Das Herz ist wieder hergestellt – Der neue Allgemeine Lesesaal der Staatsbibliothek zu Berlin

Im Dezember 2012 konnte die Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SBB-PK) an ihrem Standort Unter den Linden den symbolischen Schlüssel für ihre lange erwarteten Neubauten entgegennehmen: den neuen Allgemeinen Lesesaal, den Rara-Lesesaal, die Tresormagazine und das Freihandmagazin. Knapp 100 Jahre nach der Einweihung des Gebäudes für die damals noch Königliche Bibliothek und 70 Jahre nachdem der Kuppellesesaal durch Bomben schwer geschädigt und später abgerissen wurde, hat dieses Haus endlich wieder ein funktionales und architektonisches Zentrum, entworfen vom Stuttgarter Architekten HG Merz.

Während die Generalsanierung und Modernisierung des 13 Geschosse hohen Altbaus bis zum Jahr 2015/16 weitergeführt wird, stehen die neuen Lesesäle ab Mitte März dieses Jahres allen Interessenten offen. Zum ersten Mal in ihrer über 350-jährigen Geschichte bietet die größte wissenschaftliche Universalbibliothek Deutschlands an zwei Standorten Arbeitsumgebungen an, die technisch auf der Höhe der Zeit sind. Für die wissenschaftlichen Bibliotheken Berlins setzt der neue Lesesaal in der Reihe der beachtlichen Neubauten der letzten Jahre vorläufig einen Schlussstein.

Vor 15 Jahren beschlossen Vertreter des Bundes und der Länder, die Staatsbibliothek zu Berlin so auszubauen und zu profilieren, dass sie in und mit ihren beiden Standorten Potsdamer Straße und Unter den Linden wieder ihrer herausgehobenen Rolle gerecht werden kann. Mehr als jede andere Institution war diese Bibliothek durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs in ihrer Entwicklung gehemmt worden. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Zusammenführung ihrer nunmehr zwei großen Standorte im Zentrum Berlins sollte die SBB-PK in absehbarer Zeit wieder jene Rolle einnehmen können, die ihren Beständen, ihrem Leistungsvermögen und ihrer exponierten Lage gerecht wird.

Dass dies bald gelingen könnte, war Ende der 90er-Jahre keineswegs gewiss: Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare waren zuvorderst damit befasst, die Folgen der jahrzehntelangen Teilung von Beständen und Katalogen zu überwinden, Arbeitsweisen anzugleichen, Aufgaben und Personal sinnvoll auf beide Standorte zu verteilen. Während andere Institutionen sich bis dahin stetig weiterentwickelt hatten und sich dem digitalen Zeitalter zuwandten, musste die SBB-PK gemeinsam mit ihren Geldgebern und Experten für Bibliotheksfragen zunächst ihre Position neu bestimmen: eine moderne, leistungsstarke Bibliothek mit zwei modern ausgestatteten Häusern in der deutschen Hauptstadt zu sein, die in der Erhaltung von Kulturgütern und der Schaffung exzellenter Forschungsbedingungen für Studierende und Wissenschaftler ebenso ihre Schwerpunkte sieht wie darin, zur steten Weiterentwicklung des Bibliothekswesens beizutragen.

In den vergangenen zehn Jahren wurde der Anschluss an die großen Aufgaben moderner Bibliotheken geschafft: Heute hat die SBB-PK bei einigen nationalen und internationalen Projekten die Federführung inne, mit Blick auf ihre unikalen Sammlungen leistet sie ihren Beitrag zur digitalen Bereitstellung von Literatur und Kulturgütern, und sie stellt ihre vielfältigen Expertisen zur Verfügung. Parallel zu diesen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen wurde der größte und aufwendigste Baustein des Entwicklungskonzepts der SBB-PK in Angriff genommen: das Haus Unter den Linden baulich auf einen modernen Stand zu bringen und sein verloren gegangenes Herz – den zentralen Lesesaal – wieder herzustellen.

