Die Feuerwache und die Bibliothek – eine dauerhafte Beziehung

Die neue Stadtbibliothek im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick: Links der Altbau, ein altes Feuerwehrhaus, und rechts der moderne Neubau. Fotos: Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin

Die neue Stadtbibliothek im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick: Links der Altbau, ein altes Feuerwehrhaus, und rechts der moderne Neubau. Fotos: Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin

 

Berlin ist eine große Stadt. In vielen Ortsteilen wird gebaut. Es werden Lücken und freie Flächen geschlossen. Für Wohnungsbau, für Gewerbe und Industrie, für Verkehrsbau – Straßen, Autobahn und auch »der« Flughafen – sowie für die  öffentliche und soziale Infrastruktur werden Gebäude errichtet. Dazu gehören auch die Bauten für Bildung, Kultur und Wissenschaften. Auch die öffentlichen Bibliotheken sind dabei vertreten.  In Treptow-Köpenick ist ein neuer Bibliotheksbau entstanden.

Treptow-Köpenick ist mit 168 Quadratkilometern der flächenmäßig größte Bezirk in Berlin. Er liegt im Südosten der Stadt und besteht zu rund 50 Prozent aus Wäldern und Gewässern. Hier  leben in zehn Ortsteilen etwa 253 000 Einwohner. Es gibt keinen bevölkerungsreichen zentralen Stadtraum. Infolge der naturräumlichen Gliederung des Bezirks und der Streuung der Ortsteile haben sich nur lokale Zentren gebildet. Der Bezirk hat mit 45,5 Jahren einen relativ hohen Altersdurchschnitt. Rund 25 Prozent der Bevölkerung sind 65 Jahre und älter. Treptow-Köpenick verfügt über einen überdurchschnittlichen Sozialindex. Die Migrations- und Ausländerquote ist mit unter zehn Prozent die geringste der Berliner Bezirke.

»Die Kommunen haben seit vielen Jahren Haushaltsprobleme. Freiwillige kommunale Aufgaben, wie zum Beispiel Bibliotheksbauten, brauchen Fördermittel und Zuschüsse um realisiert zu werden.«

Die Stadtbibliothek Treptow-Köpenick bedient diese Rahmenbedingungen mit ihren Einrichtungen und Standorten. Sie ist organisatorisch ein Fachbereich im Amt für Weiterbildung und Kultur, zu dem auch die Musikschule, die VHS und der Fachbereich Kultur mit dem Regionalmuseum gehören. Das Bibliothekssystem hat seit 2001, mit der Fusion von Treptow und Köpenick zu einem gemeinsamen Bezirk, in einem harten Prozess 16 Standorte, überwiegend zu klein und/oder für den Bibliotheksbetrieb ungeeignet, aufgegeben. Der Prozess ist abgeschlossen. Das Bibliothekssystem besteht jetzt aus zwei Mittelpunktbibliotheken, die gemeinsam die Funktion einer Bezirkszentralbibliothek wahrnehmen, vier Stadteilbibliotheken und der Fahrbibliothek mit einem Bücherbus. Die neue Struktur war nur mit dem Neubau der beiden Mittelpunktbibliotheken erfolgreich umzusetzen.

Die politischen Gremien, die Verwaltung und die Beschäftigten der Stadtbibliothek haben diese Absicht beschlossen und umgesetzt. Das hatte seinen Preis. Der Bezirk hat für die beiden Neubauten jeweils rund 5 Millionen Euro investiert. Die Stadtbibliothek hat gut 40 Prozent des Personals einsparen müssen. Die Sachausgaben und der Medienetat waren für viele Jahre begrenzt. Die Mittelpunktbibliothek Köpenick im gleichnamigen  Ortsteil mit rund 65 000 Einwohner*innen wurde im November 2008 eröffnet. Die Mittelpunktbibliothek Treptow im Ortsteil Schöneweide mit ebenfalls rund 65 000 Einwohner*innen wurde im April 2015 eröffnet.

Bauen im Bestand – Standort und Planungen

Die neue Bibliothek sollte an einem zentralen Ort im Ortsteil errichtet werden. Dafür wurden drei bestehende Standorte geschlossen, die nicht als Ersatzfläche zur Verfügung standen. Als Vorgabe des Trägers war zu berücksichtigen, dass Grundstücke nicht gekauft oder Räume gemietet werden dürfen. Es musste ein Baugrundstück im öffentlichen Eigentum gefunden werden. Die Auswahl war klein und richtete sich schnell auf eine Feuerwache aus der Kaiserzeit in der gewünschten Lage.

