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Die Welt der Bibliotheken befindet sich in einem noch nie da gewesenen Umbruch. Für das Überleben der einzelnen Einrichtungen ist es essenziell wichtig, diesen Prozess nicht nur passiv zu begleiten, sondern aktiv mitzugestalten. Welche Aufgaben dabei auf wissenschaftliche Bibliotheken zukommen, beschreibt Professor Klaus Tochtermann:

Die folgenden Ausführungen zur Charakterisierung der wissenschaftlichen Bibliothek basieren auf mehreren Säulen, die – ausgehend von den derzeitigen Entwicklungen – als komplementäre beziehungsweise sich beeinflussende Schwerpunkte im Hinblick auf die Erwartungen von Bibliothekskundinnen und -kunden in den nächsten Jahren als relevant eingestuft werden. Dabei wird insbesondere Bezug auf zurzeit aktuelle Forschungsthemen im Umfeld der Informationsinfrastrukturen genommen. Hierzu zählen Web Science und Science 2.0.

Web Science versteht das World Wide Web als ein soziotechnisches Phänomen und basiert auf einem tiefen technologischen Verständnis aktueller Web-Technologien. Es adressiert Forschungsbereiche, die von Informatik bis Informationswissenschaft reichen. Zentrale Fragestellungen in Web Science befassen sich mit dem Design und Effekten von web-basierten Kommunikations-, Informations- und Forschungsumgebungen, mit Dynamiken von neuen Publikations-, Forschungs- und Kollaborationsprozessen, mit der Analyse von Nutzerverhalten und Nutzungsmustern sowie der Analyse von Webinhalten.

Science 2.0 beschäftigt sich noch spezieller als Web Science mit der Erschließung von neuen Forschungs- und Entwicklungsfeldern, die sich durch den Einsatz neuer, insbesondere partizipativer und kollaborativer Technologien des Internets in allen Phasen der Forschung eröffnen.

Für Science 2.0 stehen drei Fragenkomplexe im Mittelpunkt: Neue Arbeitsgewohnheiten: Wie verändert das Internet mit seinen neuen Möglichkeiten, speziell dem Social Web, Arbeitsgewohnheiten von Forschenden sowie die heutigen Forschungs- und Publikationsprozesse in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen? Technologieentwicklung: Wie können die bestehenden/tradierten Forschungsprozesse durch Science 2.0 Unterstützung finden? Wie können Werkzeuge des Science 2.0 heutige Forschungsprozesse innovieren? Nutzungsforschung: Welche neuen Formen der Wissenschaftskommunikation innerhalb der Forschungsgemeinschaft, aber auch zwischen Öffentlichkeit und Forschungsgemeinschaft, werden durch Science 2.0 ermöglicht und wie werden die dafür nötigen Werkzeuge genutzt?

Integration von Forschung und Lehre

Dieser Bereich ist gekennzeichnet durch eine enge Zusammenarbeit mit Studierenden, Forschenden und Lehrenden und dem Ziel, eine benutzerfreundliche und bedarfsgerechte »integrierte Informationsinfrastruktur« als Forschungs-, Lern- und Lehr-Ort zur Verfügung zu stellen.

Diese Infrastruktur bietet Kundinnen und Kunden von Bibliotheken neben den physikalischen Gebäuden auch informationstechnologisch ausgestaltete Arbeitsumgebungen, die den Zugang zu virtuellen und disziplinenabhängigen Forschungsumgebungen ermöglichen und die jederzeit von überall aus erreichbar sind. Sie sind damit das natürliche Bindeglied zwischen dem realen Lern-, Lehr- und Forschungsraum und dessen virtuelle Erweiterung speziell in den sozialen Netzwerken.

Integration von Menschen und Dokumenten

Außerhalb der Welt der Bibliotheken lassen sich derzeit zwei große Trends erkennen: Soziale Netzwerke und immer besser werdende und zunehmend personalisierte Suchmaschinen, denen zunehmend semantische Technologien zugrunde liegen. Allerdings sind beide Trends derzeit stark von einander abgegrenzt. Soziale Netzwerke haben Zugang zu den Menschen, Suchmaschinen zu den Dokumenten. Und Bibliotheken verknüpfen mit ihren Services beides: Menschen und Dokumente.

