Neue Technik für Bibliotheken – Die Firmenmesse in Leipzig

Stolz konnte Heinz-Jürgen Lorenzen, der frisch gewählte Präsident des bibliothekarischen Dachverbands BID, bei der Eröffnung des 5. Bibliothekskongresses in Leipzig die Rekordzahl der Aussteller auf der Messe verkünden: 151 Firmen, Bibliotheken, Institutionen, Verbände und Hochschuleinrichtungen haben ihre Produkte und Dienstleistungen den mehr als 3 500 TeilnehmerInnen – eine weitere Rekordzahl für den Leipziger Kongress – präsentiert. Die Messe ist in Leipzig zwar immer über mehrere Ebenen verteilt, durch die Nähe zu den Vortragsräumen und den Pausentreffpunkten sind die Messestände allerdings mittendrin im Geschehen und noch mehr als bei den beiden vorangegangen Bibliothekartagen in Berlin und Hamburg Teil des regen fachlichen Austausches zwischen Bibliotheksmitarbeitern, Informationsspezialisten und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland.

Die zentralen Themen des Bibliothekskongresses – Bibliotheken als Partner in unterschiedlichsten Netzwerken, die seit Jahren diskutierte Frage nach der Bibliothek als physischem Ort, Erwerbungsmodalitäten von E-Ressourcen, Urheberrecht und Bibliotheken – spiegelten sich auch zu einem großen Teil in den Dienstleistungen der Aussteller wider. Die Angebotspalette reichte von Kassenautomaten der Firma Crown Systems bis zur benutzergesteuerten Erwerbung von E-Books (Patron Driven Acquisition – PDA), die von E-Book-Aggregartoren wie zum Beispiel EBSCO und Schweitzer angeboten wird.

Auf dem größten Messestand zeigte die ekz.bibliotheksservice GmbH unter anderem, wie mit geschmackvollen Sitzmöbeln und Mobiliar für Konsolenspiele die Aufenthaltsqualität in der Bibliothek gesteigert werden kann. Am Stand von subito – Dokumente aus Bibliotheken e.V. konnte man sich vergewissern, dass der Dokumentlieferservice der wissenschaftlichen Bibliotheken auch in Zeiten, in denen das Urheberrecht stark im Umbruch ist, immer noch handlungsfähig ist.

Die ganz große Neuheit suchte man bei der Fachmesse 2013 allerdings vergebens. Neue, innovative Ideen wie die OCLC Worldcat Knowledge Base unter anderem mit dem »License Manager«, und Swets’ Angebot, quasi als Meta-Aggregator den Erwerb von E-Books für Bibliotheken zu vereinfachen, befinden sich seit einiger Zeit in der Entwicklung, etablierte Bibliothekssysteme erfahren immer wieder kleine Ergänzungen und die Einbindung von Social-Media-Anwendungen.

Die Firmen BiBer und Bibliomondo haben jetzt zum Beispiel eine Schnittstelle zu »Librarything for Libraries« für ihre jeweiligen Bibliothekssysteme eingerichtet und ermöglichen so einen interessanten Empfehlungsdienst durch die Nutzung der von über eine Million Librarything-Anwendern aus der ganzen Welt zusammengetragenen Katalogdaten. In Nordrhein-Westfalen nutzen im Rahmen eines Landesprojektes bereits mehrere Bibliotheken die kostenpflichtige Dienstleistung »Librarything for Libraries« als Recommendersystem und schlagen so in ihren OPACs den Bibliothekskunden ähnliche Titel aus ihrem Medienbestand vor, zeigen alternative Ausgaben an, ermöglichen über Tags eine andere Form der inhaltlichen Recherche und integrieren auf einfache Art und Weise eine Kommentarfunktion (siehe hierzu auch den Beitrag von Simon Brenner und Dirk Ehlen: in BuB Heft 4/2012, Seite 280–282). Bibliomondo wird die Librarything-for-Libraries-Anwendung demnächst für die Stadtbibliothek Köln realisieren, BiBer wird diese Erweiterung demnächst allen Kunden mit einem Rundum-Sorglos-Paket anbieten und übernimmt dabei neben der technischen auch die finanzielle Abwicklung mit der Firma Bowker, dem Londoner Anbieter von »Librarything for Libraries«.

