Grundsanierung in einem Zug oder flexibel fortschreitende Veränderung?

Dass dies bereits der zweite Bauschwerpunkt in BuB zum Umbau von Bibliotheken innerhalb von zwei Jahren ist, ist nur ein Indiz für die Bedeutung, die das Thema mittlerweile in der Fachdiskussion erlangt hat. Und dieser Trend ist international zu beobachten. Insbesondere die ehemals als westliche Industrienationen bezeichneten Staaten Europas und Nordamerikas haben große Bestände an Öffentlichen aber auch wissenschaftlichen Bibliotheken, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet wurden. Diese Gebäude sind aus verschiedenen Gründen mittlerweile sanierungs- oder zumindest renovierungsbedürftig. Neben den üblichen Alterserscheinungen und dem Verschleiß spielen auch ökonomische, ökologische und nicht zuletzt funktionale Kriterien eine Rolle; nicht zu vergessen die damals verwendeten, heute als Bauschadstoffe oder problematische Baustoffe zu klassifizierenden Materialien, die oft Grund oder Auslöser einer größeren Sanierungsmaßnahme sind.

In Fortsetzung meines in BuB Heft 1/2012 erschienen Beitrages zum Umbau von Bibliotheken [1] möchte ich im Folgenden erläutern, wie sich die damals angerissenen Überlegungen in der praktischen Umsetzung bewähren und den Blick auf die Chancen auch kleinerer räumlicher Entwicklungsprojekte in Bibliotheken lenken. Zudem möchte ich auch die möglichen Begründungen und Ziele von Umbauprojekten etwas fokussieren, da Modernisierung oder Schadstoffsanierung allein in der Regel noch kein überzeugendes Konzept für die neue – alte – Bibliothek darstellen, von dem sich auch Unterhaltsträger oder andere Geldgeber überzeugen lassen. Mein Beitrag enthält auch eine kleine Checkliste zur Konzeption von Umbauprojekten. Beginnen möchte ich zunächst mit dem Kontext von Bibliotheksumbauten, aus dem sich die häufigsten Begründungen ableiten und klassifizieren lassen.

Bibliotheksumbau im Kontext

Nicht nur Großprojekte wie die umfassenden Sanierungen der Universitätsbibliotheken in Konstanz oder Bielefeld, sondern auch kleinere Projekte wie die Teilmodernisierungen in Gebäuden der Zentral- und Landesbibliothek Berlin oder die Umbaumaßnahmen von Teilbibliotheken der Fachbereichsbibliothek Sprache Literatur Medien an der Universität Hamburg zeigen, dass der Umbau von Bibliotheken für die Entwicklung von Bibliotheksraum insgesamt heute eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt und auch Motor weiterer Veränderungen – insbesondere im Bereich der angebotenen Dienstleistungen sein kann. Über die besondere Sensibilität von Umbauprojekten habe ich schon im bereits zitierten Beitrag etwas geschrieben. Eben weil Bibliotheksumbauten in der Regel im laufenden Betrieb und in einem – baulich, strukturell und organisatorisch – festen Kontext stattfinden, sind sie nicht weniger komplex, als Neubauten. Dabei ist es auch nicht entscheidend, ob es sich um eine Grundsanierung in einem Zug oder um die flexibel fortschreitende Veränderung des Gebäudes im Sinne des Opportunistic Incrementalism handelt.

Rechercheplätze des Infozentrums der SUB Hamburg

Welche technischen Infrastrukturen sollen beim Umbau integriert werden, welche räumlichen Möglichkeiten ergeben sich umgekehrt durch den Einsatz dieser Technik? (Rechercheplätze des Infozentrums der SUB Hamburg)
Foto: Olaf Eigenbrodt