Die denkmalgeschütze Feuerwache wurde 1907 bis 1908 vom Architekten Karl Alfred Herrmann erbaut.

Die denkmalgeschütze Feuerwache wurde 1907 bis 1908 vom Architekten Karl Alfred Herrmann erbaut.

Das Bibliothekskonzept mit seinen Anforderungen und der gewählte Standort mussten nun eine Machbarkeitsstudie durchlaufen. Die Hürde wurde genommen und das Projekt als machbar befunden. Langsam, aber sicher traten dann der Finanzbedarf und die Finanzierung in den Vordergrund. Die Kommunen haben seit vielen Jahren Haushaltsprobleme. Freiwillige kommunale Aufgaben, wie zum Beispiel Bibliotheksbauten, brauchen Fördermittel und Zuschüsse um realisiert zu werden. Für unser Bauprojekt wurden EU-Fördermittel aus dem EFRE-Programm BIST (Bibliotheken im Stadtteil) bewilligt, die für den Neubau verwendet wurden. Zur Instandsetzung des Altbaus wurden Mittel der Stadterneuerung und zum Denkmalschutz von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zugewiesen.

Den Architekturwettbewerb hat das Büro Chestnutt_Niess Architekten BDA, Berlin für sich entschieden. Als Referenzen im Bibliotheksbau wurden die Bibliothek am Luisenbad, Berlin-Mitte, und die Bibliothek der Fachhochschule Wildau in Brandenburg nachgewiesen. Hier gab es Erfahrungen mit RFID-Geräten, die auch für unseren Bau vorgesehen waren. Für die mobile Bibliotheksausstattung wurde Serafini Projects, Iserlohn, als Lieferant ausgewählt.

Die alte Feuerwache: Grundsteinlegung – Richtfest – Abnahme und Eröffnung

Diese Prozessschritte dauerten von 2012 bis 2015. Sie teilten sich in die Sanierung der denkmalgeschützten Feuerwache und den Neubau der Bibliothek.

Die Feuerwache wurde 1907/1908 vom Architekten Karl Alfred Herrmann erbaut. Sie war Sitz der Freiwilligen Feuerwehr und ab 1920 der Berufsfeuerwehr. Das Haus hatte nur geringe Kriegsschäden und wurde von 1976 bis 1990 von der Freiwilligen Feuerwehr und der Verkehrspolizei genutzt. Es folgte Leerstand und die Nutzung durch kulturelle und soziale Vereine. Die Feuerwache war bei Baubeginn in allen Teilen sanierungsbedürftig. Grundlage für die Erneuerung bildeten restauratorische Gutachten. Aufwendig musste Hausschwamm in Deckenbalken und Mauerwerk bekämpft werden.

Das historische Haupttreppenhaus wurde in seinen Urzustand zurückgeführt. Da keine weitere Treppe als baulicher Fluchtweg in das Gebäude, insbesondere in den sechsgeschossigen Turm, eingefügt werden konnte, bleibt die öffentliche Nutzung auf das Erd- und erste Obergeschoss beschränkt. In den Turm wurden Technikräume verlegt. Das Dach erhielt nach historischem Vorbild eine Deckung mit Biberschwanzziegeln. Bei der Fassadensanierung wurde darauf geachtet, die Patina und somit Alter und Würde des Baudenkmals zu erhalten. Im Altbau findet die Verwaltung ihren Platz. Einzelne Räume im unteren Teil des Turms konnten für die Bibliotheksnutzung verwendet werden. Die alte Wagenhalle im Erdgeschoss wurde zum Veranstaltungsraum mit bis zu 90 Plätzen. Hier wurde das letzte erhaltungsfähige Eingangstor zur Wagenhalle aufgestellt.

Neu- und Altbau umschließen einen schön gestalteten Innenhof.

Neu- und Altbau umschließen einen schön gestalteten Innenhof.

»Die drei Ebenen der Bibliothek sind durch Lufträume verbunden und durch einzelne große Fenster nach außen und Fensterfronten zum Hof markant gestaltet, die interessante Ein-, Durch- und Ausblicke bieten.«

Der Neubau, der die Bibliothek aufnimmt, zielt auf eine Integration der beiden Gebäudeteile. Ein neues Ensemble von zwei sich aufeinander beziehenden Baukörpern entsteht durch eine subtile geometrische Operation im Grundriss. Die Grundform  gleicht einer Spirale, die den Turm der »Alten Feuerwache« als Dreh- und Angelpunkt nutzt. Das ergibt ein Gebäudering, der den ruhigen Lesehof von der Umgebung abgrenzt. Die Außenhaut des Neubaus greift das Ziegeldach auf und kehrt seine Massivität um, indem eine vorpatinierte, anthrazitfarbene Zinkblechverkleidung verwirklicht wurde.