Für viele Bibliothekssysteme steht die Entwicklung von Schnittstellen im Vordergrund, die zum Beispiel die Bezahlung von Gebühren über Kassenautomaten, die (gebührentechnische) Überwachung von Schließfächern und die Integration von Wegweisersystemen in den OPAC realisieren. Während Bibliomondo in Leipzig mit einem gemeinsamen Stand die Schnittstelle zu den Kassenautomaten der Firma Crown Systems demonstrierte, zeigte BiBer, wie mit dem Bereitstellen von QR-Codes im OPAC ein Wegweisersystem in der Bibliothek unterstützt beziehungweise installiert werden kann.

Schließfächer mit RFID-Funktion

Interessant auch, wie die Firma Gantner technologies aus Österreich, die mit ihren elektronischen Schließschranksystemen unter anderem Schwimmbäder zu ihren Kunden zählt, ihre Dienstleistung mit der Software von Bibliotheken verbindet. Hier ist es beispielsweise möglich, Schließfächer in Bibliotheken mit RFID-Bibliotheksausweisen auf- und abzuschließen. Die Nutzung der Schließfächer kann per Bibliothekssoftware überwacht werden, bei Überschreiten der zulässigen Nutzungsdauer durch die Kunden könnte automatisch eine Gebühr auf das Kundenkonto gebucht werden. Gantner technologies nahm zum vierten Mal an einem Bibliothekskongress beziehungsweise Bibliothekartag teil und schätzt an Bibliotheken, dass sie mit ihren vielfältigen Anforderungen ein Innovationstreiber für die Produkte ihrer Firma geworden sind. Derzeit haben circa 20 Bibliotheken in Deutschland Schließschranksysteme von Gantner aufgestellt.
Wie breit das Dienstleistungsangebot von OCLC Deutschland mittlerweile ist, konnte man sehr gut an der Größe des Standes ermessen. Hier trafen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Bibliothekssparten aufeinander. Für Öffentliche Bibliotheken ist die kontinuierliche Weiterentwicklung der Bibliothekssoftware BIBLIOTHECAplus und des Web-Opac-Pakets OPEN interessant. OPEN erlaubt über ein Content Management System (CMS) das Einbinden von Veranstaltungskalendern, Foren und diversen Web 2.0-Applikationen. Seit einiger Zeit ist auch ein OPAC für mobile Endgeräte integriert, der – wie bei einigen anderen Bibliothekssystemen – den Zugang zum Bibliothekskatalog über den Browser des Smartphones beziehungsweise iphones ermöglicht und zum Bibliothekskongress in einer überarbeiteten Version vorlag.

Auf steigendes Interesse stößt laut Christian Hasiewicz, OCLC-Vertriebsleiter für Öffentliche Bibliotheken, auch das Angebot, für Öffentliche Bibliotheken das Hosting des Lokalsystems zu übernehmen. Im Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken steht für OCLC Deutschland die Offenheit der Softwareangebote im Mittelpunkt, wie zum Beispiel bei SISIS SunRise, wo durch genormte Schnittstellen und die Nutzung einheitlicher Protokolle andere Dienste, Geräte und Anwendungen problemlos mit der Bibliothekssoftware verknüpft werden können.

Zum ersten Mal war Lichtblau, eine Firma aus Dresden, auf der Messe eines Bibliothekartages beziehungsweise Bibliothekskongresses vertreten. Vorgestellt wurde mit SurveNIR ein mobiles System, mit dem der Papierzustand von Altbeständen zerstörungsfrei vor Ort analysiert werden kann. Die bisherigen Standardmethoden für die Bestimmung des Zustandes waren in der Regel zerstörend, das heißt ausgewählte Seiten des zu untersuchenden Bestandes mussten hierbei quasi durch ph-Stifte oder eine Doppelfalz beschädigt werden. Nach jahrelanger Forschungsarbeit und dem Aufbau einer umfangreichen Referenzdatensammlung kann SurveNIR mit einem Spektrometer, einem integrierten Computer und der speziellen SurveNIR-Software Messwerte zum Säuregehalt, zur Bruchkraft, zum Proteingehalt und so weiter liefern. Dokumente aus der Zeit zwischen 1850 und 1990 sind durch Säurezusätze bei der Papierherstellung zum Teil extrem gefährdet. Die relativ unkomplizierte Analyse mittels nah-infrarotem Licht und dem Abgleich der ermittelten Daten mit der Referenzdatenbank liefert eine Entscheidungshilfe bei der Frage, ob beziehungsweise welche Konservierungsmaßnahmen für den dauerhaften Erhalt des Altbestandes notwendig sind.