Der Blick in die in vielen Fachzeitschriften erscheinenden Praxisberichte aus dem In- und Ausland, aber auch die Anschauung vor Ort zeigen, dass beide genannten Formen des Umbaus häufig vorkommen, auch wenn die schrittweise Veränderung oft nicht als Gesamtprozess wahrgenommen wird. In diesem Zusammenhang möchte ich Umbau- und Sanierungsprojekte, die der baulichen und funktionalen Weiterentwicklung des Gebäude dienen, von solchen unterscheiden, die lediglich zur Beseitigung von Schäden oder problematischen Baustoffen oder dem Austausch von Anlagen dienen. So wird zum Beispiel die derzeit in Planung befindliche umfassende Sanierung von Sicherheitstechnik an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg zu keiner Veränderung der baulichen Qualität führen, auch wenn sie eine für die Zukunftsfähigkeit von Gebäudebetrieb und -sicherheit zentrale Maßnahme ist. Projekte wie dieses, insbesondere wenn sie im laufenden Betrieb durchgeführt werden, verlangen der Bibliothek planerisch und organisatorisch einiges ab, führen aber oft zu keinen sichtbaren Verbesserungen. Dies macht sie auch in der internen und externen Kommunikation schwieriger, da sich in der Regel kaum jemand für neue Rohrleitungen, Kabeltrassen oder Lautsprecher interessiert, die im besten Fall sowieso in der Installationsebene verschwinden.

Anders sieht es in den Fällen aus, in denen sich die Gelegenheit zur Umgestaltung von Bereichen oder der ganzen Bibliothek bietet. Es gibt eine Fülle von möglichen Gründen und Anlässen für solche Maßnahmen, die ich im Folgenden kurz skizzieren möchte.

Zunächst ist der allgemeine Zustand des Gebäudes und/oder der Einrichtung zu nennen. Vielen Bibliotheken sieht man mehrere Jahrzehnte der Nutzung an. Der bauliche Zustand von Fassade, Dächern, Fenstern und Eingangsbereichen ist nicht mehr der Beste, Teppiche sind ausgetreten oder stark verschmutzt und auch andere Einrichtungsgegenstände zeigen deutliche Abnutzungserscheinungen. Hinzu kommt oft der Effekt der »Versperrmüllung«, wenn Räume und Flure mit Gegenständen aus den verschiedenen Perioden des Hauses zugestellt sind und man nicht mehr funktionstüchtige Originalmöbel jeweils im Zeitgeschmack ausgetauscht hat und so ein mehr oder weniger zusammenpassendes Sammelsurium entstanden ist.

Gerade langjährigen Nutzern und Mitarbeitern sind solche Abnutzungserscheinungen oft gar nicht bewusst, da sie sich im Laufe der Zeit entwickeln und nicht wahrgenommen werden. Und selbst wenn manchen jüngeren Nutzern manches Detail einer Einrichtung aus den 1970er-Jahren heute als sympathischer Retrocharme vorkommen mag – hier spielt auch die derzeitige Vintage- und Shabby-Chic-Welle eine Rolle – ist die oft eher dunkle und gräulich-braune Farbgebung nicht ansprechender, wenn auch noch Abnutzungserscheinungen hinzukommen. Bibliotheken, die das Glück hatten, in dieser Zeit mit wertigen und durablen Materialien ausgestattet zu werden, können jenseits vom Zeitgeschmack durch gezielte Renovierung manche Elemente durchaus retten und sogar sinnvoll in ein neues Raumkonzept integrieren. Es ist nicht nur aus denkmalschutzgründen fragwürdig, wenn etwa gut erhaltene Lesesäle der 1950er- bis 1970er-Jahre durch neue ersetzt werden, die sich dann funktional ei-gentlich nicht unterscheiden. Auch das äußere Erscheinungsbild eines Bibliotheksgebäudes aus dieser Zeit kann zum Beispiel dem Ensembleschutz im städtebaulichen Kontext unterliegen, was tiefgreifende optische Veränderungen gegebenenfalls schwierig macht.