Die drei Ebenen der Bibliothek sind durch Lufträume verbunden und durch einzelne große Fenster nach außen und Fensterfronten zum Hof markant gestaltet, die interessante Ein-, Durch- und Ausblicke bieten. Ein wesentliches Gestaltungsmerkmal des Hauses ist der Fußboden. Das Untergeschoss ist mit lichtgrauem Linoleum belegt. Im Erd- und Obergeschoss ist das Linoleum hellgrün und in der Wagenhalle »feuerwehrrot«. Im internen Bereich ist Anthrazit die Farbe für den Bodenbelag. Was bunt erscheint, ist ein abgestimmtes Farbkonzept. Die Wirkung ist hell, freundlich und einladend, was durch teilweise raumhohe helle Holzpaneele im Obergeschoss und Sichtbeton  unterstützt wird. Die vom Architekten entworfenen Wandregale, Tische und Stühle, die Möblierung in Weiß und Anthrazit von Serafini harmonieren gut miteinander. Es gibt eine lockere und abgestimmte Raumwirkung.

»In dieser Bibliothek wurden drei Standorte zusammengeführt. Die Medienangebote und Dienstleistungen sind erweitert. Die Besuche und die Inanspruchnahme der Angebote entsprechen den Erwartungen.«

Die Bibliothek wurde von Anfang an für die Aufstellung von RFID-Ausstattung geplant. Es sind drei Selbstverbucher, teilweise mit EC-Zahlfunktion, und ein Rückgabeautomat mit zwei Zugängen und Anschluss an eine fünfteilige Sortieranlage eingebaut. Ein Sicherungsgate ist vorhanden. Ein besonders gern genutztes Angebot ist die Außenrückgabe. Sie ist an sieben Tagen 24 Stunden zugänglich.

In dieser Bibliothek wurden drei Standorte zusammengeführt. Die Medienangebote und Dienstleistungen sind erweitert. Die Besuche und die Inanspruchnahme der Angebote entsprechen den Erwartungen. Die erweiterten Aktivitäten in der Leseförderung werden von der benachbarten Grundschule, deren Schüler durch ein Tor vom Schulgelände direkt zur Bibliothek kommen können, stark genutzt.

Die Bibliotheksverantwortlichen sehen sich mit dieser Bibliothek, die den Schlusspunkt der neuen Bibliotheksstruktur in Treptow-Köpenick darstellt, für die Zukunft gut aufgestellt. Im Juni 2016  wurde der Mittelpunktbibliothek Treptow »Alte Feuerwache« der »Architekturpreis Berlin 2016« verliehen.

Jürgen Radzkowski, 6.9.2016

 

Der Autor

Jürgen Radzkowski arbeitet als Fachbereichsleiter Bibliotheken beim Amt für Weiterbildung und Kultur in Treptow-Köpenick

 

Im Altbau der Bibliothek, der ehemaligen Feuerwache, erfahren die Besucher den Charme vergangener Tage.

Im Altbau, der ehemaligen Feuerwache, ist der Charme vergangener Tage zu sehen.

Der Übergang vom Alt- zum Neubau ist deutlich zu erkennen.

Der Übergang vom Alt- zum Neubau ist deutlich zu erkennen.

Klare Strukturen, Licht und eine großzügige Raumaufteilung dominieren den modernen Neubau.

Klare Strukturen, Licht und eine großzügige Raumaufteilung dominieren den modernen Neubau.

Etwa 64.000 Medieneinheiten gibt es derzeit in der Stadtbibliothek Treptow-Köpenick. 75.000 sollen es werden.

Etwa 64.000 Medieneinheiten gibt es derzeit in der Stadtbibliothek Treptow-Köpenick. 75.000 sollen es werden.

Ein Blick von alt nach neu.

Ein Blick von alt nach neu.

Etwa fünf Millionen Euro hat der Berliner Stadtbezirk Treptow-Köpenick für den Neubau von zwei Mittelpunktbibliotheken investiert.

Etwa fünf Millionen Euro hat der Berliner Stadtbezirk Treptow-Köpenick für den Neubau von zwei Mittelpunktbibliotheken investiert.

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