaut. Reicht das nicht an guten Taten?

Auf der anderen Seite der Waage finden wir: knapp 10 000 Bibliotheken in Deutschland mit ihrem Ressourcenverbrauch für Heizwärme, Transportkosten, Wasser und Verbrauchsmaterialien, einem immensen Stromverbrauch für Licht, Buchsortieranlagen, Klimaanlagen, Vervielfältigungsgeräte, Computer und Server –mit all ihren umweltschädlichen Folgen. Vom Passivhaus-Standard mit sehr effektivem Energieeinsatz sind wir selbst in jüngst gebauten Bibliotheken in der Regel recht weit entfernt. Das Konzept der nachhaltigen Beschaffung macht zwar Fortschritte und es werden mittlerweile viele hilfreiche Portale angeboten[6], dennoch ist es nach wie vor in Bibliotheken nicht unüblich, das jeweils billigste Angebot zu wählen. Dazu kommen Reisen der Mitarbeiter, die oftmals aus finanziellen und zeitlichen Gründen per Flugzeug stattfinden und damit besonders klimaschädlich sind. Außerdem befinden wir uns mitten in einer Welle der Digitalisierung, von der meist – ohne dies zu hinterfragen – angenommen wird, dass sie umweltfreundlicher sei.

Ehrlicherweise muss man jedoch zugeben, dass die durchaus vielversprechende Digitalisierung bisher nur ein Potenzial benennt, welches noch in keiner Weise ausgeschöpft ist – im Gegenteil: Bisher hat die zunehmende Digitalisierung insgesamt zu einem noch höheren Stromverbrauch, noch mehr Papierverschwendung und einem sehr hohen Verbrauch an Ressourcen geführt. Augenmaß ist nötig. Auch Bibliotheken haben dazu beigetragen, dass sich der Abbau an Primärrohstoffen in den vergangenen 40 Jahren weltweit verdreifacht hat. Mehr Inhalte im Netz oder Roboter steigern die Nachfrage nach Rohstoffen – Indium für Flachbildschirme, Lithium für Akkus, Germanium für Glasfaserkabel, Zinn für mobile Endgeräte. Bspw. für die Zinngewinnung werden auf den indonesischen Inseln Bangka und Belitung Wälder gerodet, das Meer mit Klärschlamm verschmutzt und Böden unfruchtbar gemacht. Weltweiter Raubbau und soziale Ungerechtigkeit werden durch die Digitalisierung gefördert, Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung werden dafür häufig zerstört, Menschen – oftmals Kinder – arbeiten für die Gewinnung der benötigten Metalle unter menschenunwürdigen Bedingungen. Dies sind die unschönen Seiten, die wir gern ausblenden, weil es kaum auszuhalten ist, das Leid anzuschauen, das die reichen Länder für ihren Lebensstandard in der Welt verursachen.

Vorbildwirkung der Bibliotheken

Natürlich sind wir Bibliothekare nicht schuld am Zustand der Welt, aber wir sollten all unsere Möglichkeiten nutzen, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Und die Bibliotheken haben dafür sehr gute Voraussetzungen.

Stephen Wyber zeigt im jüngsten Aufruf der IFLA[7] für Bibliotheken drei Hauptwege auf, um sich für das Thema Nachhaltigkeit zu engagieren: 1. Vorbild zu sein, indem Bibliotheken nachhaltige Bautechniken und Dienstleistungen benutzen und darüber informieren. 2. Bildungspartner zu sein, indem Bibliotheken Verständnis und Handeln für Nachhaltigkeit in ihren Gemeinden fördern. 3. Unterstützer zu sein und neue Forschungsarbeiten zur Nachhaltigkeit fördern.