Tresen des Infozentrums der SUB Hamburg

Das ästhetisches Konzept der SUB Hamburg wird in modifizierter Form auf alle Bereiche im Haus angewandt, um Insellösungen zu vermeiden: hier der Tresen des Infozentrums.
Foto: Olaf Eigenbrodt

Zur zweiten Kategorie gehören funktionale Gründe. Die bis heute nachwirkende Bestandszentrierung insbesondere Wissenschaftlicher Bibliotheken hat zu einem schleichenden Abbau von Arbeitsplätzen zugunsten von Beständen geführt. Auch wenn hier in der Regel bereits ein Paradigmenwechsel erfolgt ist, sind neuere Lernformen und Bibliothekskonzepte in solchen Räumen oft schwer umsetzbar. Die notwendigen Eingriffe zur intelligenten Zonierung und Neudefinition des Raums können sehr weitreichend sein. In der Regel werden um Platz zu schaffen, Bestände reduziert. Nachdem zunächst vor allem Bibliografien und Periodika in Freihandaufstellung betroffen waren, reduzieren viele Bibliotheken inzwischen auch ihre sonstigen Lesesaal- und Freihandbestände, deren geringe Nutzung den Platzverbrauch nicht mehr rechtfertigt. Hier machen sich die Folgen der Digitalisierung positiv bemerkbar.

Aber auch im Bereich der Dienstleistungen führen Nutzungsänderungen zu räumlichen Veränderungsbedarfen. An vielen Stellen sind noch die Lücken erkennbar, die die frei aufgestellten Zettelkataloge im Raumkonzept hinterlassen haben. Gleichzeitig führen die Einführung RFID-gestützter Selbstbedienung und Automatisierung zu Nutzungsänderungen, die räumliche Konsequenzen haben. Während die Einbindung der neuen Geräte in den räumlichen Zusammenhang heute aufgrund der Auswahl an Gestaltungen und Farben in der Regel kein Problem mehr darstellt, gilt es, die etwa durch den Wegfall von Theken entstehenden Lücken sinnvoll zu füllen. Einen Sonderfall funktionaler Änderungen stellen Mitarbeiterbereiche dar. Insbesondere die Transformation klassischer Bürokonzepte in Richtung neuerer Formen der Zusammenarbeit etwa in Kombibüros stellt aufgrund des Zuschnitts von Räumen und Bürofluren in der Regel ein Problem dar.

Veränderte Nutzererwartungen und steigender Nutzungsdruck sind weitere Gründe, über die Weiterentwicklung von Räumen nachzudenken. Insbesondere jüngere Nutzer haben heute andere Erwartungen an Öffentliche und auch wissenschaftliche Bibliotheken als die Generationen vor ihnen. Dies betrifft Arbeitskulturen, den Umgang mit Medien, die Einstellung zu Kommunikation und Verhalten in der Bibliothek sowie die Erwartungen an die Konvergenz digitaler und physischer Umgebungen. Gleichzeitig werden aber nach wie vor auch »klassische« Arbeitsumgebungen in der Bibliothek gesucht, die ruhiges und konzentriertes Arbeiten fördern. Viele Bibliotheken beobachten gleichzeitig eine steigende Zahl von Nutzern und insbesondere eine immer längere Verweildauer.

Dies führt unter anderem zu überfüllten Räumen, einer höheren Belastung von Einrichtung und Ausstattung aber auch zu Problemen mit Lärm und Luftqualität. Das undifferenzierte Open Space-Konzept vieler Bibliotheksgebäude aus der funktionalistischen Phase mit seiner monofunktionalen Struktur von zwischen Freihandbeständen verteilten Arbeitsplätzen steigert diese Belastungen zusätzlich. Neben der schon erwähnten Zonierung und dem Abbau von Beständen werden hier oft Umwidmungen ganzer Bibliotheksbereiche oder sogar Erweiterungen notwendig.

Es ist offensichtlich, dass die genannten Kategorien von Gründen eng zusammenhängen und in der Regel nicht nur ein Grund ausschlaggebend für die Entscheidung eines Umbauprojekts sein wird. Im Idealfall werden sämtliche für die Einrichtung relevanten Probleme in einem Projekt – sei es in einem Zug oder schrittweise – angegangen. Auch die Kombination einer Schadstoffsanierung oder einer grundlegenden Sanierung etwa der Klimatechnik ist wegen der mit solchen Maßnahmen verbundenen umfangreichen Rückbauten nicht selten. Die Weiterentwicklung eines Bibliotheksraums sollte aber im weiteren Verlauf nicht von solchen Notwendigkeiten und Begründungen bestimmt sein, sondern sich an klaren Zielen und Visionen orientieren, die die individuelle Situation und die Ziele der Einrichtung insgesamt ein-beziehen.