Diese Ausgangslage erkennend bieten Bibliotheken zukünftig Dienstleistungen an, die die Zusammenarbeit von Forschenden unterstützen, zum Beispiel über verschiedene Standorte verteilte Forschungsteams innerhalb einer virtuellen Forschungsumgebung, und die für die jeweilige Gruppe benötigten Zugänge zu themenrelevanten Dokumenten berücksichtigen. Semantischen Technologien mit ihren Vokabularen wie Dublin Core (für bibliografische Daten), Friend of a Friend (für soziale Beziehungen) oder Simple Knowledge Organisation System (für Begriffssysteme) sowie Infrastrukturen wie die Linked Open Data Cloud kommt hier eine bedeutende Rolle zu.

Darüber hinaus öffnen sich wissenschaftliche Bibliotheken immer mehr für ihre Kundengruppen, um gemeinsam mit und für diese Kundengruppen neue Dienstleistungen zu entwickeln – oft auch disziplinenübergreifend. Beispiele sind etwa kundenbezogene Weiterentwicklungen von Fachportalen, virtuelle Forschungsumgebungen oder Infrastrukturen für das Management von Forschungsdaten et cetera.

In diesem Kontext bringen wissenschaftliche Bibliotheken ihre Kundschaft im Sinne des Open Innovation-Ansatzes bereits bei der Gestaltung von Neuerungen aktiv ein und entwickeln so gemeinsam bedarfsgerechte Produkte und Services. Zu den Stakeholdern sind neben den Kundinnen und Kunden auch Wissensträger im technologischen Bereich zu zählen, die über Forschungsaktivitäten die künftigen Entwicklungen in der Bibliotheksdomäne beeinflussen.

Allgegenwärtige Informationsvermittlerin

Wissenschaftliche Bibliotheken werden als realer Lern- und Forschungsraum zukünftig an Bedeutung gewinnen, insbesondere als Gegen- und Ruhepol zu den allgegenwärtigen virtuellen Möglichkeiten der beschleunigten wissenschaftlichen Kommunikation und Interaktion. Als Folge der informationstechnologischen Innovationen meistern Bibliotheken die Herausforderung, um auf der einen Seite als ruhiger und »realer« Lern- und Arbeitsort zu dienen. Auf der anderen Seite positionieren sich die wissenschaftlichen Bibliotheken als Informationsvermittler allgegenwärtig zwischen der realen und virtuellen Forschungswelt.

Hierfür ist ein Paradigmenwechsel zu vollziehen: Die Vergangenheit war geprägt durch das Paradigma »Bring the user to the content«: Bibliotheken sind traditionell bemüht, nicht nur ihre Lesesäle, sondern auch ihre Online-Services so zu gestalten, dass die Kundschaft gerne und immer wieder dorthin kommt. Sei es durch besondere Architekturen, die den Lesesälen zugrunde liegen oder aufgrund ausgefeilter Usability-Untersuchungen, die die Nutzung etwa von Katalogsystemen und Fachportalen bestmöglich vereinfachen.

Dieses Paradigma wird ergänzt durch zur Reife gebrachte Forschungsarbeiten, die der Idee »Take the content to the user« folgen: Durch neue Services, verfolgen wissenschaftliche Bibliotheken zukünftig ganz genau was ihre Kundschaft in der virtuellen Welt, zum Beispiel in sozialen Netzwerken oder in der Blogosphäre, gerade macht. Bezogen auf diese Tätigkeiten werden Bibliotheksinhalte pro-aktiv dort angeboten, wo sich die Kundschaft gerade befindet.

Ein Beispiel illustriert dies: Schreibt ein Wissenschaftsjournalist einen wirtschaftswissenschaftlichen Artikel zum Thema »Waldsterben« etwa für ein populärwissenschaftliches Blog, so wird aus der Analyse des Geschriebenen eine Suchanfrage an ein Katalogsystem oder ein Fachportal gestellt. Vor dort werden als Hintergrundliteratur direkt die Dokumente (oder bei lizenzierten Materialien die Titelnachweise) zur Verfügung gestellt, die thematisch am besten zu dem Blogeintrag des Wissenschaftsjournalisten passen. Wissenschaftliche Literatur wird zukünftig also in einem Maße viral vermarktet, das ohne die Skaleneffekte des neuen Web 2.0 nicht möglich wäre.

International vernetzter Dienstleister für exzellente Forschung

Aktuelle Entwicklungen in der Forschung lassen zwei große Trends erkennen: Internationalisierung und Interdisziplinarität. Bibliotheken werden diese Trends aufgegriffen haben und sich ihrerseits hochgradig international vernetzen und zwar sowohl innerhalb einer Disziplin als auch disziplinenübergreifend (zum Beispiel WorldCat).