Zwei Lesesäle, die sich ergänzen

Eine der Wegmarken auf dem Weg zu einer Bibliothek in zwei Häusern war die sinnfällige Verteilung der jeweils in den Allgemeinen Lesesälen angebotenen Literatur. Während es einer Benutzerin oder einem Benutzer vermutlich egal ist, aus welchem Magazin ein Buch zu ihm kommt, solange er es an den Ort seiner Wahl bestellen kann, ist es für die Arbeit in den Lesesälen sehr wohl von Bedeutung, welche Literatur dort frei zugänglich aufgestellt ist.

Solange jedoch der neue Allgemeine Lesesaal mit seinem 36 Meter hohen Glaskubus nicht fertiggestellt war, konnten solche Fragen nur konzeptionell und planerisch verfolgt werden. Jetzt aber, nachdem im Januar und Februar dieses Jahres die Bestände in die Regale eingeräumt werden konnten, ist die inhaltliche Ausrichtung der beiden Allgemeinen Lesesäle – und damit der Standorte – im Großen und Ganzen vollendet: Unter den Linden befindet sich der Historische Forschungslesesaal, im Haus Potsdamer Straße der Forschungslesesaal der Moderne.

Kurz gefasst bedeutet dies, dass sich die beiden Allgemeinen Lesesäle inhaltlich ergänzen und miteinander verschränkt sind: Im Haus Potsdamer Straße steht Freihandliteratur mit Bezug auf die Zeit der Moderne bis zur Gegenwart, im Haus Unter den Linden hingegen Bücher, die sich auf die Epochen der Vormoderne beziehen, deren Abschluss die Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts markiert. Die kurze Formel »Schnittstelle Moderne« wird für jedes Fachgebiet leicht variieren, sie hat sich aber nach intensiver Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Verteilung der Bestände auf die Orte als die am ehesten verständliche und zugleich gut zu organisierende herauskristallisiert.

Zwei fantastische Orte stehen allen offen

Seien die Fragestellungen unserer Benutzer privat oder beruflich motiviert – sobald sie über 16 Jahre alt sind, können sie sich in den Kosmos unserer Bestände vertiefen, sich in dem angenehmen Ambiente des einen oder anderen Lesesaals aufhalten und dort geistiger Arbeit nachgehen. Was für Chancen! An sechs Tagen pro Woche kann man zwischen zwei fantastischen Arbeits- und Lernorten in denkmalgeschützten Gebäuden wählen, die in kurzer Entfernung zueinander liegen. Über 900 Arbeitsplätze gibt es in der von Hans Scharoun und Edgar Wisniewski vor 50 Jahren entworfenen Lesesaallandschaft im Haus Potsdamer Straße, dieser Architekturikone von zeitloser Modernität.

Der Neubau von HG Merz wird sich in der Öffentlichkeit erst noch bewähren müssen; baufachliche Kreise zeigen sich indes sehr davon angetan, wie Architekten, Planer und Bauausführende die Aufgabe, Altes mit Neuem zu verbinden, meisterten. Auf 9 000 Quadratmetern in vier Etagen findet man im Allgemeinen Lesesaal 250 Benutzerarbeitsplätze, im Rara-Lesesaal 48. In Letzterem bietet übrigens bis zur Fertigstellung des eigenen Lesesaals im Jahr 2016 die Musikabteilung ihre Dienstleistungen mit an, interimistisch ist auch die Unterbringung des Kartenlesesaal im sanierten Altbau.

Architektur und Materialien

Geräumig, geradezu luftig-leicht präsentieren sich die neuen Säle. Sobald man den provisorischen Eingang zur Bibliothek durchschritten, das Drehkreuz mit einem gültigen Benutzerausweis passiert und sich ins Hauptfoyer begeben hat, nimmt einen die Architektur und deren materielle Umsetzung zum ersten Mal gefangen.

Einladend zeigt sich die Lounge mit den gelb bezogenen Freischwingerstühlen, von hier geht der Blick durch eine große Glasscheibe auf einen der noch zu sanierenden Höfe, was in den kommenden Jahren ein interessanter Beobachtungsgegenstand sein kann. Gegenüber liegt die strahlend helle Leihstelle, deren dominierende Regale mit nahezu weiß eingefärbtem Birkenholz furniert sind.