Ziele und Visionen

In ihrem Beitrag zur räumlichen Weiterentwicklung von Hochschulbibliotheken weist Sheila Cannel zu Recht darauf hin, dass die Entwicklung einer Vision und einer strategischen Zielvorstellung für die Planung eines räumlichen Veränderungsprojekts mindestens genauso wichtig sind, wie für einen Neubau.[2] Dazu ist zunächst eine individuelle Analyse des Bestandes und des Umfelds notwendig. Nicht alles, was in den Begründungen genannt wurde, trifft auf alle Bibliotheken zu. Andererseits bringen die Verhältnisse vor Ort ganz andere Herausforderungen mit sich, die sich nicht einfach generalisieren lassen. In Anlehnung an den erwähnten Beitrag von Cannel sollten sich Einrichtungen, die sich in einen solchen Prozess begeben, folgende Fragen stellen:

Welche Ziele verfolgen wir in Hinblick auf Service und Infrastruktur generell?

Wie kann die räumliche Weiterentwicklung dazu beitragen?

Welche Erwartungen unserer Nutzer und Unterhaltsträger müssen wir berücksichtigen?

Welche Verbesserungen können wir für die Mitarbeiter erreichen?

Welche Qualitäten der bestehenden Räume wollen wir erhalten?

Welche Arbeitskulturen und Nutzertypen wollen wir in die Bibliothek einladen?

Passen diese zu unseren Aufgaben und institutionellen Zielen?

Wie sehen wir die Zukunft insbesondere unserer Freihandbestände?

Welche technischen Infrastrukturen wollen wir integrieren, für welche Vorkehrungen treffen?

Welche räumlichen Möglichkeiten ergeben sich umgekehrt durch den Einsatz dieser Technik?

Wie erreichen wir eine möglichst weitgehende Konvergenz realer und digitaler Räume?

Wie können wir die Weiterentwicklung nutzen, um weitere Veränderungen anzustoßen?

Die Beantwortung dieser und weiterer individuell entwickelter Fragen kann zum Beispiel innerhalb eine Workshops mit Mitarbeitern geschehen, wodurch nicht nur die Beteiligung von vorn herein sichergestellt ist, sondern auch Ideen aus der täglichen Routine einfließen können. Die anschließende Formulierung von Zielen ist der erste und aus meiner Sicht wichtigste Teil eines Konzepts zur Einleitung eines Weiterentwicklungsprojekts. Wie bei jedem Bauprojekt sollten die Ziele auf drei Kernsätze reduzierbar sein. Dies erleichtert die Kommunikation und das Verständnis des Projekts. Bei der Konzeption von Umbauprojekten sind jedoch noch weitere Punkte zu beachten. Der folgende Abschnitt gibt einige Hinweise dazu, die auch als Checkliste betrachtet werden können.

Konzeption von Umbauprojekten

Zunächst ist die Herangehensweise an Umbauprojekte nicht wesentlich anders, als diejenige an einen Neubau. Zunächst empfiehlt es sich, den gesamten Raum abstrakt zu sehen und entlang der entwickelten Visionen und Ziele ein Bedarfsprogramm aufzustellen. Gerade bei einem vorhandenen Bestand fällt es oft schwer, sich von den Gegebenheiten zu lösen. Hier hilft eine vorgeschaltete Evaluation der Räume zur Klärung von Stärken und Schwächen. So kann man sich Klarheit darüber verschaffen, welche Änderungen überhaupt notwendig sind. Es folgt eine Analyse des Bestandes in Hinblick auf den festgestellten Bedarf. Was ist erfüllt, was lässt sich realisieren und was ist in den gegebenen räumlichen Verhältnissen nicht umsetzbar, weil etwa die notwendigen Flächen nicht vorhanden sind oder der Grundriss der Räume dies nicht zulässt? Spätestens nach diesem Schritt sollte der erste Teil eines Konzeptes entwickelt werden, den man dann intern und mit Unterhaltsträgern diskutieren kann.

