Bibliothekskonferenz „Chancen 2016“ – Internetanschluss zum »Ausleihen«

München. Ein politisches Grußwort per Video des EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz aus Brüssel, ein Einführungsvortrag der designierten spanischen IFLA-Präsidenten Glòria Pérez-Salmerón, danach Referenten aus der US-Metropole New York genauso wie von der kleinen griechischen Insel Leros, eine Bibliotheksberaterin aus Finnland und zahlreiche Experten aus ganz unterschiedlichen deutschen Bibliotheken – das Informationsangebot bei der diesjährigen Bibliothekskonferenz „Chancen 2016“ am 28. Januar im Münchner Goethe-Institut war geografisch und inhaltlich breit gefächert. Eines hatten die Referenten jedoch gemeinsam: Sie zeigten eindrücklich, wie – so auch das Motto der Veranstaltung – Bibliotheken den Wandel meistern können.

 

Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, überraschte die Teilnehmer der Chancen-Konferenz mit einem Grußwort aus Brüssel. Foto: ekz

Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, überraschte die Teilnehmer der Chancen-Konferenz mit einem Grußwort aus Brüssel. Foto: ekz

 

Auf besonders unkonventionelle Weise wird der gesellschaftliche und mediale Wandel in New York gemeistert, wie der deutschstämmige Director of Customer Experience der New York Public Library (NYPL), Johannes Neuer, in seinem Workshop referierte. Ein Drittel der Einwohner New Yorks, so Neuer, habe keinen Zugang zum Internet. Nicht zuletzt deshalb spielen die digitalen Angebote in seiner Bibliothek eine ganz wesentliche Rolle.

Im Mittelpunkt steht dabei seit 2013 die sogenannte »TechConnect«-Initiative. Unter diesem Label werden über 80 verschiedene Kurse in den New Yorker Stadtteilbibliotheken und in speziell dafür eingerichteten »TechConnect«-Schwerpunktzentren angeboten – und zwar kostenlos. Das Angebot beginnt mit Einsteigerschulungen, in denen Teilnehmer lernen, mit Tastatur und Maus umzugehen, über E-Mail und soziale Netzwerke zu kommunizieren und mit Geräten wie iPads und Smartphones umzugehen. Fortgeschrittene können lernen, wie man Microsoft Office oder Bildbearbeitungsprogramme anwendet und sich in Jobportalen wie LinkedIn bewegt. Darüber hinaus gibt es aber auch Kurse, die auf die Angebote der Bibliothek abzielen, wie zum Beispiel den Online-Katalog, E-Book-Downloads, Suchen ohne Google und Online-Sprachkurse.

Neuer erklärte die dahinter liegende Strategie: »Wir wollen ein Zentrum für Weiterbildung sein und die Bildungs- und Teilhabechancen für alle Menschen verbessern.« Die Bibliotheken würden auf diese Weise immer mehr zu lebensnotwendigen Gemeinschaftszentren und spielten eine Schlüsselrolle in der digitalen Gesellschaft. Kein Wunder also, dass es in der NYPL sogar Kurse gibt, in denen Teilnehmer in zehn Wochen lernen, wie sie selbstständig Webseiten mit HTML5 und CSS3 programmieren. Ein äußerst beliebtes Angebot. »Wir haben derzeit eine Warteliste von 5 000 Teilnehmern«, räumte Neuer ein.

Damit ist das digitale Angebot der NYPL aber keinesfalls erschöpft. Mit »Library Hotspot« bietet die Bibliothek Benutzern ohne Internetanschluss die Möglichkeit, sich einen Zugang – Hotspot – für die Dauer eines Jahres kostenlos »auszuleihen«. Die Kosten des Geräts und die monatlichen Nutzungsgebühren werden von der Bibliothek getragen, die das Programm wiederum über Sponsoren finanziert. Neuer gab an: »Insgesamt verleiht die NYPL 10 000 Hotspots an erwachsene Bibliotheksnutzer.« Darüber hinaus verfügt die Bibliothek über 500 Chromebooks, die von den Nutzern ebenfalls für die Dauer eines Jahres ausgeliehen werden können. Diese Laptops werden nach Bedarf an Kinder und Jugendliche verliehen, die an nachmittäglichen »Out-of-School-Time«-Angeboten der Bibliothek teilnehmen.

