Phil & Sophie: Philosophieren mit Grundschulkindern

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Unter dem Titel “ Phil & Sophie“ startete im Januar  2014 ein neues und experimentelles Leseförderungsprojekt in der Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt. In der Zweigstelle Bibliothek Krämpfervorstadt, die sich in einer Schule mit Kindern aus über 20 Nationen befindet, treffen sich seitdem monatlich 6 bis 8 Schüler der 3. und 4. Klasse, um über die unterschiedlichsten Themen dieser Welt zu philosophieren.

Gemeinsam mit dem Amt für Bildung und der  diplomierten Philosophin Dietlinde Schmalfuß-Plicht ist dieses Projekt ins Leben gerufen worden. Grundlage jeder Philosophier-Runde ist jeweils ein Kinderbuch.  Dabei verfolgt die Philosophin folgende Aspekte: Alles ist wichtig und über jedes Thema kann nachgedacht werden. Mal ist es die Frage nach dem „Wer bin ich?“ oder es wird überlegt, wo die Grenzen unserer Sprache sind. Kinderrechte wurden ebenso diskutiert wie der Unterschied zwischen einem Dilemma und einem Konflikt.

Ausgangspunkt für die jüngste Runde der Veranstaltungsreihe war das Buch „Steinsuppe“ von Anaïs Vaugelade: Steinsuppe – kann das was sein? Und ganz und gar, wenn der Wolf sie mit dem Huhn zusammen kochen will? Hat der Wolf böse Absichten oder ist er wirklich alt und müde und hungrig? Sind das Huhn und seine Freunde naiv oder tricksen sie den Wolf aus?

Wozu soll das gut sein, mit Grundschulkindern zu philosophieren? Manch einer fragt sich, ob diese Kinder nicht zu jung dafür sind. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Entwicklung einer Fragekultur. Die Kinder sollen Selbst-denken lernen. Es geht in erster Linie darum, das Philosophieren mit Kindern als Tätigkeit auszuüben, den Kindern „Denkfähigkeiten“ zu vermitteln. Die Vermittlung von Philosophie als Wissenschaft (verschiedener Weltanschauungen oder Philosophierichtungen) spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Die Kinder lernen, sich (ihrer) selbst bewusst zu bewegen und ihre Lebenswelt zu gestalten. Philosophieren mit Kindern soll kommunikative Fähigkeiten vermitteln, den vernünftigen Umgang mit anderen fördern, das Selbstvertrauen stärken, Toleranz und Respekt wachsen lassen – durch Zuhören, Gespräch und Akzeptanz.

Bei „Phil & Sophie“ gibt es zwei einfache Grundregeln, an die sich die Kinder gern halten, weil sie ihnen garantieren, von allen ernst genommen zu werden: 1. Es spricht immer nur eine Person. 2. Es gibt nichts Dummes, was gesagt werden kann; alles ist gleichermaßen wichtig. Dadurch werden das Selbstwertgefühl einerseits, aber auch der Respekt und die gegenseitige Achtung andererseits gefördert. Besondere Freude haben die Kinder an den zum jeweiligen Thema passenden Mal- oder Bastelmöglichkeiten. Beispielsweise wurde das Gespräch zum Thema „Freundschaft“ durch das Knüpfen von bunten Freundschaftsbändern begleitet, die Frage nach dem „Wer bin ich?“ durch die Gestaltung von Masken. Das Ergebnis des Nachmittags zum Thema „Kinderrechte“ war die Gestaltung des „Baumes der Kinderrechte“. In den vorhandenen Medien der Bibliothek wird dann weiter „geforscht“.

Dieses Leseförderungsprojekt ist so erfolgreich, dass es nun auch in der großen Kinder- und Jugendbibliothek im Herbst 2015 in einer ‚Zweitauflage‘ fortgesetzt wird.

Dietlinde Schmalfuß-Plicht, betreibt die  „Philosophische Praxis MILAN“. Ihr Hauptaugenmerk liegt darauf, das in der Antike übliche öffentliche Philosophieren wieder zu beleben. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf Erwachsenengruppen, die sich im „Philosophischen Salon Erfurt“ zum Philosophieren treffen, sondern hält es für besonders wichtig, mit Kindern, die ohnehin durch ihre Grundveranlagung des Fragens und Hinterfragens instinktiv die Grundvoraussetzung zum Philosophieren mitbringen, diese Kultur zu beleben und zu pflegen.

(red./25.06.2015) / Zeichnung: Vitalik Gürtler

 

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