Diese Abstimmung führt im besten Falle zu einer Auftragsklärung und einer Einigung über Umfang und Ziele des geplanten Projekts. Hierzu gehört auch die Sicherung einer Finanzierung mindestens bis zur ersten Kostenschätzung, die bei externer Beauftragung den Leistungsphasen 1-2 entspricht. Die hiermit verbundene Grundlagenermittlung und Vorplanung ist bei allen größeren Maßnahmen zu empfehlen, da hier die aus bibliothekarischer Sicht ermittelten Ergebnisse zum Bestand abgesichert und auf eine für Unterhaltsträger und sonstige Geldgeber nachvollziehbare Grundlage gestellt werden können. Im Idealfall enthält ein fertiges Konzept alle beschriebenen Teile von der Zielformulierung bis zur Kostenschätzung. Insbesondere bei kleineren Projekten, bei denen auf die Begleitung durch (gegebenenfalls externe) Architekten verzichtet wird, müssen Grundlagenermittlung und Kostenschätzung unter Einbeziehung von Firmen erstellt werden, die die einzelnen Gewerke prüfen und Kostenschätzungen erstellen können.

Checkliste zur Konzeption eines Umbauprojektes

• Ziele und Visionen entwickeln (eventuell Workshop)

• Stärken- und Schwächenanalyse

• Bedarfsprogramm / Raumprogramm

• Interne Abstimmung

• Abstimmung mit Unterhaltsträgern

• Auftragsklärung

• Finanzierung Grundlagenermittlung und Vorplanung/Kostenschätzung

• Beauftragung Leistungsphasen 1-2

• Zusammenführen der Ergebnisse zum fertigen Konzept

Praktische Umsetzung der flexibel fortschreitenden Veränderung

Im bereits zitierten Beitrag in BuB Heft 1/2012 ging es unter anderem um das Thema der schrittweisen Veränderung nach einem Gesamtkonzept oder »Masterplan«. Im Folgenden möchte ich dieses damals eher theoretisch formulierte Konzept unter anderem anhand eigener Praxiserfahrungen weiterentwickeln und mit der Realität abgleichen. Ausgangspunkt war die Frage, wie Bibliotheken auch in Zeiten verknappter Budgets und schwieriger Haushaltslagen Veränderungen durchführen können.

Angelehnt an »Opportunistic Incrementalism«, also eine Strategie der sich flexibel anpassenden Veränderungen, geht man dabei zunächst davon aus, dass die Veränderungen einer übergreifenden Idee folgen müssen. Eine Zielentwicklung im oben beschriebenen Sinne gestaltet sich insbesondere in großen Institutionen aufgrund der Vielzahl potenzieller Akteure und divergierender Interessen oft etwas schwierig. Oft stehen die Ziele und Visionen für einen Bereich bei der Konzeption anderer Bereiche noch nicht fest. Hier hilft eine klare Vorstellung der Leitung darüber, in welche Richtung die Bibliothek sich generell entwickeln soll.

An der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (SUB) hat es sich zudem bewährt, das ästhetische Konzept vom funktionalen zu trennen. Dies geschieht nicht nur, weil nicht zu Beginn des Veränderungsprozesses alle in den kommenden Jahren zu modernisierenden Bereiche schon funktional genau festgelegt werden sollen, sondern auch, weil das ästhetische Gesamtkonzept nicht Gegenstand von Einzelabstimmungen werden soll. Dies würde wiederum zu Insellösungen ohne ein belastbares Gesamterscheinungsbild führen.

So wurde an der SUB zum Beispiel in enger Zusammenarbeit mit einem lokalen Architekturbüro ein ästhetisches Konzept formuliert, das in modifizierter Form auf alle Bereiche im Haus angewandt werden kann. Dazu gehört dann auch die Entscheidung, bestimmte prägende Elemente des 1982 eröffneten Hauptgebäudes zu erhalten und – wo nötig – wieder hervorzuheben. Ein auch bei Projekten anderer Bibliotheken zu beobachtender Aspekt ist die Erhaltung von Flexibilität innerhalb des Prozesses. Ein Vorteil schrittweisen Vorgehens ist die ständige Evaluation.