Im Rahmen dieses Angebots verbringen Schüler mehrmals die Woche bis zu drei Stunden in der Bibliothek, wo sie Hausaufgaben machen, Nachhilfe bekommen und sich mit Lernprogrammen an Computern weiterbilden können. Ein Schwerpunkt liegt auf der Leseförderung. Für die Klassen eins und zwei vermittelt die NYPL beispielsweise Jugendliche als Lesementoren, die an vier Nachmittagen der Woche individuell auf die Bedürfnisse der Grundschüler eingehen. Dabei sind die Jugendlichen ebenfalls Teil der Initiative. Als Highschool-Schüler der Klassen zehn bis zwölf können sie sich ihre Mentorentätigkeit als Praktikum anerkennen lassen. Nach einem erfolgreich abgeschlossenen Praktikum können die Jugendlichen dann ihre Arbeit als Teilzeitkräfte der Bibliothek mit Bezahlung weiterführen.

Leere öffentliche Kassen

Kontrastprogramm: 8 000 Kilometer entfernt hat es Bibliothekar Dimitris Stamatelos auf der kleinen griechischen Insel Leros nicht nur mit dem Flüchtlingsansturm, sondern auch mit weitgehend leeren öffentlichen Kassen zu tun. Dennoch gelang es ihm auf beeindruckende Weise, die örtliche Bücherei von einer staubigen Bücherhalle in eine attraktive Bibliothek zu verwandeln. Um das zu erreichen, wendete er im Wesentlichen dasselbe Rezept wie die KollegInnen in New York an: Networking. Durch Kooperationen, Sponsoring-Verträge und Partnerschaften brachte er die Bibliothek zurück ins gesellschaftliche Leben der Kommune. Dazu erklärte Stamatelos: »Die wichtigsten Verbündeten bei dieser Strategie sind die Bibliotheksnutzer. Denn sie fordern an den entsprechenden politischen Stellen Verbesserungen und sind so unsere eigentliche Existenzberechtigung.«

Das erfolgreiche Vorgehen von Stamatelos könne auch Vorbild sein für viele ländliche Bibliotheken in Deutschland, erklärte Samo Darian, der Leiter des Programms »Transformation von Kultureinrichtungen in strukturschwachen Räumen« der Bundeskulturstiftung in Berlin. In der Bundesrepublik wohnen zwei Drittel der Menschen in ländlichen Regionen, und gerade dort stehen in den kommenden Jahren gravierende gesellschaftliche und demografische Veränderungen bevor. Darian sagte: »Zur Erhaltung der kulturellen Infrastruktur bei schrumpfender Bevölkerung werden Allianzen aus Kultur, Bildung und Politik immer wichtiger.«

Um auch künftig ein zeitgemäßes Angebot bieten zu können, müssten sich Kultureinreichungen auf dem Land selbst transformieren, was in erster Linie eine Aufgabe der Leitungsebene sei. Der Experte schlug folgende Strategien vor: Die Menschen vor Ort sollten mit ihren vielfältigen Fähigkeiten in die Kultur- und Bildungskonzepte einbezogen werden. Herzstück seien, so Darian, Kooperationen und Netzwerke. Um Ressourcen zu sparen, müsse bei den Angeboten unbedingt für die ganze Region gedacht und geplant werden. Schließlich sei es auch notwendig, dass einzelne Akteure wie zum Beispiel Bibliotheken komplett neue Aufgaben übernehmen und dafür bisherige Arbeitsbereiche aufgeben. Darian gab zu bedenken: »Hier wird es auch zu Verlusten kommen.«

 

Mehr als 250 Teilnehmer aus 10 Ländern kamen zur dritten Chancen-Konferenz ins Goethe-Institut nach München. Foto: ekz

Mehr als 250 Teilnehmer aus 10 Ländern kamen zur dritten Chancen-Konferenz ins Goethe-Institut nach München. Foto: ekz

 

In deutschen Großstädten dagegen sehen die Arbeitsbedingungen für Bibliotheken vielmals ganz anders aus. Einen Weg, um den Wandel dort zu meistern, zeigte Hannelore Vogt für die Stadtbibliothek Köln auf: »Wir müssen künftig mehr mit Menschen, statt mit Medien arbeiten.« Die Bibliothek, so Vogt, erlebe derzeit einen Paradigmenwechsel: Der Bibliotheksbesucher sei immer weniger der passive Konsument, sondern wolle vielmehr aktiv mitmachen und gestalten. Die Bibliothek müsse dafür die entsprechenden Möglichkeiten, vom 3-D-Drucker bis zu den Serious Games, schaffen. Vogt stellte klar: »Bibliotheken brauchen hier den Mut, auch mal voranzugehen und etwas Neues auszuprobieren.« Wichtig dabei sei jedoch, sich nicht zu viel auf einmal vorzunehmen.