Neue Standards beim Scannen

Die Firma Microbox aus Bad Nauheim vertreibt die Scanner »book2net«. Die verschiedenen Scanner sind mit hochauflösenden Flächensensoren ausgestattet, die in puncto Farbqualität und Scangeschwindigkeit neue Standards setzen. Ein mechanischer Scanvorgang, wie sonst bei herkömmlichen Zeilensensoren üblich, findet nicht statt. Die Lebensdauer der Geräte soll sich dadurch deutlich erhöhen. Microbox geht davon aus, dass die wartungsarmen Geräte bis zu 300 Millionen Scans anfertigen können. Kunden sind in der Regel Hochschulbibliotheken beziehungsweise von den Bibliotheken beauftragte Copyshops, die den Bibliothekskunden auf bequeme und schnelle Art Scans der gewünschten Dokumente ermöglichen. Die Kunden können zum Beispiel mit dem Scanner »book2net public« die Scans selbst anfertigen, eine Fehlerkorrektur über die Scansoftware verhilft verrutschten Scans in Sekundenschnelle zu einem optimalen Ergebnis.

Für die Digitalisierung von Altbeständen und andere Scan-Tätigkeiten durch das Bibliothekspersonal gibt es Scanner in verschiedenen Formaten, die mit höhenverstellbaren Buchwippen und darin integriertem selbstöffnenden Glasandruck ausgestattet sind. Für schützenswerte Exemplare aus dem Altbestand, die aufgrund einer sensiblen Rückenbindung nur bis zu einem gewissen Grad aufgeschlagen werden können, wurde der sogenannte V-Scanner »book2net cobra« in Kooperation mit der Bayerischen Staatsbibliothek entwickelt, der mit einer V-förmigen Buchwippe und zwei Flächensensoren schnell und buchschonend für gute Scan-Ergebnisse sorgt. Die gleiche Technologie steht auch über ein Kameragehäuse mit einer Objektivserie der Firma Zeiss zur Verfügung. Mit der Kamera »XPLORE« ist über den 80 Megapixel CMOS-Sensor zum Beispiel die hochauflösende Digitalisierung von großformatigem historischen Kartenmaterial möglich.
Die Firma Aturis hat den Vertrieb für Produkte von Librix Nedap in Deutschland übernommen. Auf dem Leipziger Kongress präsentierten die beiden niederländischen Firmen ein Selbstverbuchungssystem für Kinder im Piratenschiff-Design – ein echter Hingucker. Außerdem zeigten sie mit dem Selbstverbuchungsschrank »Smallest Branch« eine kleine Automatenbibliothek, die zum Beispiel als Ausgabestelle für vorgemerkte Bücher außerhalb der Öffnungszeiten oder als Mini-Zweigstelle in Senioreneinrichtungen eingesetzt werden kann.
Die Munzinger-Archiv GmbH aus Ravensburg, seit Jahrzehnten ein renommierter Anbieter von Faktendatenbanken, hat ihr Angebot in den letzten Jahren kontinuierlich erweitert, 2012 unter anderem mit den Online-Ausgaben der in vielen Bibliotheken vorhandenen Nachschlagewerke »Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG)« und »Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur (KLfG)«. Seit Anfang dieses Jahres ermöglicht Munzinger Bibliothekskunden den Zugriff auf den Streaming-Dienst der NAXOS Music Library mit knapp 1,2 Millionen Klassiktiteln auf 80 000 CDs, außerdem den Onlinezugang zu den Presse-Archiven der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ), der »Süddeutschen Zeitung« und weiteren bekannten Zeitungen und Zeitschriften. Neu im Programm sind auch die Online-Ausgaben der Duden-Wörterbücher.