Flexibel fortschreitende Veränderung bietet etwa die Möglichkeit, Materialien und Möbel an einer Stelle auszuprobieren und nur dann wieder einzusetzen, wenn sie sich dort bewährt haben. In der SUB ist eine bestimmte Ausführung eines Stuhlmodells etwa wegen mangelnder Belastbarkeit der Oberflächen für den Einsatz in öffentlichen Bereichen wieder ausgeschieden. Im Planungsprozess konnten wegen der langen Laufzeit des Gesamtprojekts auch Strategien aus der nutzungsorientierten Landschaftsplanung eingesetzt werden. Nach der Fertigstellung des neuen Informationszentrums im Herbst 2012 wurden bestimmte Bereiche bewusst freigelassen und die Nutzung zunächst beobachtet. Das derzeit mit den Architektinnen erarbeitet Konzepte für diese Flächen folgt den Nutzungen, die sich dort entwickelt haben.

Aber auch die Nachteile von flexibel fortschreitender Veränderung werden in laufenden Projekten deutlich. So berichtete mir etwa eine amerikanische Kollegin, dass ihr Projekt finanziell ausgetrocknet war, weil die negative Reaktion der Nutzer auf die ersten Veränderungen den Unterhaltsträger am Sinn der Maßnahmen zweifeln ließ. Hier empfiehlt sich die frühzeitige Einbindung aller Beteiligten. Unter anderem wird an der SUB derzeit eine Nutzerbefragung mit dem Fokus auf Räumen und Dienstleistungen durchgeführt. Ein Monitoring und gegebenenfalls qualitative Erhebungen sollen folgen. Dafür macht sich an der SUB in einigen Bereichen bereits Ungeduld bemerkbar. Je mehr Bereiche des Hauses modernisiert sind, desto häufiger werden die Nachfragen von Mitarbeitern und Nutzern, wann denn der eigene Arbeitsbereich endlich auch weiterentwickelt wird. Hier ist man mit dem Komplettumbau in einem Zug eindeutig im Vorteil.

Fazit

Die Bedeutung des Themas »räumliche Weiterentwicklung« innerhalb der Bibliotheksdebatte wird durch die Vielzahl an aktuellen Projekten noch unterstrichen. Gerade weil hierzu bisher ausführliche Handreichungen und Praxisleitfäden fehlen, empfiehlt sich der Blick in Fachbeiträge zu generellen Fragen und zur Best Practice.

Gerade für in diesem Bereich unerfahrene Kollegen sind Checklisten und eine genaue Planung und Absprache der Projekte wichtig. Der Blick in die Praxis zeigt zudem, dass das Konzept der flexibel fortschreitenden Veränderung erfolgreich umgesetzt kann, wenn die individuellen Rahmenbedingungen der jeweiligen Bibliothek berücksichtigt werden und die Flexibilität im Prozess gewährleistet werden kann.

Olaf Eigenbrodt (aus BuB Heft 4/2014)

 

Olaf Eigenbrodt istLeiter der Hauptabteilung Benutzungsdienste und Baubeauftragter der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky sowie Lehrbeauftragter am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben den Themen Bibliotheksbau, Nutzung von Bibliotheken und Projektmanagement beschäftigt er sich intensiv mit bibliothekssoziologischen Fragestellungen. Er ist Mitherausgeber dieser Zeitschrift.


[1] Olaf Eigenbrodt: Vom neuen Anstrich zur flexibel fortschreitenden Veränderung: Renovierung, Sanierung und Umbau von Bibliotheken in wirtschaftliche schwierigen Zeiten. In: BuB Heft 1/2012, S. 34-37

[2] Sheila Cannell: A Great Opportunity: Redeveloping Library Space. In: Graham Matthews, Graham Walton (Hrsg.): University Libraries and Space in the Digital World. Farnham; Burlington: Ashgate, 2013. S. 101-117, S. 106

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