Um diese neuen Vorhaben, die vor allem über Sponsoren, Partner und andere Projektmittel finanziert werden, umzusetzen, habe man in Köln spezialisierte Teams gebildet – und zwar aus allen Hierarchieebenen, von der Leitung bis zum FaMI. Vogt: »Auf diese Weise erreichen wir eine optimale Mischung der Fähigkeiten und Charaktere.« Umso mehr verschiedene Mitarbeiter sich hier einbrächten, umso größer seien die Erfolgschancen. Dennoch bräuchte man natürlich auch weiterhin KollegInnen für die bisherigen bibliothekarischen Arbeitsbereiche. Vogt stellte klar: »Diese MitarbeiterInnen sind genauso wichtig.«

Ansprechpartner für Flüchtlinge

Ein Aufgabenfeld, das derzeit bundesweit immer größere Bedeutung erlangt, sind die Angebote für Flüchtlinge. Britta Schmedemann von der Stadtbibliothek Bremen stellte in München Praxisbeispiele aus ganz unterschiedlichen Einrichtungen in Deutschland vor. Eine umfangreiche Sammlung hierzu findet sich auf dem Bibliotheksportal unter: www.bibliotheksportal.de/themen/bibliothekskunden/interkulturelle-bibliothek/praxisbeispiele/bibliotheksangebote-fuer-fluechtlinge-und-asylbewerber.html. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch der neue Animationsfilm des Deutschen Bibliotheksverbands zum Herunterladen. Er erklärt Besuchern mit Verständigungsproblemen ganz ohne Worte, wie eine Bibliothek funktioniert: http://www.bibliotheksverband.de/index.php?RDCT=d796398b933b69858d8a. Ein weiterer aktueller Service für Flüchtlinge ist die »Ankommen«-App mit Sprachhilfen und allgemeinen Infos, an deren Ausarbeitung das Goethe-Institut beteiligt war: https://www.ankommenapp.de/. Auf dieses Angebot soll künftig in großem Stil mit Infokärtchen hingewiesen werden, deren Auslage auch in Bibliotheken sinnvoll wäre.

Angesichts der Fülle an inzwischen ausgearbeiteten Angeboten für Flüchtlinge riet die Bremer Expertin unbedingt dazu, vor dem Start neuer Projekte erst den Bedarf vor Ort zu prüfen, um Fehlinvestitionen zu vermeiden. Ohnehin sei ein offener, interessierter, respektvoller und freundlicher Umgang mit den Flüchtlingen die wichtigste Voraussetzung. Viele Neuankömmlinge hätten traumatische Erlebnisse hinter sich und müssten sich unter schwierigen Bedingungen ganz neu orientieren. Ein persönlicher Ansprechpartner sei in dieser Situation besonders wichtig und hilfreich. Schmedemann betonte: »Die Flüchtlinge wollen als Menschen und Individuen wahrgenommen werden. Bei Führungen sollte man deshalb den persönlichen Kontakt und nicht die Bibliotheksregeln in den Vordergrund stellen.«

Weitere spannende Vorträge wurden auf der Bibliothekskonferenz „Chancen 2016″ präsentiert und sind allesamt auf der Webseite der ekz.bibliotheksservice GmbH nachzulesen: www.ekz.de/seminare-veranstaltungen/veranstaltungen/chancen-2016. Neben dem Bibliotheksausrüster aus Reutlingen waren der Berufsverband Information Bibliothek (BIB), der Deutsche Bibliotheksverband (dbv), das Goethe-Institut sowie die Münchner Stadtbibliothek Mitveranstalter. Zu der Konferenz kamen mehr als 250 Teilnehmer aus 10 Ländern.

(Bernd Schleh, BuB-Redakteur; 11.3.2016)

 

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