Direkt angrenzend ist die Zentrale der Buchtransportanlage untergebracht, welche in ihrer Endausbaustufe im Jahr 2015/16 auf einer Länge von 1 500 Metern über 17 Linear- und 4 Umlaufaufzüge alle sieben Etagen der Magazine mit der Leihstelle verbinden wird.

Nicht zu sehen, aber dennoch interessant zu wissen: Unter dem Hauptfoyer befinden sich die zwei Tiefgeschosse mit 3 000 Quadratmetern Tresormagazin, wo die besonders schützenswerten Objekte der SBB-PK untergebracht werden – Musikautografe wie die 9. Sinfonie von Beethoven, die größten Sammlungen mit Mozart- und Bachautografen, Inkunabeln wie die wohl prächtigste Gutenberg-Bibel, Kartografisches wie der Mercator-Atlas, Handschriften wie die einzige Miniaturenhandschrift des Nibelungenliedes und vieles mehr.

Vom Hauptfoyer gelangt man sowohl zum Rara-Lesesaal als auch zum Allgemeinen Lesesaal. Beide sind mit denselben Materialien ausgestattet, deren Farbgebungen wohlig miteinander korrespondieren: der markante rotgelbe Teppich, die schon in der Lounge gesehenen Freischwinger, die mit rötlich gefärbtem italienischem Pappelholz furnierten Regale, Tische und Tresen, die orange durchgefärbten Kautschukflächen, welche die einzelnen Arbeitsplätze definieren.

Den Lesesälen gemeinsam ist auch die Ausstattung der Arbeitsplätze mit filigran-eleganten Leselampen. Stark beanspruchte Bereiche sind aus massivem Kirschholz gefertigt: die Treppen zu den Galerien, die Handläufe, und natürlich die Haupttreppe. Diese ragt vom Hauptfoyer hinauf in den Allgemeinen Lesesaal und macht den Benutzer schon während des Aufstiegs zum Lesesaal mit der Optik und der haptischen Qualität des Interieurs vertraut.

Während man den Blick in den 18 Meter hohen Innenraum des Lesesaals lenkt, wird man von einem anderen Element gefangen: Unter der mit weißem Kunststoff ausgekleideten Glasdecke des Kubus hängt das Kunstwerk »Noch Fragen?«, ein aus Aluminium gefertigtes Knäuel mit Ansichten aktueller Zeitungen und Zeitschriften.

Beim späteren Anstieg in die oberen Etagen des Lesesaals fällt der Blick immer wieder auf die einzigartige Fassade aus doppelschaligem Glas. Die künstlerische Gestaltung des Glaskubus’, der im oberen Teil des Innenraums mit Kunststoff ausgekleidet ist, war für HG Merz von außen stets das sichtbare bestimmende Element dieses Baus. Von innen her betrachtet brechen die thermisch verformten Scheiben das Licht und geben von vielen Stellen aus irisierende Blicke auf den umliegenden Altbau frei.

Die Wissenschaftslandschaft Berlins, die schon in den vergangenen Jahren mit herausragenden Bibliotheksbauten deutlich gestärkt wurde, hat nun einen weiteren modern ausgestatteten Ort der Forschung hinzugewonnen. Wir warten jetzt gespannt auf die Resonanz, die dieses neue Angebot erfahren wird.

 Jeanette Lamble, Barbara Schneider-Kempf (aus BuB Heft 3/2013)

 

Barbara Schneider-Kempf ist seit Januar 2004 Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin. Studium der Architektur. Von 1988 bis 1992 Leiterin mehrerer Dezernate an der Universitätsbibliothek Duisburg: Von 1992 bis März 2002 Direktorin der neu gegründeten Universitätsbibliothek Potsdam. Ab April 2002 unterschiedliche Leitungsfunktionen in der Staatsbibliothek zu Berlin.

Jeanette Lamble ist seit 2000 Pressesprecherin der Staatsbibliothek zu Berlin. Von 1983 bis 1988 Studium der Afrikanistik und Anglistik. 1988 und 1989 Rundfunkjournalistin. Von 1992 bis  1999 stellvertretende Pressesprecherin im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg.

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