Interdisziplinarität wird insbesondere dadurch erreicht, dass unter Beteiligung der wissenschaftlichen Bibliotheken eine zuverlässige Infrastruktur mit einer transparenten Governance-Struktur für die Linked Open Data Cloud entwickelt wird. Speziell über die Linked Open Data Cloud bereitgestellte Informationen über Bibliotheksinhalte können semantisch verknüpft werden, sodass Literaturrecherchen über Disziplinengrenzen hinaus möglich sind (beispielsweise durch Cross-Konkordanzen zwischen fachspezifischen Thesauri oder Taxonomien).

Darüber hinaus werden Bibliotheken neue Angebote im Portfolio haben, die aus Ergebnissen des Forschungsbereichs Science 2.0 entstammen. Science 2.0 liefert Antworten auf die Frage, wie das neue, partizipatorische World Wide Web wissenschaftliche Forschungs- und Publikationsprozesse unterstützt. Die bereits eingesetzte Entwicklung zeigt, dass wissenschaftliche Ergebnisse, nicht mehr allein in traditioneller Form (zum Beispiel begutachteter Tagungsband oder begutachtete Zeitschrift) erscheinen, sondern in neuen Formen, etwa in wissenschaftlichen Wikis und Blogs publiziert werden. Auch diese Formen der wissenschaftlichen Literatur werden von den wissenschaftlichen Bibliotheken aufgegriffen und im Katalog nachgewiesen.

Dies erfordert einen erneuten Paradigmenwechsel, der bereits eingetreten ist, aber noch weiter verstärkt werden muss: Der Begriff »Bibliotheksbestand« ist weiter als bislang zu fassen. Während in der Vergangenheit der Bestand definiert war über die Monografien, Periodika et cetera (oder allgemein die Druckwerke), die physikalisch in der Bibliothek vorrätig waren, wird dies bei digitalen Medien nicht mehr in umfassendem Maß möglich sein. Zu schnell kommen und verschwinden Wikis und Blogs in nicht beherrschbarer Anzahl; die Zeitspanne, in der ihre Inhalte von wissenschaftlicher Relevanz sind, wird immer kürzer und dennoch muss genau für diese kurze Zeitspanne die Auffindbarkeit und Verfügbarkeit über wissenschaftliche Bibliotheken gewährleistet sein.

Fazit

All diese Ausführungen zeigen, dass wissenschaftliche Bibliotheken großen Herausforderungen gegenüberstehen, die in jedem Fall stattfinden werden. Es ist die Antwort auf die Frage der Positionierung einer Bibliothek, die entscheidet, ob eine Bibliothek Gestalter dieser Entwicklungen sein wird. Wenn sie ihre eigene Zukunft mitgestalten möchte, muss sie auf eine fundierte eigene und an eine Universität angebundene Forschung und Entwicklung setzen. Und das in einem Maße, das heutzutage noch ungewöhnlich groß ist.

Doch selbst wenn die Forschung finanziert werden kann, ist von Seiten des Bibliotheksmanagements mit großer Behutsamkeit darauf zu achten, dass die Forschung in signifikantem Umfang der Innovation der eigenen Online-Angebote oder auch internen Abläufe (zum Beispiel Prozesse bei der Langzeitarchivierung) zugutekommt. Behutsamkeit ist deshalb ein so bedeutendes Kriterium, da mit der Forschung und der wissenschaftlichen Bibliothek zwei Gemeinschaften zusammenkommen, die historisch zwar für einander da waren, aber nicht gemeinsam die eigene Zukunft gestaltet haben: Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare auf der einen und die Forscherinnen und Forscher auf der anderen Seite.

 Klaus Tochtermann (aus BuB Heft 2/2013)

 

Professor Dr. Klaus Tochtermann ist seit 2010 Direktor der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften / Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (ZBW); seit 2010 ist er ebenfalls Universitätsprofessor für Medieninformatik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Wissensmanagement, Web 2.0, Semantische Technologien, Science 2.0. Wissenschaftliche Ausbildung: 2002 Habilitation für das Fach »Angewandte Informationsverarbeitung« an der TU Graz; 1985 bis 1991 Studium der Informatik in Kiel und Dortmund; Promotion im Fach Informatik an der Universität Dortmund.

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