Im Bereich der Vorbildwirkung könnten Bibliotheken sicher die schnellsten Erfolge erzielen, denn Bibliothekare tun ja schon immer Vieles für soziale Nachhaltigkeit, zunehmend auch für ökologische Nachhaltigkeit. Sie sollten dies ihren Nutzern gegenüber nur mehr kommunizieren – nicht um der Selbstdarstellung Willen (das liegt vielen Bibliothekaren vielleicht auch nicht so), sondern es geht darum, Motivator für andere zu sein. Wir stehen sowohl als Privatpersonen als auch als Gesellschaft vor der einenden Herausforderung, dass wir unser aller Konsumverhalten ändern müssen, für unsere Umwelt und Mitmenschen schädliche Verhaltensweisen reduzieren müssen, unsere Ansprüche zurückschrauben müssen, weil ein »Weiter so« nicht mehr verträglich ist für diesen Planeten. Nun wird jeder dies aus seinem Privatleben kennen, wie motivierend es sein kann, Motivatoren und Mitstreiter zu haben, wenn man sein Verhalten ändern will. Die neue Jogging-Gruppe oder das Fitnesscenter, in dem man Gleichgesinnte trifft, die sich auch mehr bewegen möchten, oder eine Einladung in eine Lerngruppe, die auch Langschläfer motiviert, morgens um 7 Uhr in die Uni zu kommen. Als solche Motivationstrainer sind Bibliotheken hervorragend geeignet, weil sie einen direkten und niederschwelligen Zugang für alle Bevölkerungsgruppen bieten und leicht auch beiläufige Lernhäppchen positionieren können, ohne dass sich die Nutzer gleich in der Ökodiktatur wähnen.

Eine kurze Mitteilung im Bibliotheks-Blog darüber, wenn sich die Bibliotheksangestellten entschlossen haben, im Sommer mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen, motiviert vielleicht auch manchen Nutzer, dies gleichermaßen zu tun. Eine Handy-Sammelbox, die im Eingang aufgestellt wird, motiviert dazu, mal im eigenen Schubfach nach alten, nicht mehr gebrauchten Handys zu suchen. Ein kleines anschauliches Plakat in Sichtweite des Kopierers über das benutzte 100-Prozent-Recycling-Papier motiviert auch Nutzer, die vielleicht über die Unterschiede der verschiedenen Papiersorten noch nicht nachgedacht haben. Ein Büchertisch zu nachhaltigen Themen motiviert zum Weiterlesen. Eine Ausstellung zu nachhaltigen Themen, die man von den Umweltverbänden ausleiht, uvm. Alles nur wenig aufwendige Dinge mit potenziell großer Wirkung.

Noch mehr Aufgaben für Bibliotheken?

Bibliotheken haben schon sehr viele Aufgaben – und nun sollen sie sich auch noch mit derselben Finanzierung zusätzlich zum Tagesgeschäft um Nachhaltigkeitsinitiativen kümmern?
Bibliotheken sind gut geeignete Orte, um das Thema Nachhaltigkeit in die breite Gesellschaft zu bringen, und Bibliotheken sollten die Services, die sie anbieten, auch so nachhaltig wie möglich anbieten. Jeder von uns ist heutzutage gefordert, an der Stelle, an der er steht, so nachhaltig wie möglich zu agieren. Insbesondere die Mitarbeiter, denen auch in ihrer Freizeit Ökologie und soziale Themen am Herzen liegen, werden dadurch vermutlich einen höheren Zufriedenheitsgrad mit ihrer Arbeit erlangen.

Dennoch ist es dringend nötig, dass Bibliotheken auch mehr finanzielle Mittel erhalten, denn nachhaltige Beschaffung ist zum Teil selbstverständlich teurer als die Anschaffung von Dingen, die auf Kosten der Umwelt billig produziert wurden, für Bildungsveranstaltungen ist zum Teil zusätzliches Personal nötig, etc. Momentan hat die Politik selbst noch nicht verstanden, dass Bibliotheken neben den Schulen, Volkshochschulen und Hochschulen eine tragende Rolle bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele spielen können. Sowohl in der UN-Agenda 2030[8] als auch in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie[9] und auch in manchen regionalen Nachhaltigkeitskonzepten sind Bibliotheken bisher nur marginal erwähnt. Es liegt an uns allen, dies mit vereinter Kraft zu ändern.