Über den Remote Access von Munzinger können sich Bibliothekskunden auch von zu Hause für die Nutzung der Datenbanken authentifizieren. Für die Firma Swets Information Services stellt der von Munzinger bereitgestellte Remote Access eine gute Möglichkeit dar, den bereits in den Räumlichkeiten einiger größerer Bibliotheken angebotenen Zugang zum »Library PressDisplay« auch auf die Nutzung an jedem beliebigen Rechner außerhalb von festgelegten IP-Adressbereichen, wie zum Beispiel in einem Campusnetz, auszuweiten.

Zugriff auf 1 900 Zeitungen und Zeitschriften

Mit »Library PressDisplay« haben registrierte Bibliothekskunden rund um die Uhr Zugriff auf circa 1 900 tagesaktuelle Zeitungen und Zeitschriften aus aller Welt und auf ein Archiv, das bis zu 90 Tage zurückreicht. Die hauptsächlich ausländischen Printerzeugnisse werden als digitale Kopie der gedruckten Ausgabe ausgegeben, die Nutzung erfolgt über den PC oder mobile Endgeräte. Eine Volltextsuche, der E-Mail-Versand von Artikeln und der Ausdruck von einzelnen Beiträgen und kompletten Seiten ist möglich, eine Vorlese- und Übersetzungsfunktion runden diesen erstklassigen Service speziell für Bibliothekskunden mit Migrationshintergrund ab, die sich über Zeitungen und Zeitungen in ihrer Heimatsprache aktuell informieren möchten.

Unter den vielen Dienstleistungsangeboten von Swets fällt in diesem Jahr mit der Mendeley Institutional Edition ein neuer Dienst ins Auge, der die Kollaboration von Wissenschaftlern und/oder Studenten unter Einbeziehung von Bibliotheksdienstleistungen ermöglicht. Die cloudbasierte Echtzeitarbeitsplattform Mendeley ist ein Literaturverwaltungsprogramm, das das Organisieren, den Austausch und das Zitieren von wissenschaftlichen Arbeiten und PDF-Dokumenten vereinfacht. Die von Swets veredelte Version ermöglicht Bibliotheken unter anderem die Einbindung von (lizensierten) Online-Beständen und die Nutzungsanalyse dieser Bestände.

Zum Schluss noch ein Wermutstropfen: Der Verein Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung, seit Jahren mit einer großen Themenvielfalt und vielen Mitmach-Aktionen ein integraler Bestandteil der Messen vergangener Bibliothekartage und -kongresse, war zum Bedauern vieler Kongressteilnehmer in diesem Jahr nicht mit einem Messestand dabei, sondern trat lediglich bei der Verleihung des Preises »Zukunftsgestalter in Bibliotheken« in der KIBA-Lounge kurz in Erscheinung. Man konnte sich für 2013 mit den Veranstaltern nicht auf die inhaltlichen und technischen Rahmenbedingungen für eine Präsenz auf der Messe einigen, doch beim Bibliothekartag in Bremen im nächsten Jahr möchte die Zukunftswerkstatt laut der Vereinsvorsitzenden Julia Bergmann wieder mit einem Messestand vertreten sein, um unter anderem das Thema »Coworking-areas in Bibliotheken«, bei dem es um die zeitlich begrenzte Vermietung von Arbeitsumgebungen an Solo-Selbstständige (meist) in Kreativberufen geht, genauer vorzustellen. Und genau diese Ideen rund um die Vernetzung zu Unternehmen, aber auch zu Künstlern, Institutionen und Bildungspartnern bringen die Bibliotheken auf ihrem Weg, ein verlässlicher und unersetzlicher Partner in einer Informationsgesellschaft und einer – lokalen – Bildungslandschaft zu sein, weiter.

Oke Simons (aus BuB Heft 5/2013)

Oke Simons, geboren 1969. Studium 1991 – 1994 an Fachhochschule Hamburg – Fachbereich Bibliothek und Information, danach 1994/95 in der Bibliothek der Fachhochschule Flensburg tätig. 1995 – 2004 in der Stadtbücherei im Kulturzentrum, Rendsburg, seit 2004 in der Büchereizentrale Schleswig-Holstein beschäftigt, zunächst im Lektorat, seit 2011 als Leiter der Leihverkehrs- und Ergänzungsbibliothek. Seit 1994 Mitglied im BIB, im Landesgruppenvorstand seit 2001 und seit 2007 Vorsitzender des BIB-Landesgruppenvorstandes Schleswig-Holstein.

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