Fazit

Kofi Annan, der geistige Vater der Millenniumsziele, forderte im Vorwort der ersten Bertelsmann-Studie über den Stand der Sustainable Development Goals größere Anstrengungen von den reichen Ländern der Erde. Und er prägte den Satz: »Was nachhaltige Entwicklung anbelangt, sind nunmehr alle Länder Entwicklungsländer.«[10]

Den Begriff »Entwicklung« sollten wir ernst nehmen und den Geist des Neubeginnens in der Gesellschaft fördern. Wir haben weltweit eine große Aufgabe vor uns und für vieles gibt es gesamtgesellschaftlich momentan noch keine Antworten. Bibliotheken bzw. die Bibliothekare selbst können eine große Rolle dabei spielen, die richtigen Fragen zu stellen – als Orte der Begegnung, als Bildungspartner, als Vorbilder und Kommunizierende, als Motivierende, als Informierende, als Neugierige, als Lernende, als Visionäre, als Unterstützende der Wissenschaft, als Menschen in unserer Weltgemeinschaft.

Andrea Kaufmann, 20.12.2018

Die Autorin

Andrea Kaufmann, Nachaltigkeit in BibliothekenAndrea Kaufmann hat 2014 den Magisterstudiengang Bibliothekswissenschaft und Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin abgeschlossen. Sie leitet seit 2008 die Firmenbibliothek zu ökologischen Themen der ALAB GmbH. Kaufmann war von 2014 bis 2017 Lehrbeauftragte am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin und ist Herausgeberin von einigen bibliothekswissenschaftlichen Publikationen. Sie ist Vorsitzende des Netzwerks Grüne Bibliothek. – Kontakt: kaufmann@netzwerk-gruene-bibliothek.de

 

 

 

[1] Steffen, W., Rockström, J., Richardson, K., Lenton, T. M., Folke, C., Liverman, D., Schellnhuber, H. J. (2018). Trajectories of the Earth System in the Anthropocene. Proc Natl Acad Sci USA, 115(33), 8252. https://doi.org/10.1073/pnas.1810141115

[2] Intergovernmental Panel on Climate Change. (2018, 8 Oct.). Summary for policymakers of IPCC Special Report on Global Warming of 1.5°C approved by governments. www.ipcc.ch/news_and_events/pr_181008_P48_spm.shtml

[3] Siehe z. B.: German Council of sustainable Development (2018). Change – Opportunity – Urgency: The Benefit of Acting Sustainably. The 2018 Peer Review on the German Sustainability. www.nachhaltigkeitsrat.de/wp-content/uploads/2018/05/2018_Peer_Review_of_German_Sustainability_Strategy_BITV.pdf

[4] Sachs, Jeffrey; Schmidt-Traub, Guido; Kroll, Christian, Lafortune, Guillaume, Fuller, Grayson (2018): SDG Index and Dashboards Report 2018. www.sdgindex.org/reports/2018

[5] Siehe zur Agenda 2030 die weiteren Beiträge im Themenschwerpunkt der BuB-Dezemberausgabe.

[6] »Kompass Nachhaltigkeit«: www.kompass-nachhaltigkeit.de; »Das zentrale Portal für nachhaltige Beschaffung öffentlicher Auftraggeber«: www.nachhaltige-beschaffung.info/DE/Home/home_node.html; Umweltbundesamt: »Umweltfreundliche Beschaffung: beschaffung-info.de«: www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/umweltfreundliche-beschaffung

[7] IFLA. (2018). Exemplars, educators, enablers: Libraries and Sustainability. How libraries contribute to sustainability. www.ifla.org/publications/node/81763

[8] Vereinte Nationen (2015). Transformation unserer Welt: Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Dt. Fassung. www.un.org/Depts/german/gv-70/band1/ar70001.pdf

[9] Die Bundesregierung (Hrsg.)(2017): Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie – Neuauflage 2016: www.bundesregierung.de/breg-de/service/publikationen/deutsche-nachhaltigkeitsstrategie-neuauflage-2016-730826

[10] Kofi Annan (2015). In Christian Kroll: Die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN: Sind die Industriestaaten bereit? New York: Bertelsmann Stiftung and Sustainable Development Solutions Network (SDSN). S. 4.

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